Artikel

Alle Jahre wieder … reloaded

"Alle Jahre wieder": So betitele ich eine Artikelreihe, die hier auf progrock-dt.de in den letzten Jahren immer wieder (aber ehrlich gesagt nicht alle Jahre) empfehlenswerte Weihnachtsmusik für den festfreundlichen Proggy von Nebenan empfiehlt, der sich nicht mehr der akustischen Folter von Wham!, Mariah Carey, den Zillertaler Schlammspatzen oder Wolfgang Petry aussetzen will und stattdessen etwas anspruchsvollere Weihnachtsmusik sucht, die proggy oder zumindest Prog-kompatibel ist.

Wenn demnächst die Familie, die Kollegen, die Freunde, die Mitbewohner im Kellerverließ oder gar der Partner zwei Tage vor der Weihnachtsfeier die musikalische Kernkompetenz einfordern ("Du kennst Dich doch mit guter Musik aus, behauptest Du immer...") und nach geschmackvollen Alternativen zu 'Last Christmas' um dem 'Wolfgang-Petry-Weihnachtshitsmix' verlangen, muss der Prog-Fan künftig nicht mehr achselzuckend passen, denn es gibt sie, die weihnachtliche Musik mit (mehr oder minder) Prog-Attitüde. Hier nun ein paar (upgedatete) Einkaufstipps für proggige Weihnachten Wie auch schon letztes Jahr sind alle folgenden Tipps sowie weitere empfehlenswerte Weihnachts-CDs ab sofort in unserem Weihnachts-Shop bestellbar.

Kate Bush - 50 Words For SnowKate Bush - 50 Words For SnowEin echtes winterliches Highlight aus der Prog-Welt bescherte Kate Bush 2011 ihren Fans: Mit 50 Words for Snow veröffentlichte sie kein Weihnachts-, wohl aber ein Winter-Album (genauer gesagt ein "Schnee"-Album), auf dem sie (noch einmal) alle Register ihres Könnens zieht, sowohl kompositorisch, als auch gesanglich. Selbst beim Duett mit Elton John (mit unüberhörbar angegriffener, brüchiger Stimme) gelingt die Gratwanderung zwischen ergreifender und gefühlvoller Ballade, ohne dass sie ins Kitschige abrutscht. Ein Höhepunkt ist das Titelstück mit Stephen Fry und 50 (erfundenen) Worten für Schnee. Viel zu schade, um nur in den Wochen vor Weihnachten gehört zu werden!

Sting - If On A Winter's NightSting - If On A Winter's NightEine der gelungensten Veröffentlichungen in Sachen weihnachtlicher/winterlicher Musik kam 2010 von Sting: Sein Album If On A Winter's Night geht thematisch und musikalisch weit über "normale" Weihnachts-CDs hinaus. Von traditionellen englischen Weihnachtsliedern des Mittelalters, über Eigenkompositionen bis hin zu einer sehr gelungenen Fassung des “Leiermann” aus “Der Winterreise” von Franz Schubert, Sting spannt einen weiten winterlichen Bogen. So unterschiedlich die Songs, so unterschiedlich die Arrangements: Folk, gediegener Pop, Ethno-Einflüsse (wundervoll der indische Chor auf “Christmas At Sea”), Jazz, dazu jede Menge Mittelalter- und Renaissance-Instrumente, alles sehr dezent und geschmackvoll eingespielt. Stings Stimme ist in den letzten deutlich tiefer und etwas heiserer geworden, doch singen kann er immer noch und man hört dem Album an, wie viel Freude er beim Einspielen der Songs hatte. Sting hat einmal in einem Interview gesagt, er wolle nicht ewig der Popstar sein. Er scheint sich langsam eine Nische für ein würdevolles Spätwerk zu schaffen. “If On A Winter’s Night” ist eine zeitlose Platte geworden.

Sarah McLachlan - WintersongSarah McLachlan - WintersongDas vielleicht schönste Weihnachtsalbum aus der (weiblichen) Singer/Songwriter-Ecke kommt von der Kanadierin Sarah McLachlan. Auf Wintersong, ihrem wohl besten Album, verbindet sie ruhige, semi-akustische Arrangements mit traditionellen ("What Child Is This?", "Silent Night") und modernen ("I'll Be Home For Christmas", "River") Weihnachtsliedern. Wer es ruhig und besinnlich und (wirklich) nur ein bisschen kitischig mag, der ist mit Sarah MacLachlans "Wintersong" deutlich besser bedient als mit Auch Tori Amos Midwinter Graces oder gar Enyas And Winter Came und Loreena McKennitts A Midwinter Night's Dream. Und wer's etwas humorvoller mag und Sarah McLachlan auf Dauer 'zu besinnlich' ist, der sollte sich unbedingt One More Drifter in the Snow von Aimee Mann zulegen: Intelligente, augenzwinkernde und beschwingte Weihnachtsmusik.

The December People - Sounds Like ChristmasThe December People - Sounds Like ChristmasEiner der Klassiker der letzten Jahre im Bereich "weihnachtlicher Progrock" ist mit Sicherheit das Album Sounds Like Christmas von den December People aus dem Jahre 2001, hinter denen niemand Geringeres als Robert Berry (Jack Foster III, Ex-Three) und einige illustre Gäste (unter anderem John Wetton, Steve Walsh, Trent Gardner) stehen. Die Idee war gewitzt: Wenn man schon nicht alle Supergroups des Progs für ein Weihnachtsalbum gewinnen kann, dann kann man wenigstens Weihnachtsklassiker in deren Sound interpretieren. Mit den richtigen Sängern ist die Illusion zwar nicht wirklich wasserdicht pardon winterhart, aber mit etwas Glühwein und gutem Willen hört man dann wirklich Weihnachtliches von Bands wie Genesis, Yes, Pink Floyd, King Crimson, Kansas, Beatles oder Queen. In wie weit das Album dann über eine (unfreiwillige) Parodie hinausreicht, muss wohl jeder für sich selbst entschieden haben. Gehört haben sollte man das Album allerdings wirklich einmal. Mittlerweile sind mit Rattle and Humbug (2010) und December People 3 (2012) erschienen, die das Konzept des Debüts aufgießen – allerdings ohne an den Trash/Kult-Charakter des Debüts heranzureichen.

The Jethro Tull Christmas Album: ExtendedThe Jethro Tull Christmas Album: ExtendedIan Anderson hatte sich auf den Alben seiner Band Jethro Tull immer wieder mit Weihnachten beschäftigt. 2003 fasste er alte und neue Weihnachtssongs zum Album The Jethro Tull Christmas Album zusammen und überraschte die Kritiker positiv: Das Album bietet beschwingte, weihnachtliche Songs (sowohl traditionelle Weihnachtslieder wie "God rest ye merry gentlemen", als auch Eigenkompositionen wie "Birthday card at Christmas" und den Tull-Klassikern "A Christmas Song" und "Another Christmas Song") im folkigen Klanggewand mit viel Flöte und mit einem Augenzwinkern - wie immer bei Ian Anderson. Ein Weihnachtsalbum, das Spaß macht. Das Album ist dieses Jahr (2009) in einer erweiterten Version wiederveöffentlicht worden. Auf einer Bonus-CD gibt es das weihnachtliche Material live. California Guitar Trio - A Christmas AlbumCalifornia Guitar Trio - A Christmas Album

(Fast) Rein akustisch geht es beim California Guitar Trio auf A Christmas Album zu. Die drei Gitarrenvirtuosen Bert Lams, Hideyo Moriya und Paul Richard, die üblicherweise gerne etwas respektlos-ironisch mit der klassischen Musik umgehen, halten sich auf ihrem Weihnachtsalbum angenehm zurück. Statt drolliger Verulkungen gibt es dezente Gitarrenmusik zum Fest. Dabei bedienen sich die drei Fripp-Schüler aus einem Fundus von über 500 Jahren weihnachtlicher Musik. Wer auf der Suche nach geschmackvollen Interpretationen ist, der liegt mit diesem Album goldrichtig.

Quadriga Consort - On A Cold Winter's DayQuadriga Consort - On A Cold Winter's DayEine CD, deren Musik sich nicht einfach in eine Schublade stecken lässt, kommt vom österreichischen Quadriga Consort: Nominell ein 'klassisches' Alte-Musik-Ensemble bemüht sich die »Alte-Musik-Band« (Eigenbeschreibung) um einen unverkrampften Umgang mit Alter Musik und Folk der britischen Inseln – mit Erfolg: Ohne qualitative Kompromisse einzugehen oder sich an die Popmusik anzubiedern, gelingt ihnen auf On a Cold Winter's Day eine stimmungsvolle, weihnachtliche, 'klassische' und vor allem unverkrampfte Umsetzung alter Weihnachtslieder aus England, Wales, Schottland und Irland. Für stimmliche (und sprachliche) Kompetenz bürgt die Sängerin (und Muttersprachlerin) Elisabeth Kaplan, für die exquisiten, abwechslungsreichen Arrangements sorgt der Kopf und Cembalist der Quadrigas, Nikolaus Newerkla. Dies ist eine der schönsten Weihnachtsproduktionen der letzten Jahre, die gewiss auch Weihnachtsmusik-Fans gefallen wird, die normalerweise nichts mit klassischer Musik am Hut haben (oder die wie ich den Renaissance- und Mittelalter-Kitsch, der gerade so in ist, verabscheuen).

Bugge Wesseltoft - It's Snowing On My PianoBugge Wesseltoft - It's Snowing On My PianoDer letzte Tipp in diesem Artikel mit prog-kompatibler Weihnachtsmusik ist ein ganz persönlicher: Bugge Wesseltoft, norwegischer Jazzmusiker und üblicherweise dem modernisierendem Teil der Jazz-Szene zugehörig, hat 1997 eher zufällig ein stilles Weihnachtsalbum der Extra-Klasse eingespielt. Anstatt Elektronik, Improvisation und Piano-Jazz miteinander zu vermengen (so wie er das üblicherweise unter der Überschrift "New Conception of Jazz" macht), reduzierte Wesseltoft klassische Weihnachtssongs (und einige neue Improvisationen) aus Skandinavien und aus Rest-Europa auf It's Snowing on My Piano auf zurückhaltende, sehr ruhige Piano-Variationen. Wesseltoft gelingt dabei wie keinem anderen zuvor, selbst die trivialsten und abgenutzesten Weihnachtsmelodien neu aufzuschlüsseln. Wer auf den improvisierten Jazz von Keith Jarrett (The Köln Concert) oder von Bill Evans (Alone) steht, wird sehr viel Freude an diesem Album haben, aber auch andere Jazz- und Prog-Fans sollten unbedingt einmal in dieses besinnliche, aber unkitschige Album hineinhören.

Wie gesagt: All diese Tipps und noch viele andere Weihnachts-CDs findet ihr ab sofort im amazon-Shop der Website in der Rubrik Proggige Weihnachten.