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Festival Internacional de Musica - Gouveia Art Rock 2008
Geschrieben am 09.04.2008 von Fix Sadler
GAR 2008Eines der weltweit beeindruckendsten Prog-Festivals findet alle Jahre wieder in Zentral-Portugal statt. Allein; so richtig hat dies noch niemand mitbekommen... Das Gouveia ArtRock Festival (GAR) konnte schon in den Jahren 2003 bis 2007 mit hochklassigen Lineups überzeugen. 2008 dürfte aber der bisherige Höhepunkt erreicht worden sein.
Gouveia ist ein verschlafenes Bergnest, irgendwo im Landesinneren zwischen Porto und Lissabon. Im sechsten Jahr in Folge präsentierten ein Haufen verwegener "Progverrückter" in Zusammenarbeit mit den Dorfoberen eine hochklassige Band nach der anderen. Die Rahmenbedingungen sind dabei nahezu perfekt. Der Ort ist alles andere als weitläufig. Fans, Musiker, Organisatoren und etwas indigniert dreinblickende Einheimische laufen sich permanent über den Weg. Das Teatro Cine De Gouveia ist ein fantastisches Kino im Stile der 50er Jahre, welches (inzwischen leider nur) 350 Leute fasst. Sound und Beleuchtung in diesem stimmungsvollen Ambiente setzen Standards. Das Festival findet immer Anfang April statt, die Wetterbedingungen in Portugal lassen ein paar frühsommerliche Eindrücke zu, auch wenn es keine Wettersicherheit gibt. Für die "artistische Direktion" ist Eduardo Mota verantwortlich, welcher in Absprache mit seinen Helferlein Jahr für Jahr abwechselungsreiche Lineups zusammen stellt, die sowohl klassische Progbands, Bands in RIO-Tradition, Solo-Performances bekannter Musiker, schräge, prognahe Combos, RetroProg, auch schon mal NeoProg usw. beinhalten.
So konnte man in den Vorjahren so unterschiedliche Combos wie Alamailman Vasarat, Anekdoten, Isildur's Bane, Present, Taal, Arena, Matthew Parmenter (Discipline), French TV, Caamora und so fort präsentieren (nähere Infos unter: http://www.gaudela.net/gar/index-e.html). Gar 2008 sah wie folgt aus:

Beduinos A Gasóleo
Die portugiesische Combo um Keyboarder José Carlos Fialho hatte die Ehre das Festival am Samstag zu eröffnen. Die Band agierte sehr lyrisch, nicht zuletzt Flötist Sérgio Costa, sowie Sängerin Petra und Sänger Janita Salomé (welcher ein landesweit bekannter Folklore-Sänger ist) setzen folkloristische Akzente, welche nicht unwesentlich durch vorderasiatische Einflüsse geprägt sind. Alles in Allem war mir das dargebrachte noch zu ruhig und zu schöngeistig. Dennoch wurde klar, dass man keineswegs "regionalen Füller" als Auftakt gewählt hatte. Die Qualität war seriös und gut und sollte mit folgenden, sicherlich weitgehend bekannteren Bands noch gesteigert werden.
Pär Lindh
Meine Bekanntschaften mit den musikalischen Outputs des "schwedischen Keith Emerson" waren eher von zaudern geprägt, so dass ich mit geringen Erwartungen in diese Solo-Performance ging. Ich mache es kurz; Pär Lindh war einer der Gewinner des Festivals! Entertainment pur könnte man sagen. Wo seine Studio-Alben vor klischee-behaftetem Keyboardgetue nur so strotzen, setzte sich der Mann mit der augenzwinkernden Attitüde an sein Piano und durchlebte die "Historie Of Prog" in 45 Minuten. Immer wieder erhob er sich zu erläuternden Ansagen, teilte mit, dass Klassik, Jazz und Prog natürliche Entwicklungen seien, mixte entsprechend Jazz-Standards mit Bartok um bei Tarkus zu landen. Zum Abschluss seiner überaus kurzweiligen und sehr lustigen, wie eminent hochklassigen Performance kamen Flávio Pena (Drums) und Ricardo Leite (Bass) von Beduinos A Gasóleo auf die Bühne um Lindh (inzwischen auf seiner Hammond aktiv) beim Rondo (The Nice) zu unterstützen. Klasse!
Aranis
Es ist an der Zeit eine herausragende Band zu würdigen. Auch hier nehme ich das Fazit vorweg; Aranis haben Gouveia gerockt und den "Minne-Streit" eindeutig gewonnen! Das klassische Ensemble aus Belgien überzeugte durch klassisch geschulten Perfektionismus, welcher durch heftige Dynamik-Wechsel und "angeschrägte" Passagen lustvoll zu einem Chamber-Rock-Erlebnis der besonderen Güte wurde. Ohne Schlagzeug (und in der Besetzung gar um ein festes Mitglied geschrumpft) erspielten sich Aranis die Herzen des Publikums im Sturm und waren selber schier baff ob des anhaltenden Applaus und "standing ovations". Die jungen Musiker (v.a. Musikerinnen) wurden nach dem Konzert belagert, wirkten ein wenig überfordert und verkauften sämtliche CDs, die sie mitgebracht hatten. Rockstars mit akustischen Instrumenten... Wie das geht, erleben wir hoffentlich auch mal in Deutschland.
Mike Keneally
Der Ex-Zappa arbeitete sein Programm routiniert und beeindruckend ab. Mit der linken Hand Gitarre spielen, mit der rechten Hand Piano... Sowas sieht man sicherlich auch nicht alle Tage. Ich bekam durch das Konzert (und v.a. die ausgezeichnete Solo-Scheibe "Hat!") eher Lust auf eine Band-Performance des Ausnahme-Künstlers. Allerdings verfiel auch hier das Publikum in schiere Raserei.
Ange
Höhepunkt des Eröffnungstages sollten die Symphonic-Folk-Progger um Christian Décamps werden. Die Band spielte ein ungewöhnlich hardrockiges Set, bestehend aus dem aktuellen Album "Sofleurs De Vers", sowie einiger Songs aus den 80ern. Die seligen 70er Jahre wurden nur ganz leicht gestriffen - es gab ganze 3 Songs aus der erfolgreichsten Phase der Combo zu hören. Qualitativ mag ich der Band keinen Vorwurf machen, doch habe ich sie schon ganz anders erleben dürfen und die Reaktionen der Publikums belegen, dass sich Ange mit dieser seltsamen Songauswahl keinen Gefallen getan hatten. "Das war stinknormaler Hardrock", war noch einer der freundlicheren Kommentare. Jeder Ange-Kenner wird an dieser Stelle verwundert sein, aber tatsächlich war diese Performance eher uninspiriert, ohne das Ange-typische "Musik-Theater", ohne die weitreichende (auch musikalische) Theatralik. Kurzum: Ange waren die Verlierer des Festivals. Schade.
Les Reines Prochaines
Die schweizer "Frauen-Power-Combo" war das Überraschungspaket des Festivals. Keiner wusste so richtig was er zu erwarten hatte, aber spätestens als die Damen verkleidet und mit Holzpflöcken bewehrt die Bühne stürmten war relativ klar, dass es sich nicht einfach nur um Musik handeln sollte. Es gab also ein dadaistisch anmutendes Bewegungs-Spektakel mit wechselnden Sängerinnen, wechselnden Instrumenten, wechselnden Verkleidungen, wechselnden Gesangssprachen... Der deutschsprachige Anteil erläuterte dabei, dass Wurst zu Blähungen führt oder dass man zumindest auf dem eigenen Klo noch rauchen darf. Ähnliche Inhalte präsentierten auch französische oder englische Kurzgeschichten, mal musikalisch untermalt, mal in Kabarett-Tradition vorgeführt. Was womöglich wie eine Ansammlung absurder Szenarien klingt, funktionierte auf der Bühne einwandfrei. Ich bin mir nicht sicher, ob es einen tieferen Sinn in all dem "Theater" gibt, aber Unterhaltung boten die sympathischen Schweizerinnen bis zum Schluss und wurden gnadenlos abgefeiert. Musikalisch sicherlich eher "unpassend", durfte man sich über den exotischen Farbtupfer freuen. Ein Markenzeichen des GAR.
Thinking Plague
Die Amerikaner um Dave Kerman und Mike Johnson sollten eigentlich mein Höhepunkt des Festivals werden. Erneut ohne grosse Worte; sie wurden es nicht. Nach dem "Non-Sax-Solo" von Mark Harris floh ich entnervt aus der Halle... Thinking Plague rocken nicht. Das tun sie auch nicht auf ihren Studio-Alben, aber dort ist die schräg-komponierte Musik von Johnson irgendwo faszinierend. Live klang das einfach nur durcheinander, krampfig auf Avant getrimmt und wenig mitreissend. Es gab allerdings auch einige sehr positive Stimmen zum Konzert, weshalb ich die Band nicht zum "Abkacker" des Festivals machen möchte. Genervt war ich trotzdem.
Aranis (again)
In der Igreja de S. Pedro de Gouveia (im Volksmund: die blaue Kirche) musizierten dann Aranis noch einmal recht nahe am Programm des Vortages. Der Unterschied war das Publium in der überfüllten Kirche. Man hatte den Eindruck, dass sich das gesamte Dorf-Völkchen hierher verirrt hatte, vermutlich in der Annahme ein "klassisches Konzert" zu hören. Dass Aranis dann 2 Stücke aus der Renaissance einflochten spricht dafür, dass sie 2 mal heftig und wild, wenn auch nur kurz, improvisierten spricht dagegen. Alles in Allem war das Ambiente natürlich noch sagenhafter als der tolle Konzert-Saal und ich bin überglücklich Aranis gleich 2 Mal gesehen haben zu dürfen.
Van Der Graaf Generator
Als absoluter Höhepunkt des Festivals angekündigt, war ich erstaunt über die verhältnismäßig reservierte Reaktion des Publikums. Gut, 2 Tage und 10 Stunden Musik fordern ihren Tribut, aber ich als "nur" VDGG-Sympathisant fand das Trio auch ohne David Jackson absolut beeindruckend. Es sieht zwar immer komisch aus, wenn lediglich ein Schlagzeuger und ein Keyboarder mit Beinen und Armen das musikalische Fundament zu schaffen, aber der Sound war wuchtig und mitreissend. Gelegentliche Gitarren-Einlagen auf Schüler-Niveau sind bei Hammill ja bekannt, sein ergänzendes Piano-Spiel und natürlich sein Gesang waren aber präsent und voller Kraft. Lemmings, Sleepwalkers, Man-Erg aber auch die Stücke des neuen Albums gerieten dabei für mich zu einem Erweckungs-Erlebnis. Ich fand es richtig toll!
Das GAR 2008 war somit ein rundum gelungenes Happening der besonderen Art. Von geschlossenen Frendschaften, durchzechten und durchdiskutierten Nächten (in denen mein Portugiesisch - welches Portugiesisch? - immer besser wurde), der hervorragenden Stimmung in der kleinen Reisegruppe GAR (Hallo Lutz, hallo Fede!), dem fantastischen Wetter, der wunderschönen Einladung der Familie Lessing in den "Märchenwald von Sintra" (bei bescheidenerem Wetter...) spreche ich dabei noch gar nicht. GAR ist eine Reise wert und wer sich einen verlockenden Kurz-Urlaub im freundlichen Portugal vorstellen mag, der darf nicht zögern bei Ankündigung von GAR 2009 sein Ticket zu sichern. Dass dieses Event ausverkauft war, brauche ich kaum zu betonen. Zurecht!
Weitere Eindrücke und Bilder hier: http://www.progrockfoto.de/
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