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Gouveia Art Rock 2009: Progressive rock music festival, Teatro-Cine, Gouveia, Portugal - May 1st-3rd, 2009
Alle Jahre wieder organisieren die Freunde der "Portuguese progressive rock apreciation society" eines der feinsten Prog-Festivals der Welt. In der Abgeschiedenheit der gouveianischen Berge präsentieren, bereits im siebten Jahr in Folge, berühmtere und weniger berühmte, schrägere und eingängigere, lustige und weniger lustige Künstler ihre Musik.
Gouveia 2009 hatte in sofern eine Neuerung, als dass das Festival erstmalig über drei Tage angesetzt war. Das Lineup sah aus wie folgt:
Freitag, 01.05.2009
- October Equus (Spanien)
- Gatto Marte (Italien)
- Focus (Niederlande)
Samstag, 02.05.2009
- KBB (Japan)
- Gordon Giltrap (England)
- Volapük (Frankreich)
- California Guitar Trio (Japan, Belgien, USA)
- Stickmen (USA)
Sonntag, 03.05.09
- Koenjihyakkei (Japan)
- Daevid Allen's University Of Errors (USA, Australien)
- Premiata Forneria Marconi / PFM (Italien)
Ich persönlich mag keine Konzert-Reviews, ich glaube ich schrieb das schon mal, aber ich finde dass das Festival ein bisschen mehr Aufmerksamkeit verdient hat, weil es einfach so schön ist.
Das Wetter in Portugal ist immer super... Tatsächlich wurde in einer der ausführlichen Begrüssungsreden das Phänomen des guten Wetters thematisiert. Immer wenn Gouveia Art Rock los geht, wird das Wetter (welches vorher immer fürchterlich sein soll) wunderschön. Der Himmel reisst auf und wird strahlend blau, die Temperaturen steigen besorgniserregend und die Stimmung lässt sich davon mitreißen. Auch dieses Jahr konnte man sich darauf verlassen - wirklich! Am Freitag hatten wir "nur" 22 Grad und ein recht kalter Wind wehte noch durch die Gassen, am Samstag war der Wind schon wärmer und am Sonntag hatten wir auf einmal "unerträgliche" 30 Grad... Meine Reisegruppe und ich, bestehend aus meinem langjährigen Konzert-Gefährten Lutz und unserem munteren Jung-Konzert-Touristen Fede (grenzübergreifende Kooperationen inklusive, wir Drei kommen zusammen aus Deutschland, der Schweiz und Südamerika!), waren bei unserer Heimkehr auf jeden Fall erstaunt, wie kalt es in Deutschland (bzw. der Schweiz) sein kann... Sei's drum.
Der Name Lars Hollmer ist eng verbunden mit dem Gouveia Art Rock Festival und da der langjährige Samla-Mammas-Manna-Vorarbeiter, Weltenbummler und Rio-Mitbegründer am heiligen Abend 2008 im Alter von nur 60 Jahren einem langjährigen leiden erlag, wurde ihm mit einer Einstiegs-Sequenz aus Filmaufnahmen seiner Gouveia-Auftritte gewürdigt. Ganz zu schweigen von der brillanten Darbietung, die er weiland mit Miriodor abgeliefert hat (und in deren Genuss wir nun auszugsweise kamen), war das ein stimmungsvoller Einstieg ins Festival.
October Equus hatten die Ehre das Festival live zu eröffnen und obwohl ich noch nie einen Basser (bei October Equus eine "Basserin") gesehen habe, der/die weniger an seinem/ihrem Instrument gemacht hat, kam die stimmungsvolle Musik zwischen RetroProg und crimsoider Gitarre mit Sax und Jazz-Einflüssen gut rüber. Leider (und das hatte nichts mit der Band zu tun) verschlug es mir noch während des Konzertes den Magen, so dass ich mich vom Ort des Geschehens entfernen musste und an diesem Tage auch nicht wieder kam. Mir wurde aber berichtet, dass Gatto Marte einen soliden, wenn auch nicht sonderlich aufregenden Kammer-"Rock" präsentierten. Getragen von Piano, Cello und Violine klang das wohl sehr brav, relativ klassisch und die angekündigten Avantgarde-Elemente, sowie Jazz-Ausflüge blieben weitgehend aus. Dennoch ernteten die Italiener den ersten grossen Applaus und wurden hernach "leergekauft". Ebenso professionell, dann aber spielfreudiger kamen Focus rüber - so erzählte man mir. Thijs van Leer strahlt so viel Lebensfreude aus, ist so ein sympathischer Kerl, wirkt so aufgeschlossen und mitreißend..., selbst wenn man Focus eher ernüchternd findet, den Mann muss man einfach mögen. Noch am Samstag zog er mit seiner Flöte durch das Örtchen und spielte überall ein Ständchen. Ein toller Kerl. In der Nachbetrachtung erwies sich Focus (bei meinen Reisebegleitern, ich habe die Band ja nicht erleben können) als Gewinner der Headliner. Ganz einfach, weil sie glaubhafte Freude an ihrem Tun hatten.
Am Samstag war ich Gott sei Dank wieder fit und konnte meinem ersten Höhepunkt entgegen sehen. KBB enttäuschten keineswegs und spielten punktgenau, typisch japanisch, ihren instrumentalen Violinen-Prog zwischen Retro, Jazz und Klassik. Immer "uptempo", immer freundlich lächelnd immer mit Dani, den man aber auch gerne Bass-Godzilla nennen darf. Dieser Auftritt hätte auch einem Headliner gut zu Gesicht gestanden. Nach dem Konzert wurde eine neue Live-CD verkauft und signiert, und auch das Zeug ging weg wie warme Semmeln. Gordon Giltrap stand nicht auf meinem Zettel, dennoch wollte ich mir den Mann ein paar Minuten anschauen. Es wurden 20 Minuten. Sehr sympathisch und unaufgeregt spielte Giltrap auf seiner akustischen Gitarre, die manchmal durch Effekte aufgemöbelt wurde. Kurze Erläuterungen zur Technik hier, ein paar Witzchen dort. So soll eine One-Man-Show aussehen. Dennoch ergab ich mich meinem Wunsch ein bisschen in der Sonne zu bräunen. Ich brauchte auch ein wenig Erholung, denn die folgenden Volapük mit RIO-Mitbegründer Guigou Chenevier brachten eine neue Note auf das Gouveia Art Rock Festival. Kammer-Jazz-Avantgarde-Klassik... Sehr schräg, sehr improvisiert. Melodie-Schlagzeug, E-Cello, Bass-Klarinette und Violine, sowie einige obskur anmutende Vocal-Improvisationen liessen mich vermuten, dass der Saal sich bald leeren würde, doch weit gefehlt, das Publikum in Gouveia ist ein weiterer Pluspunkt dieses Festivals. Offenheit wird gross geschrieben und wenn auch die Begeisterungs-Stürme ausblieben, so zeigten die Zuschauer doch grossen Respekt vor der anspruchsvollen Performance und ja, es gab Standing-Ovations. Nach der obligatorischen Abendessen-Unterbrechung (in der Thijs van Leer ein letztes Mal seine Querflöte im Band-Hotel erklingen liess) sollte das California Guitar Trio den Anheizer die Stickmen geben, und es gelang. Auch hier wurde sehr sympathisch und geschmackvoll musiziert und mit ihrem letzten Album "Echoes" bestückt, spielte sich die Band durch ein 60-Minuten-Set aus eigenen Stücken und Cover-Versionen. Hervorzuheben sei hierbei eine brillante "Quer-Cover-Version" (also bits and pieces des gesamten Albums) von Tubullar Bells. Schließlich stieß Tony Levin zur Truppe, dann Pat Mastelotto und als Michael Bergier auch noch dazu kam, war es an der Zeit mit Lark's Tongues In Aspik in den Höhepunkt des Abends einzusteigen. Leider hatten die Stickmen danach ihr Pulver schon verschossen. Levin spielte schlecht, was ich auf seine Arroganz zurückführen möchte... Schließlich war er ja der grösste Star des Festivals, oder was er sich so gedacht hat. Mastelotto und Bergier hingegen agierten einwandfrei, tight und gerade Mastelotto ist ein Ausbund an Freude und (wirklich glaubwürdiger) kalifornischer Ausstrahlung. Nebenbei spielt er sensationell gut! Außerdem sollte eine Band die keinen Sänger hat einfach nicht singen. Levin verhob sich damit, Bergier verhob sich damit und spätestens beim miserabel gecoverten Sleep Is Wrong (von Levins derzeitiger Lieblingsband Sleepytime Gorilla Museum - was ja auch schon wieder cool ist) wurde es unfreiwillig komisch (und für den SGM-Fan ärgerlich). Das Solo-Material von Levin gibt nicht arg viel her. Moderne Crimso in immer etwas gleichförmig. Somit waren die Höhepunkte der Stickmen Elephant Talk und Indiscipline (natürlich von Crimso), die aber an die Intensität des sensationellen Einstiegs-Stückes nicht mehr heranreichten (auch wenn das CGT für Indiscipline noch mal die Bühne enterte). Dennoch gab es auch für Levin und Co. viel Applaus und so richtig schlecht war es ja auch nicht, aber auch nicht wirklich gut, ich mag Tony Levin nicht mehr leiden, wer hätte das gedacht...
Sonntag sollte der Höhepunkt des Geschehens erreicht sein. Koenjihyakkei... Zeuhl auf Speed... Panikartige Stampfattacken... Wahnsinnige Japaner, bereit den Saal mit akustischen Abartigkeiten zu leeren. Das Publikum blieb und sah den professionellsten, beeindruckendsten und mitreißendsten Gig der Gouveia-Geschichte (so beschrieb es zumindest einer der hauptverantwortlichen Organisatoren - und dem werde ich niemals widersprechen!). Welch eine Perfektion, welch ein Druck, welch eine beeindruckende Performance. Introvertierte Japaner werden auf der Bühne zu stampfenden, tanzenden, regelrecht Sex ausstrahlenden Super-Stars. Mitreißend und besonders. Beeindruckend und wunderschön. Schrecklich und begeisternd. Ein Augen- und Ohrenschmaus. Dieser Band kommt im Herbst 2009 wieder nach Europa, verpasst sie nicht - auf keinen Fall!! Auch wenn die Leute (v.a. Drummer Yoshida Tatsuya) weitgehend "verpeilt" wirken, sobald die Musik los geht werden sie zu Monstern. Vielleicht ist es auch dieser "Verpeiltheit", die neben der mehr als perfekten Darbietung die Leute wieder vermenschlicht, mitlachen lässt und und, na ja, vielleicht sogar dieses Sound-Inferno ertragen lässt. Daevid Allen habe ich mir danach nicht gegeben, aber es soll cool gewesen sein. Eben so der Auftritt von Tsuboy (Chef und Violinist von KBB) in der hiesigen Kirche, den ich auch nicht komplett gesehen habe, man muss ja auch mal ein Häppchen essen.
Überhaupt nicht cool waren dann aber leider PFM. Zwar startete der wohl berühmteste Prog-Act des Wochenendes fulminant mit 21st Century Schizoid Man, L'isola Di Niente und Il Banchetto, doch mit dem ersten Ton eines Songs von Chocolate Kings ging das Konzert dahin. Mehr und mehr mutierte die Darbietung zum San-Remo-Pop-Festival-Einerlei und nach einem völlig uninspirierten Bass-Solo mit einem endlosen Bluesrocker im Anschluss gab ich die Band verloren... Lutz und Fede sahen das genau so. Ähnlich wie zwei weitere Festival-Reisende aus England, die uns hinterher beim Bierchen erklärten, die Band spiele das jetzt schon seit Jahren so... Alles in Allem machten PFM auch keinen besonders sympathischen Eindruck und sind für mich somit der Verlierer des Festivals.
Alles in Allem war Gouveia 2009 aber einmal mehr eine Reise wert. Die Qualität im Umfeld ist überragend. Die Location, ein Kino, ideal für die Umsetzung dieser Musik. Der Sound ist immer absolut spitze. Gelegentliches Jammern über die Lautstärke (nur bei den Hauptacts) ist wirklich eben jenes auf ganz, ganz hohem Niveau. Der Ort Gouveia liegt wunderschön in den Bergen und man hat eine tolle Aussicht auf das Tal. Das Wetter spielt immer mit, die Bands sind ausgewogen gewählt und bringen ein extrem hohes, professionelles Niveau mit. Was will man eigentlich mehr? Ach ja, einen Salat... Den hat es da oben irgendwie nicht. Trotzdem; wir sehen uns nächstes Jahr wieder. Gouveia 2010!
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