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Interview mit Paul Masvidal von Cynic

Nach der Trennung von Tymon (Gitarre, Growls) und Robin Zielhorst (Bass) vor ca. einem Jahr war es nicht klar, was man von Cynic erwarten sollte. Aber 2011 wurde zu einem ziemlich produktiven Jahr für die Band: Es gab eine neue EP-Veröffentlichung (Carbon-Based Anatomy), eine neue Live-Band und Headliner-Tours durch die USA und Europa. Wir sprachen am 21. Dezember 2011 mit Cynic-Gitarrist und Sänger Paul Masvidal, direkt vor dem letzten Konzert der Europa-Tour im Colos-Saal, Aschaffenburg.

Interviewer Michael Schetter mit Paul Masvidal (rechts)Interviewer Michael Schetter mit Paul Masvidal (rechts)

Es ist der letzte Tag der Tour, wie ist es gelaufen?
Gut! Es war wirklich spaßig... und intensiv - keine freien Tage, 19 Auftritte in Folge. Es hat viel Konzentration und Energie gefordert, aber es war ein Ausflug. Es war definitiv insgesamt eine ordentliche Tour, die Shows waren großartig.
Was hat es damit auf sich, dass die beiden Vorgruppen heute nicht spielen?
Chimp Spanner sind aus England es war finanziell sinnvoller, dass ein Freund sie gestern in Amsterdam aufgesammelt und zurück nach England gefahren hat. Ansonsten hätten Sie mit dem ganzen Equipment fliegen müssen. Und Hypno5e waren nie mit dabei. Nicht bei einem einzigen Gig. Es gab eine Menge Verwirrung zwischen dem Vermittler und ihnen und einiges an Fehlkommunikation. Und grundsätzlich konnten sie es sich nicht leisten, die Tour mitzumachen. Sie sind eine Independent-Band oder so und es war schlichtweg...
Bist du zufrieden mit den Zuschauerzahlen bei dieser Tour?
Ja! Zum größten Teil schon – ich meine, einige Shows waren nicht so großartig wie andere, aber insgesamt war's ziemlich gut.
Wie schlagen sich die neuen Jungs?
Großartig! Brandon [Giffin, Bass] ist eine Art Tour-Tier, er war fünf Jahre unterwegs mit einer Gruppe namens The Faceless, die er mitbegründet hat, er ist also sehr mit dem Ganzen vertraut. Und Max [Phelps, Gitarre und Growls] geht's gut, er schlägt sich super, also haben wir einen wirklich tollen Vibe gehabt mit der Band. Wir genießen es wirklich.

Die neuen Jungs in der Live-Band: Max Phelps (links) und Brandon Giffin (Mitte) mit Sean Reinert (rechts)Die neuen Jungs in der Live-Band: Max Phelps (links) und Brandon Giffin (Mitte) mit Sean Reinert (rechts)Wie habt ihr sie gefunden?
Brandon – wir waren auf Tour mit The Faceless und Meshuggah. Er lebt in L.A. und wir kannten uns einfach, so dass wir nach der Tour einfach Freunde geworden sind. Das war so vor drei Jahren. Und Max war einer von zahlreichen Leuten, die uns angemailt haben mit Bewerbungsvideos. Es war direkt nachdem wir bekanntgegeben hatten, dass wir uns von den anderen Jungs trennen und weitermachen und das alles in Ordnung ist. Und ich kann mich erinnern, dass wir viele E-Mails bekamen – wirklich Dutzende von Leuten. Und er stach einfach hervor, er wirkte einfach wirklich natürlich und kapierte es, verstand es, dieses Zeug zu spielen. Und dazu growlt er, was ein besonderes Talent ist, das uns gelegen kommt.
Es war nicht wirklich ganz klar, wie die Sache mit der Trennung von Robin und Tymon gelaufen ist. Kannst du ein wenig dazu erzählen?
Nun, es gab etliche Gründe, warum wir uns von ihnen getrennt haben. Ich weiß, dass es darum ein wenig Verwirrung gibt, aber – und ich denke, es lief ohnehin darauf hinaus – nachdem wir den Traced in Air/Re-Traced-Tourzyklus beendet hatten und nach L.A. zurückgekehrt waren, wurde uns klar, dass wir in einer Situation waren, in der wir nicht das Geld hatten, um sie noch weiter zu unterstützen – und wir haben sie in den Staaten unterstützt.
Ich hab mich immer gefragt, wie das funktioniert hat, bloß für eine Band in die USA zu ziehen...

Das Re-Traced-Lineup mit Tymon und Robin Zielhorst – "Es war sehr teuer, europäische Musiker in der Band zu haben."Das Re-Traced-Lineup mit Tymon und Robin Zielhorst – "Es war sehr teuer, europäische Musiker in der Band zu haben."

Ja, wir zahlten ihre Wohnungsmiete und so. Es war sehr teuer, europäische Musiker in der Band zu haben, da man auch für Arbeitsvisa und all das zahlen muss. Also war es jedes Jahr eine Menge Geld, das... Ich denke, es gab einfach viele Gründe, wegen denen es sinnvoll war, sie nicht in der Band zu haben. Und der große, damals der offensichtlichste, war der: Als wir sagten "Wir können euch nicht mehr in der Form unterstützen, wie wir es bisher getan haben", haben sie – denke ich – schnell begriffen, dass es viel einfacher für sie wäre, wieder in ihr Heimatland zurückzukehren und sich auf ein System zu verlassen, das sie unterstützt. Ich denke also, dass sie beschlossen, dass es in ihrem besten Interesse war, dorthin zu ziehen. Und obwohl sie die Band als eine Art Internet-Projekt weiterführen wollten, bei dem wir sie eingeflogen hätten, wollte ich das einfach nicht mehr machen. Ich wollte im selben Raum sein wie die Leute, mit denen ich arbeite. Und ich denke, es hatte einen Schlusspunkt erreicht, es war Zeit für eine Weiterentwicklung, das ist es wirklich. Ich meine, die Sache ist jetzt definitiv besser, wir haben eine großartige Band und zwei Jungs aus der Umgebung. Ich meine, Max ist aus Maryland, aber er hat Familie in Los Angeles, also funktioniert es wirklich perfekt. Es ist schön!
Was ist denn der offizielle Status der neuen Jungs? Sind sie...?
Sie sind derzeit nur Tourmusiker. Ich meine, bei der letzten Platte, Carbon, waren es wirklich nur Sean [Reinert], ich und [Sean] Malone. Aber wer weiß, was bei der nächsten Platte passieren wird, ich weiß es nicht. Aber wir haben das einfach gebraucht, wir brauchten gute, verlässliche Jungs, die mit auf Tour kommen und es bringen.
Wie kommt's, dass ihr wieder mit Sean Malone gearbeitet habt? Er war seit Mitte der 90er nicht mehr als Vollzeit-Mitglied der Band, und doch arbeitet ihr jetzt wieder mit ihm.
Ich habe mit ihm über die Jahre immer wieder Mails ausgetauscht und als wir an diesem Zeug gearbeitet haben, haben wir uns einfach wieder mit ihm in Kontakt gesetzt und ihm einige der Demos geschickt. Wir mussten erst ein paar historische Dinge miteinander klären, aber ich denke, das haben wir jetzt hinter uns und wir haben begriffen, dass wir die Sache ähnlich sehen. Er ist wirklich vom gleichen... Ich weiß nicht, er scheint die Dinge einfach auf so viele Arten zu begreifen, was unsere musikalischen Ideen angeht. Ich denke, er ist ein wirklich integraler Teil von Cynic als Bassist in Beziehung zu Sean. Besonders als eine Rhythmussektion, aber sogar sein Sinn für Harmonie und Komposition ist der Wahnsinn. Ich denke wirklich, dass Malone einer der großen Bassisten unserer Zeit ist.
Da stimme ich dir absolut zu. Ich bin ein großer Fan von ihm – auch von seinen Stücken.
Ja, über das technische Können hinaus ist es seine Stimme, seine melodische Stimme – sie ist unglaublich. Und er geht an den Bass heran als ein Komponist. Es kommt daher, dass er einen Doktortitel in Musiktheorie und Komposition hat und vom jahrelangen Studieren und Leben in der Musik. Er ist einer von diesen Typen, die's einfach drauf haben. (lacht)
Was mich zu der Frage führt: Was treibt er in diesen Tagen? Er ist praktisch aus dem Internet verschwunden, seine Website und sein Blog wurden abgeschaltet...
Er unterrichtet. Ich weiß, dass er immer noch viel schreibt, aber... er hatte ein paar Bücher, an denen er gearbeitet hat, und er ist Vollzeit-Professor an einer Universität, er unterrichtet Musiktheorie. Und er ist wirklich engagiert als Lehrer, daher denke ich, dass seine Schüler am meisten von ihm haben. Er hat quasi die öffentliche Welt ausgesperrt und führt jetzt ein normales Leben und konzentriert sich auf seine Arbeit. Was wirklich ehrenswert ist, denke ich, denn er hat ein echtes Talent als Lehrer. Es ist also sinnvoll, dass er seine Energie da reinsteckt.

Auf dem zweiten Gordian-Knot-Album Emergent war die komplette klassische Cynic-Besetzung zu hören.Auf dem zweiten Gordian-Knot-Album Emergent war die komplette klassische Cynic-Besetzung zu hören.Du hast auf dem zweiten Gordian-Knot-Album mitgespielt. Hast du etwas von einem Nachfolger gehört, bist du deswegen angesprochen worden?
Nein, er hat nichts erwähnt. Ich weiß nicht, ob er überhaupt darüber redet. (lacht)
Er hat vor ca. fünf Jahre erwähnt, dass er den Kern der Band beisammen hat, aber naja... das war vor fünf Jahren und seitdem kam nichts mehr. Wo wir gerade über frühere Mitmusiker sprechen, da gibt's eine Sache, die mich immer wieder beschäftigt hat: Es gab Meldungen über eine Cynic-Reunion im Jahr 2006, bei der das Lineup angeblich dich und Sean sowie Chris Kringel und dann noch Santiago Dobles von Aghora und Tony Teegarden beinhalten sollte...
Nun, Chris hat mit uns die Reunion-Konzerte bestritten, und Santiago war jemand, mit dem wir gesprochen haben. Und natürlich dachten alle "ah, er ist der Neue", als die Meldung durchgesickert ist, aber es führte nie zu mehr als einem gemeinsamen Jam, und da waren nur ich und er beteiligt. Ich glaube es war so, dass es nicht geklappt hat, weil er daheim einiges an Verantwortung hat mit seiner Frau und seinen Kindern, und das war einfach zu viel, um mit uns auf Tour zu gehen.
Wäre aber eine interessante Wahl gewesen! Ich mag seinen Stil ziemlich.
Ja, er ist ein großartiger Gitarrist!

Die neue Cynic-EP - Carbon-Based AnatomyDie neue Cynic-EP - Carbon-Based Anatomy

OK, genug über die Vergangenheit gequatscht fürs Erste – lass uns über die neue EP reden! Seit Traced in Air erschien, gab's  in Cynics Musikeine Entwicklung weg von den Metal-Elementen, und ich denke, es ist jetzt auf Carbon-Based Anatomy noch deutlicher. Ist das eine dauerhafte Veränderung oder ist es eine Phase?
Ich weiß nicht, es ist schwer zu sagen. Ich denke, jede Platte entwickelt sich auf ihre eigene Weise basierend auf einem Prozess und ich weiß wirklich nicht, wie sie klingen wird, bis wir sie wirklich machen. Ich denke, Cynic war schon immer etwas untypisch und noch nie eine traditionelle Metalband, also entwickeln wir uns weiter in eine Richtung, wo es mehr nach Cynic und weniger nach irgendwas anderem vertrauten klingen wird. Es ist wirklich noch zu früh, das jetzt zu sagen – das Material existiert, aber nicht fertig produziert. Es sind bloß kleine Songs, von daher – wir werden sehen. (lacht)
Persönlich stört es mich nicht, dass es kein Metal ist, aber ich vermisse ein wenig die Dynamik. Denn speziell auf Traced in Air bei einem Song wie King of Those Who Know geht's von diesen wirklich ruhigen und melodischen Parts zu einigen der schnellsten und härtesten Parts, die ihr habt, und es ergibt einen schönen Kontrast, was ich auf der EP ein wenig vermisse. Nur meine persönliche Meinung...
Weißt du, alles, was ich tun kann, ist einem Prozess treu bleiben. Und ich denke, wenn ich mich in dem verfange, was ich zuvor gemacht habe, werde ich versuchen, etwas zu wiederholen, und das kann ich nicht. Ich denke, das ist eine gefährliche Lage. Es geht eher darum, dem treu zu bleiben, was gerade passiert, und daran zu glauben.
Ich habe gehört, dass ihr schon nächstes Jahr ein neues Album veröffentlichen wollt.
Ich glaube schon...
Glaube schon?
Ja, solange nichts allzu verrücktes passiert, hoffentlich bis zum Sommer. Weißt du, wir haben das Material, es geht nur darum, es zu spielen und zu spielen und zu spielen. Es auszuarbeiten und aufzunehmen und all das. Ja, ich denke, es ist machbar – wir werden sehen.
Wird das dann ein Album, keine EP?
Ja. Ich meine, für mich könnten es quasi zwei EPs in einem Paket sein. Ich weiß nicht. Aber das ist für mich reineSemantik, denn Carbon ist wie eine Platte für mich, es ist ein Mini-Album. Aber ich mag konzentrierte Musikstücke und ich will nicht 12 Songs draufpacken, bloß weil wir sie haben, oder erweiterte Solos haben, weil's länger ist. Es geht einfach wirklich um Qualität gegen Quantität.
Ich hätte nichts gegen diese erweiterten Solos. (lacht)
Hättest du nicht, hm? Du bist ein echter klassischer Proggie. (lacht)
Ich spiele selbst in einer Instrumental-Band, ich muss diesen Kram mögen, sonst wäre ich am falschen Ort! (lacht)
Yeah!

"Es kommt immer wieder zurück zu Sean und mir, denn das ist vertraut. Wir wissen, wie das geht.""Es kommt immer wieder zurück zu Sean und mir, denn das ist vertraut. Wir wissen, wie das geht."Wir haben das schon kurz angerissen, aber wie hat sich der Songwriting-Prozess verändert gegenüber der altem Focus-Zeit?
Nun, die Focus-Zeit war anders, ich denke, da waren's vier Leute in einem Raum, die sich einander angebrüllt haben. Heutzutage bin ich alleine, bloß mit einer Gitarre und einem Klavier, und erstelle kleine Demos und treffe mich dann mit Sean, dem Schlagzeuger, und wir jammen. Wir improvisieren über das Arrangement, bis wir etwas haben, was uns gefällt. Es ist also intimer und persönlicher, und ich denke, es kommt immer wieder zurück zu Sean und mir, denn das ist vertraut. Wir wissen, wie das geht.
Wie stehst du heute zu dem klassischen Focus-Material?
Es ist gut. Es macht mir immer noch Spaß, einiges davon zu spielen.
Einiges? Nur einiges? (lacht)

Der Klassiker Focus - "Es war ein ordentliches Album, es ist also cool, dass es etwas Anerkennung bekommen hat."Der Klassiker Focus - "Es war ein ordentliches Album, es ist also cool, dass es etwas Anerkennung bekommen hat."

Nun, manchmal brennt man einfach aus, was Material angeht, und wir haben für Focus ausgiebig getourt. Es hat eine Geschichte und offensichtlich hatte es einen Einfluss als ein Album, aber an einem bestimmten Punkt muss man sich einfach weiterentwickeln. Wenn wir ein weiteres Album veröffentlicht haben, werden wir genug Material haben, um den Leuten wirklich ein ganzes Programm an neuem Material zu bieten, auf das sie sich statt der Vergangenheit konzentrieren können. Aber mir macht Focus Spaß und es erscheint mir wie ein Album, das für uns etwas sehr ehrliches repräsentiert. Und ich denke, es war ein ordentliches Album, es ist also cool, dass es etwas Anerkennung bekommen hat.
Ich glaube, es gab mal Meldungen über eine Live-DVD, die ihr irgendwann veröffentlichen wolltet, aber es scheint, dass daraus nichts geworden ist. Wie sieht's da genau aus?
Live? Naja, es gab ein "Making of Focus"-Ding und noch ein paar andere Sachen. Ich denke, die Realität eines solchen Projekts sieht so aus, dass wir sagen müssten "wir machen jetzt nur das, anstatt eine Platte zu machen und zu touren, und stecken da unsere Zeit und Energie rein", und das haben wir einfach noch nicht getan, wir haben immer irgendwas anderes gemacht. Es ist also schon irgendwo da, ein Bisschen hier und da, und wir haben ab und an kurz daran gewerkelt, aber wer weiß, wann...
Ich weiß, dass es Aufnahmen von eurem frühen Hovefestivalen-Auftritt gibt. Habt ihr irgendwelche anderen Shows gefilmt, die irgendwann auf DVD veröffentlicht werden könnten, oder müsste das ein komplett neuer Auftritt sein?
Mit der Hove-Sache hatten wir nichts zu tun, das war bloß das Festival. Wir haben nichts offiziell auf anständige Art gefilmt. Das wäre cool – einfach auf Tour zu gehen und dann das Beste davon zu nehmen, so wie's Meshuggah auf unserer gemeinsamen US-Tour gemacht haben. Das wäre wirklich cool.
Nun, ihr habt jetzt vier Platten veröffentlicht. Es wird Zeit für etwas Live-Video!
Ja, das wäre cool!

Aeon Spoke - "Liegt so ziemlich auf Eis."Aeon Spoke - "Liegt so ziemlich auf Eis."Nun zu einer etwas anderen Sache – was ist der aktuelle Status von Aeon Spoke?
Es liegt so ziemlich auf Eis, weißt du. Ich hab grad vorhin ein wenig davon beim Soundcheck gespielt, aber ich hab nicht viel darüber nachgedacht. Ich meine, ich hab eine Menge Material, das vielleicht an irgendeinem Punkt veröffentlicht wird, aber ich weiß nicht – es ist so eine Sache, es lauert im Hintergrund, aber ich weiß nicht, wann es wieder auftauchen wird. Es gibt einige Projekte, die ich außerhalb von Cynic geplant habe. Zum Beispiel so eine Weltmusik-Sache, die ich machen will. Es gibt einige Sachen, es gibt eine Ambient-Platte, an der ich seit Ewigkeiten mit einem alten Freund arbeite. Irgendwann werden all diese Dinge verwirklicht werden, aber ich denke, wir sind eine von diesen Bands... oder zumindest ich bin die Art von Künstler, der sehr stetig, aber relativ langsam arbeitet. Ich tauche sehr tief ein in Details und ich denke immer sehr spezifisch über jedes Projekt nach, und dann mache ich weiter mit dem nächsten. Es ist relativ schwierig, fünf Dinge gleichzeitig zu machen, und obwohl ich immer Multitasking betreibe, ist es kreativ sehr aufzehrend, eine Sache gut zu machen. So arbeite ich also. Und zuletzt war's der Cynic-Zug. Aber irgendwann, vielleicht nach der nächsten Platte, könnten wir eine neue Aeon Spoke machen, wir werden sehen.

Das Debütalbum von Aeon Spoke, Above the Buried Cry, wurde später für das selbstbetitelte Album für SPV überarbeitet.Das Debütalbum von Aeon Spoke, Above the Buried Cry, wurde später für das selbstbetitelte Album für SPV überarbeitet.

Warum habt ihr so viel vom ersten Aeon-Spoke-Album für die selbstbetitelte SPV-Platte überarbeitet?
Weil das die Songs waren, die sie wollten, als wir es lizenziert haben. Sie haben das Album lizenziert und meinten dann "warum verpacken wir es nicht neu und machen all diese Dinge?", also haben wir diese Revision des Albums erstellt, es neu abgemischt und einige Songs hinzugefügt, andere weggenommen. Aber es hatte alles mit dem ersten Album zu tun.
Habt ihr irgendwelche Pläne, Aeon-Spoke-Material in Cynic-Material zu verwandeln? Wie das ja schon mit unveröffentlichten Songs passiert ist...
Ja, es ist mit einigen Songs passiert... Ich weiß nicht! Momentan ist das ganze Material, an dem wir arbeiten, für Cynic geschrieben, mehr oder weniger. Aber es ist möglich! Heutzutage verstehe ich, dass es bei jedem Song für mich darum geht, die Produzenten-Kappe der aktuellen Band aufzusetzen. Denn ein großartiger Song ist ein großartiger Song, unabhängig vom Stil oder Genre. Es ist so, wenn's einen Song im Katalog gäbe, er zu passen scheint... Denn worum es letztendlich geht, ist ein Album zu erschaffen, das ein Gefühl und eine Stimmung erzeugt und ein prägnantes Thema hat. Obwohl ich denke, dass ich es schon kenne, könnte sich das ändern. Man nimmt immer mehr auf, als man hat. Es ist also möglich – letztendlich ist es derselbe Songwriter, man nennt die Sache bloß anders.
Wie reagierst du auf Fans, die sich beschweren, dass sich Cynic zu sehr Aeon Spoke annähert?
Noch mal, es ist derselbe menschliche Körper, der die Musik schreibt. Es ist, als würde jemand sagen "Steven Wilsons Solo-Musik klingt zu sehr nach Porcupine Tree". Alles, was ich tun kann, ist einem Prozess treu zu bleiben. Ich denke, Fans vergessen oft, dass der Künstler auch wächst und dass man uns nicht an derselben Stelle halten kann, an dieser Erinnerung an diese Band, an der man festhalten will. Es ist so: "Nein, warte – wir haben uns auch verändert! Auch wir haben ein Leben durchgemacht!" – also wird sich unsere Musik ändern. Die Leute schätzen Alben und den Klang einer Band und sie wollen, dass diese etwas bestimmtes mehr oder weniger wiederholen. Und ich denke, das coolste, was eine Band tun kann – zumindest für mich –, ist es, ihre Zuhörer auf eine Reise mitzunehmen, mit unerwarteten Wendungen und neuen Ausblicken und Klängen. Ich will auf eine Reise mitgenommen werden, also versuche ich das auch mit dem Cynic-Publikum. Und etwas Aeon-Empfindsamkeit, also eine Menge Herz,  einzubringen halte ich für gar keine schlechte Sache.
Normalerweise habe ich mir dies für den Schluss des Interviews ab, aber da wir schon von deinen Lieblingskünstlern sprechen – nenne ein halbwegs aktuelles Album, das jeder hören sollte!

Brian Eno - Small Craft on a Milk SeaBrian Eno - Small Craft on a Milk SeaEines, das ich... es ist relativ aktuell, ich fand es fantastisch. Es ist instrumental und hat viele interessante Elemente, es heißt "Small Craft on a Milk Sea", ein Brain-Eno-Album. Ich bin eine Weile wirklich drauf abgefahren, es war einfach ein echt cooles... Großartige Sounds und viele experimentelle Elemente und einfach total in seiner eigenen Welt. Und doch kennen es die Leute nicht, solange sie nicht große Eno-Fans sind. Es ist auf seine Art total modern, aber wie gesagt nicht Teil irgendeiner Popkultur oder einer trendy Szene. Solange sich die Leute nicht drauf einlassen, verstehen sie also nicht... Aber Brian Eno ist für mich einer dieser Großen, die... er ist quasi verantwortlich für Genres und die Leute begreifen nicht, dass er diese ruhige Stimme in Sachen Popkultur war, aber hinter den Kulissen hat er ganze Generationen an Musik beeinflusst. Er ist wirklich brillant Das ist ein tolles Album, das würd ich jetzt erst mal nennen.
Cool! Bleiben bloß noch zwei Sachen, über die ich gerne reden würde – hast du den kürzlich veröffentlichten Remix vom Death-Album Human gehört? Wie denkst du darüber?

An dem Death-Klassiker Human wirkten Paul Masvidal und Sean Reinert mit. 2011 gab's einen kompletten Remix und eine Deluxe-Neuauflage.An dem Death-Klassiker Human wirkten Paul Masvidal und Sean Reinert mit. 2011 gab's einen kompletten Remix und eine Deluxe-Neuauflage.

Ja! Ich finde, es klingt wirklich gut. Es klingt definitiv besser, man kann alles besser hören...

Man kann den Bass hören, nicht? (lacht)
Man kann den Bass hören, ja! Es ist definitiv ein Fall, wo dem Album Gerechtigkeit getan wurde. Jim Morris hat gute Arbeit geleistet, es ist schön geworden. Ich war wirklich zufrieden damit.
Als vor einiger Zeit die erweiterte Fassung von Focus erschien, gab es Meldungen, dass vielleicht das komplette Album einem Remix unterzogen werden könnte. Letztendlich waren aber nur drei neu abgemischte Songs drauf, die anderen wurden lediglich neu gemastered.
Ja, Roadrunner gab uns kein Geld für diese Neuauflage, wir haben alles aus eigener Tasche bezahlt, Sean und ich, um für alles aufzukommen, inklusive der enthaltenen Remixe, der Grafik, alles. Wir haben einfach alles ausgegeben, was wir hatten. Praktisch gesehen hätten wir viel mehr Geld ausgeben müssen, um das ganze Album neu abzumischen, und es war einfach so eine Sache, wo Roadrunner sagten "Wir wollen das diesen Monat rausbringen. Gebt uns, was ihr habt. Wenn nicht, bringen wir's einfach so raus". Wir mussten also alles schnell machen und zusammenlegen. Ich denke, das Endergebnis war OK. Natürlich haben wir über einen Focus-Remix gesprochen und auch über eine Art Box-Set, mit all dem Videomaterial und Vinyl und dann 'nem Remix, was wirklich cool wäre. Es ist also möglich.
Zum Beispiel ein Box-Set zum 20-jährigen Jubiläum? Denn das steht ja bald an...
Ja, stimmt, das ist demnächst! Wow, das wirklich eine gute Idee! Denn das ergibt Sinn, 20-jähriges Jubiläum. Und das ist ungefähr in einem Jahr...
Ich würde ein Exemplar kaufen! (lacht)
Ich würde es auch gerne hören. Ich würde wirklich liebend gerne Focus neu definiert mit moderner Produktionsweise hören. So sehr ich das Album auch hinter mir lassen möchte, das wäre eine gute Gelegenheit, die Sache ein für alle Mal abzuschließen.

Ein perfektes Schlusswort. Hier als Ergänzung noch die Cynic-Setlist zum Konzert im Colos-Saal:

Amidst the Coals
Carbon-Based Anatomy
Evolutionary Sleeper
How Could I?
Adam’s Murmur
Celestial Voyage
Elves Beam Out
King of Those Who Know
Veil of Maya
Wheels Within Wheels
Textures
Integral Birth
Box Up My Bones
The Space For This