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Interview mit Schlagzeuger Sean Noonan

Die Musik des aktuellen Projekts Brewed by Noon des New Yorker Jazzdrummers Sean Noonan als Jazzrock zu bezeichnen, würde lange nicht dem weitgedehnten Hintergrund gerecht werden, vor dem er seit 2004 die unterschiedlichsten musikalischen Ideen, Kulturen und Musikergenerationen zusammenbringt.
Im Vorfeld seines Konzerts in Würzburg am 10.03. sprach Progrock-dt mit dem ambitionierten Musiker über sein aktuelles Album, Pläne für die Zukunft und mit welcher Philosophie man bayerische Pilze und afrikanische Rhythmik unter einen Hut bringt.

? Willkommen zurück in Europa, Sean! Wie fühlt es sich an, wieder hier zu sein, nachdem Du über die letzten Jahre hinweg ja doch schon einige Male hier warst?

! Es ist großartig, meine alten Fans zu sehen und neue zu treffen. Außerdem führt uns diese Tournee in acht verschiedene Länder.
Es ist großartig, wieder hier zu sein! Diesen Frühling konnte ich neue Kontakte knüpfen, in zwei Projekten spielen sowie neue Specials im Rahmen von Brewed by Noon vorstellen, wie den bayerischen Posaunisten Gerhard Gschlößl, der jetzt in Berlin lebt sowie den Freisinger Gitarristen Norbert Bürger. Der Brite Matthew Bourne wird in meinem anderen Projekt, Born to brew, mit von der Partie sein. Matthew und ich haben ein neues Duoprojekt, für das wir gerade eine Tournee für kommenden Herbst planen, aber zuvor wirds erstmal eine Tournee durch Großbritannien geben. Gerhard wiederum wird an zwei Konzerten von Brewed by Noon diesen Mai als Special Guest teilnehmen.

? Wie läuft denn eure Tournee bis jetzt? Bist Du zufrieden mit eurem Publikum?

! Mein Trio und ich freuen uns, alle in Würzburg zu sehen, denn als wir den Festival-Sonntag im März vergangenen Jahres eröffneten, hatten wir großartigen Zuspruch. Nach dem Konzert in Würzburg gehts erstmal auf Tour durch Skandinavien, außerdem wirds noch viele weitere Konzerte im Verlauf des Frühlings geben.
Bislang waren das großartige Shows: in Warschau waren wir zum Beispiel live auf Gramy.TV zu sehen. Das kann man sich übrigen auch im Nachhinein noch auf www.gramy.tv anschauen.

? Über Dein 2008er-Album Boxing dream hast Du in jenem ausführlichen Interview, das über Deine Homepage zugänglich ist, gesagt, daß die Produktion sowohl in Fragen der Organisation, wie auch der beteiligten Musiker sehr stressig war. – Wie ist das denn mit Set the hammer free gewesen? Was waren die Unterschiede zwischen der Produktion Deines aktuellen Albums und dessen Vorgänger?

! Ich weiß nicht, ob die mich falsch zitiert haben, denn die Produktion von Boxing dream war weniger stressig, als vielmehr eine intensive Situation.
Auf Set the hammer free setze ich den Fokus mehr auf meine künstlerischen Fähigkeiten und weniger auf eine Produktion, die darauf abzielt, einzelne Musiker zusammenzubringen wie auf Boxing dream. Dieses war der Fall in jenem Abschnitt meiner Karriere in 2008. Nun aber wollte ich meine Fähigkeiten nicht nur als Drummer, sondern auch als Sänger/Storyteller und Songwriter entdecken und entwickeln. Boxing dream hingegen war eine großartige künstlerische Leistung und ist vielmehr ein Album, hinter dem ein Konzept steht, als eine Band. Im Vordergrund stand hierbei die Erforschung der Idee, unterschiedliche Kulturen und Generationen zu einem Gebräu (Englisch: brew, daher auch der Projekttitel Brewed by Noon; Anm. d.Red.) anzusetzen, weshalb jeder der daran beteiligten Musiker aufgrund seines individuellen musikalischen Hintergrunds ausgewählt worden war.
Auf Set the hammer free wiederum wollte ich den Fokus auf meinen Fähigkeiten, ausschöpfen, was ich selbst auf die Bühne bringen könnte und wollte mit Musikern meiner Generation arbeiten, wie es Aram Bajakian und Alex Marcelo sind. – Und nun habe ich das großartige New York-Bayern-Trio mit Norbert Bürger und Yvo Fischer.

? Wo nimmst Du all die Ideen für Set the hammer free her?

! Ich habe meine Sammlung von Legenden, Geschichten und Folkmusik fortgeführt, die – vom Schlagzeug ausgehend – in der Art eines ‚Irish Griot’ (Griot: berufsmäßiger Sänger in Westafrika, Anm. d. Red.) improvisiert und komponiert sind. Inspiriert vom Theater des Absurden des irischen Dramatikers Samuel Beckett nutze ich diese generationen- und kulturenübergreifenden Bestandteile. Letztlich ist Set the hammer free eine zur Gärung gebrachte Mixtur aus seinem neuen irisch-amerikanischen Stil des Geschichtenerzählens und entsprechender Improvisation auf dem Schlagzeug. Beeinflußt von irischer und amerikanischer Folklore und inspiriert von Beckett als Avantgarde-Schriftsteller, ist diese meine Idee von neuem irischen Gebräu („New Irish Brew“) eine Sammlung von hochenergetischen Jazz- und Artrocksongs, die das Land, das Meer und die Horizonte darüber hinaus bereisen: von den Bergen West Virginias, zu den dunklen Wäldern Bayerns mit all ihrer wunderlichen Flora, zu Ländereien weit draußen im Meer, zurück zum wilden Westen und ab in meine Wohnung mit einer zu mir sprechenden Wand und der alten Dame über mir.

? Brewed by Noon gibt es jetzt schon seit sieben Jahren und seit einem Jahr tourst Du mit Set the hammer free im Programm. – Gibt es noch Geschichten für Dich zur erzählen, Ideen, die Du mit dem Publikum teilen möchtest? Nachdem zwei Alben von Dir angekündigt sind, die aber nicht unter dem Projekttitel Brewed by Noon laufen, stellt sich doch die Frage, ob es eine Zukunft für dieses Projekt geben wird.

! Doch, ich werde weiterhin auf Tour damit sein und Alben mit Brewed by Noon veröffentlichen. Das ist schließlich mein Hauptprojekt, auf das ich entsprechend auch mein Hauptaugenmerk richte und mit dem ich mehrere neue Alben plane. Allerdings steht hinter dem Namen Brewed by Noon ja auch mehr ein Konzept in dem mich als musikalischer Chef überdenken und spezifische Zutaten von spezifischen Konzepten, die zu entwickeln ich mich entschlossen habe, zu einem Gebräu vermengen kann. Darum ist das mehr als philosophischer Hintergrund anzusehen, über den ich mich als Künstler natürlich freue und für das ich im Moment einige bayerische Geschichten und Einflüsse sammle.

? Wie würdest Du, in Deiner Eigenschaft als ‚progressive Drummer’ den Entwicklungsprozeß Deines Spielstils beschreiben? Und welche Rolle spielt Brewed by Noon innerhalb dieser Entwicklung?

! Mein Schlagzeugstil formt sich um den Kompositionsprozeß und jenes Konzept, das ich für das jeweilige Album bzw. entsprechend den daran beteiligten Typen von Musikern zu erreichen versuche. Musik komponiere ich nicht wirklich oder überdenke, wie sie später zu meinem Schlagzeugstil passen wird, da sich das auf ganz natürliche Weise ergibt. Allerdings setze ich oft Ideen für Schlagzeug, ausgehend von Improvisationen die sich im Probestudio ergeben haben, zusammen. Manchmal ergibt sich so aus Improvisationen eine inspirierende Grundlage oder auch ein musikalisches Grundgerüst, auf dem aufbauend später neue Kompositionen entstehen.

? Denkst Du, daß Musik, wie Du sie mit Brewed by Noon auf die Beine stellst, insbesondere an New York als dem großen Schmelztiegel der USA gebunden ist?

! In New York City zu sein ermöglicht mir, mich vielen unterschiedlichen Kulturen ausgesetzt zu sehen und mit unterschiedlichen Musikern und Künstlern zusammenzuarbeiten, die aus der ganzen Welt dorthin gekommen sind, um ein Teil dieser Kulturszene zu sein, sie zu treffen und zu hören.

? Würdest Du mit mir übereinstimmen, wenn ich sage, daß es in den USA keinen Ort gibt, der besser geeignet ist, diese Art von musikalischer Verbindung zwischen den Kulturen zu erschaffen?

! Ich bin jetzt nicht so vertraut mit der Musikszenenlandschaft in den USA und könnte diese Behauptung nur teilen, wenn ich, sagen wir mal, in Los Angeles leben würde. Allerdings habe ich schon mit vielen Musikern aus den verschiedensten Winkeln der USA gesprochen und alle äußern sich positiv über New York.

? Welche Bedeutung hat denn afrikanische Musik bzw. die afrikanische Art, Musik zu machen für Dich?

! Als Schlagzeuger bin ich fasziniert vom afrikanischen Schlagzeugspiel und seiner Polyrhythmik und glaube, daß sein Ursprung eine direkte Verbindung mit Jazz- und Swingrhythmen besitzt. Ich versuche, diese Polyrhythmik auf mein Schlagzeugspiel anzuwenden und meine vier Gliedmaßen wie die von zwei, drei oder sogar vier Schlagzeugern einzusetzen. Ich studiere Einspielungen afrikanischer Musik aus Mali und versuche, deren Rhythmen an meinen Stil anzupassen.

? Könntest Du Dir vorstellen, daß es ein Brewed by Noon-Album geben wird, das von asiatischer Musik inspiriert sein wird?

! Es ist witzig, daß Du Asien erwähnst, da ich grad ein neues Projekt am laufen habe, in dem ich Schlaflieder aus der ganzen Welt verarbeite, darunter einige aus Asien, die ich für meine neuen Kompositionen verwende. Persönlich mag ich traditionelle japanische Musik, habe davon auch schon ein bißchen studiert und habe vor, mehr Zeit für die Entdeckung ihrer Charakteristika aufzuwenden. Ich mag auch die Musik von der Insel Java, die ebenfalls ziemlich interessant ist, aber um ehrlich zu sein bin ich nicht so vertraut mit der Musik aus diesem Teil der Erde.

? Wie bist Du denn auf Deine alten europäischen Wurzeln gestoßen? Welche Aspekte davon inspirieren Dein Storytelling (z.B. die Geschichte von Gunter’s Wald)?

! Tatsächlich ist Gunter’s Wald die Geschichte über meinen Freund Gunter aus Bayern.
Ich nahm also diese Art von ‚städtischem Mythos’ auf und schrieb eine eigene Geschichte drum herum, so wie ich diesen Freund kenne. Daneben aber liegt der Geschichte noch eine Gutenachtgeschichte zugrunde, die er seinen Kindern erzählte, bevor er diese zu Bett schickte.
– Ich nahm also diesen Teil der Geschichte und seine eigene Geschichte, in den Wald zu gehen und dort Pilze zu essen und kombinierte das mit einer Folkmelodie, die ich in Amerika gefunden hatte. Irgendwie hat sichs dann ergeben, daß die Melodie bayerisch geklungen hat – aber ich kann mich wirklich nicht daran erinnern, wie ich die Melodie letztlich gefunden haben; das muß in Gunter’s Wald verloren gegangen sein.

? Nachdem Du den ‚alten Kontinent’ nun schon so viele Mal bereist hast: wie nimmst Du Europa wahr? Hat sich, und wenn ja, wie, das Bild Deiner Heimat, den USA, verändert, seit Du angefangen hast, Dich mit dem europäischen Teil in Deinem Leben zu beschäftigen?

! Nun, ich fühle mich halb als Bewohner von New York und halb als Europäer, da ich über die letzten 10 Jahre so viel Zeit hier verbracht habe und auch viele Freunde hier habe. Es ist eine zweite Heimat fern von zuhause.

? Vielen Dank für Deine Zeit, Sean! Ich wünsche Dir alles Gute für die kommenden Konzerte und eine großartige Zeit in Europa!