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Reloaded: Gefährdet, bedroht, abgesagt - Progevents in Deutschland. - Eure Einschätzung der Situation heute.

Die Situation der Live-Prog-Szene heute. Diskutiert mit!
Im April letzten Jahres gab es auf diesen Seiten eine lebhafte Diskussion um die Zukunft und die Chancen der Prog-Liveszene. Für einige größere Veranstaltungen sah es zu jener Zeit nicht gut aus: das NEARFest ist mittlerweile tatsächlich Geschichte, das FreakShow-Festival stand zur Disposition, aufgrund nicht ausreichender Zuschauerzahlen erschien auch die Night of the Prog als auf wackeligen Beinen stehend.

Die Situation heute: das FreakShow-Festival fand - trotz guter Besucherzahlen allerdings wieder defizitär - auch dieses Jahr wieder statt, ebenso auch die Night of the Prog, dessen Veranstalter sich mit den letztjährigen Besucherzahlen sehr, mit den diesjährigen zufrieden zeigt.

- Daneben konnte sich sogar manches Festival neu etablieren: Das Discorporate Festival Dresden ist ebenso seit 2011 neu im Festivalreigen wie auch das Generation Prog Festival in Nürnberg.

Dennoch: Selbstläufer, weder was das Überleben, noch die Entstehung betrifft, sind diese Veranstaltungen beileibe nicht - und hier rede ich durchaus auch von Einzelkonzerten. In unterschiedlicher Höhe kommt es auf jeden einzelnen an, damit die Bands unserer Szene auch in Zukunft die Chance erhalten, auf belebten Festivals mit guter zwischenmenschlicher Stimmung auf der Bühne zu stehen. Ob dies nun die zur Zukunftssicherung optimalen 5000 - 6000 bei der Night of the Prog oder die 200 - 250 beim FreakShow-Festival sind.

Und nun kommt ihr ins Spiel:
Wie sind eure Einschätzungen und Beobachtungen zur Szene? Hat sich etwas geändert? Wurde etwas anders, vielleicht sogar besser gemacht? Seht ihr heute die Zukunft der Liveszene anders als damals?

Gerne dürfen hier natürlich auch Organisatoren selbst teilnehmen: was sind eure Beobachtungen bei der Zuschauerresonanz (sowohl qualitativ als auch quantitativ), welche Zukunft von Live-Prog seht ihr?

Was soll man sagen, was nicht schon gesagt ist? Ich denke, es liegt an uns allen. Wer, wie ich, lieber eine Mega-Deluxe-Box von einem Album kauft, das er schon in drei Fassungen hat, als die obskure Scheibe von weißrussischen Avant-Thrash-Zeuhlikern und lieber zum siebten Mal schwedische Selbstbestätigungsbands ankuckt als aserbaidschanische Doom-Symphoniker, weiß doch selbst am besten, dass die Welt weißrussische Avant-Thrash-Zeuhliker und aserbaidschanische Doom-Symphoniker nicht braucht. Ich meine, hey Leute! Wir sind doch alle Kinder der freien Marktwirtschaft, sie hat uns geboren, wir haben sie als Dank dafür gewählt. Und der Markt sprach: "Nun siehe! Ich aber sage Euch: Was nicht gekauft wird, kann nichts wert sein und soll darum vergehen!" Ja, wären wir eine Szene, wäre das was ganz anderes. Aber wir sind halt lauter einzelne, verstreut im Odenwald, im Sauerland und im Thüringer Wald lebende Individualisten - und eine doch noch beträchtliche Menge von One-Band-Fans, die eisern immer wieder zu ihrer Lieblingsband strömen, respektabel, aber eben nicht zu anderen - weil sie sie nicht kennen, oder weil sie sie nicht mögen. Das ist okay. Denn schließlich leben wir im Zeitalter des Kümmerdichdochumdichselbst, andere sagen verhüllend "Neoliberalismus" oder "neue soziale Marktwirtschaft" dazu und da ist es eben ein Anachronismus, wenn einer einem anderen einen Hörtipp oder einen Konzerttipp gibt, sei es unter einer Handvoll Augen am Progstammtisch oder weltöffentlich auf den Babyblauen Seiten. Nichts davon ist schlecht, allenfalls kritisierenswert, besser aber positiv: anregenswert.

Es ist wie in jedem kulturellen Bereich: Es gibt Dinge, die mehrheitsfähiger sind als andere. Und diese bilden halt mehrheitlichere Mehrheiten als jene. Man kann dem sicher entgegenwirken, durch Werbung, durch Hörtipps, oder, noch konkreter, durch Mfgs, durchs Gründen von Progstammtischen, durchs Organisieren wovon auch immer. Aber der Markt rult und die Musik kann sich zu ihrem Konsumenten nicht hintragen. Wie oft habe ich den Satz gehört: "Ja, so Musik wie früher, von Yes und Led Zep, sowas macht ja heute keiner mehr!". Aber wie jemanden erreichen, der in seiner Medienrezeption seine Auswahl bereits getroffen hat? Oder die seiner Lieblingsbands? Oder der, schlicht und einfach, zufrieden ist mit dem, was er kennt? So funktionert der Mensch in den meisten seiner Ausführungen nun einmal - und das ist auch ganz in Ordnung so, solange er das, was er nicht kennt, nicht alleine schon deshalb doof findet.

Jules, ja, die Veranstalter würde ich selbst auch gern zum Thema hören. Aber besonders interessant fände ich das, was die Heftemacher zu dieser Disku beitragen könnten. Empire, PNL, aber vor allem Eclipsed. Denn die müssen von dem leben, was sie schreiben, was bedeutet, dass sie die Mechanismen am besten durchschauen. Einer wie ich kann nur spekulieren. Und ich spekuliere: Wenn alle Welt auf weißrussische Avant-Thrash-Zeuhliker und aserbaidschanische Doom-Symphoniker stünde, würden wir nach den großen alten Namen und nach dem etablierten Retroprog rufen.

Na? Hättste mich für so fatalistisch gehalten?