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Rock Hard Festival 2008

Zum inzwischen sechsten Mal fand dieses Jahr zum üblichen Pfingsttermin vom 9. bis 11. Mai das Rock Hard Festival im Amphitheater zu Gelsenkirchen statt. Nachdem es in den letzten Jahren aus verschiedenen Gründen nie geklappt hatte, stand dieses Jahr erstmalig und mit Begleitung durch p-dt-Kollege MrTree eine Pilgerreise ins Kurzzeit-Metalmekka am Rhein-Herne-Kanal an. Das RHF konnte dabei neben dem guten und abwechslungsreichen (und stellenweise durchaus proggigen) Lineup v.a. durch den großartigen Veranstaltungsort mit Bühne direkt am Kanalufer und vielen Sitzgelegenheiten im aufsteigenden Halbrund glänzen, den ich schon letztes Jahr bei einem Auftritt des Meisters (nein, nicht der, sondern der echte) getestet und für gut befunden hatte. Neben der für ein Festivalgelände sehr guten Akustik und den Sitzen bot die Arena noch einen weiteren Vorteil: Langweilige Auftritte konnten häufig sehr gut durch Beglotzen der hinter der Bühne dahinschippernden Pötte überbrückt werden, wenn nicht gerade mal wieder Falafel-, Getränke- oder Merchandisestände geplündert wurden. Im krassen Gegensatz zum gelungenen Festivalgelände stand natürlich die Stadt Gelsenkirchen an sich, die v.a. mit versprochenen, aber nicht auftauchenden, Verstärkerbussen, asigen Autofahrern und einer Fußgängerzone, die ungefähr so belebt wie die Wüste Gobi um 3 Uhr nachts war, „glänzen“ und sich somit mühelos einen Platz in den Top 10 der hässlichsten deutschen Großstädte erkämpfen konnte. Darauf ein dreifaches *reifenquietsch* und *handylärm*!

Gott sei Dank sieht man bei Festivals ja i.a. weniger von der Umgebung und dafür umso mehr Bands. Theoretisch hätte man sich also folgende amtliche Bedienung geben können:

Freitag - 9. Mai

15:00 - 15:35 THE CLAYMORE
15.55 - 16.40 STORMWARRIOR
17.00 - 17.45 LAKE OF TEARS
18.15 - 19.15 Y&T
19.45 - 21.00 DIE APOKALYPTISCHEN REITER
21.30 - 23.00 TESTAMENT

Samstag - 10. Mai

12.45 - 13.25 THE SORROW
13.45 - 14.25 MOONSORROW
14.45 - 15.25 HELSTAR („Remnants Of War“-Line-up!)
15.45 - 16.30 ENSLAVED
16.30 - 17.00 Karaoke mit ROKKEN auf der Biergartenbühne
17.00 - 17.45 EXCITER
17.45 - 18.15 Karaoke mit ROKKEN auf der Biergartenbühne
18.15 - 19.15 AMORPHIS
19.15 - 19.45 Karaoke mit ROKKEN auf der Biergartenbühne
19.45 - 21.00 EXODUS
21.30 - 23.00 IMMORTAL

Sonntag - 11. Mai

12.00 - 12.40 ENEMY OF THE SUN
13.00 - 13.40 SIEGES EVEN
14.00 - 14.40 ASPHYX
15.00 - 15.45 JORN
15.45 - 16.15 Karaoke mit ROKKEN auf der Biergartenbühne
16.15 - 17.00 NAPALM DEATH
17.00 - 17.30 Karaoke mit ROKKEN auf der Biergartenbühne
17.30 - 18.30 VOLBEAT
19.00 - 20.15 PARADISE LOST
20.30 - 21.00 ALLSTAR-JAM (Etliche Musiker geben sich die Instrumente in die Hand, lasst euch überraschen!)
21.30 - 23.00 ICED EARTH

Wie auf Festivals wurden natürlich nicht alle Bands bewusst begutachtet, sondern nur die, bei denen zumindest rudimentäres Interesse vorhanden und/oder nichts besseres zu tun war (oder man letzteres vermutete, mindestens einmal zu Unrecht, wie noch zu lesen sein wird...). Los ging daher das Festival für mich erst mit den letzten Minuten des Auftritts von

Stormwarrior
Und das hätte man sich dann vielleicht doch besser sparen und stattdessen noch ein paar Minuten länger im Hotel bleiben können. Langweiliger Teutonen-Powermetal, der zwar sicherlich mächtig true, aber auch mächtig einförmig war. Als eine der deutschen Quotenbands auf dem Festival aber sicherlich halbwegs in Ordnung, könnte meine fehlende Begeisterung doch auch nicht unwesentlich mit meiner allgemeinen Allergie gegen allzu offensichtlich aus deutschen Landen stammenden Metal zusammenhängen.

Lake of Tears
Danach ging das Festival aber immerhin gleich richtig los. Die schwedischen Düstermetaller aus Umeå waren mir bis dato zwar völlig unbekannt, konnten aber trotz relativ statischer Bühnenpräsenz und nicht wirklich zu gleißendem Sonnenschein passender Mucke mit ihrem Mix aus Gothic, Doom und Psychedelic direkt punkten. Da muss ich doch mal reinhören, obwohl Gothic Metal an sich natürlich ganz übel ist.

Y&T
Weiter im Text ging es mit den Hardrockern Y&T aus Kalifornien, die zwar einen motivierten und in den ersten Reihen abgefeierten Auftritt hinlegten, gleichzeitig aber auch zeigten, warum sie seit mehr als drei Jahrzehnten nur in der zweiten Reihe spielen. Das ist alles lieb und nett, wenn man Hardrock mag, aber von den Genregrößen wie Whitesnake doch eindeutig getrennt. MrTree haben sie aber trotzdem einen amtlichen Ürgsel-Ohrwurm verpasst: „Midnight... in Tokyo...“

Die apokalyptischen Reiter
Nachdem die ehemaligen Death- und inzwischen wohl eher Ballermann-Metaller aus Thüringen mir schon auf dem letztjährigen Party.San fürchterlich auf den Zwirn gegangen waren, war Essenszeit angesagt. Der Falafelstand konnte voll überzeugen, die aus dem Amphitheater herüberwehenden Musikschwaden inkl. völlig derangierter Gitarre waren dabei Gott sei Dank nicht häufig genug, um den Appetit zu verderben.

Testament
Headliner des ersten Tages waren die kurzfristig als Ersatz für die (mal wieder) aufgelöste Schweizer Black-Metal-Legende Celtic Frost verpflichteten Bay-Area-Thrash-Veteranen von Testament. Wie kurzfristig die Zusage war sah man, als die Band zu viert ohne Wundergitarrist Alex Skolnick die Bühne betrat. War der mal wieder ausgestiegen (worden)? Nein, aber dank der kurzen Vorwarnzeit konnte er einen zeitgleich in den USA stattfindenden Gitarren-Workshop nicht mehr absagen. So weit so gut, war die Truppe um Urviech Chuck Billy doch offensichtlich trotzdem bestens motiviert, einen würdigen Auftritt hinzulegen. Das hätte dank grandioser Songauswahl (fast nur Klassiker) auch sicherlich funktioniert, wenn jemand vorher den Soundmenschen erschlagen oder ihm zumindest erklärt hätte, dass man eine fehlende Gitarre nicht mit doppelt so lautem Bass und Hall auf dem Gesang wie bei einer Echowand kompensieren kann. Sehr schön auch das in der Lautstärke gen hungriger Drachen tendierende Brummen aus den Boxen in den Songpausen. Das hätte wirklich super sein können, so war es leider „nur“ gut. Schade.

Samstag

Moonsorrow
Viel zu früh mussten am Samstag in hellster Mittagssonne die Pagan-Metal-Senkrechtstarter von Moonsorrow die Bühne entern. Hatte ich vor dem Auftritt noch meine Zweifel, dass die Band ihren epischen Sound auch live (und noch dazu nicht in der Nacht, wie es bei der Musik wohl besser wäre) transportieren könnte, so wurde ich schnell eines besseren belehrt. Spielfreudig, instrumental einwandfrei, mehr als einmal angeproggt und bis auf das obligatorische Kunstblut erfreulich unpeinliche Bühnenshow. Wirklich toller Auftritt, aber viel zu kurz. An alle Leser, die die Band noch nicht kennen und was mit Metal anfangen können: Hört unbedingt in eins der letzten Alben rein, die Band ist grandios und definitiv progkompatibel.

Helstar
Weiter gings mit der texanischen US-Metal-Legende um Goldkehlchen James Rivera, die mich mit einem schön oldschooligen Gig gut unterhalten konnten. Auch da muss ich wohl mal reinhören, zudem sich durchaus einige der für den US-Metal der Achtziger nicht untypischen Progeinflüsse vernehmen ließen.

Enslaved
Die Norweger sollten BBS-Stammlesern ein Begriff sein, haben die Begründer des Viking Metal doch mit den letzten fünf Alben den Weg in den (wenn auch extremen) Progressive Metal eingeschlagen. Entsprechend (und für alte Fans erschreckend, für mich eher im Gegenteil) bot die Band eine Setlist auf, die sich nur aus Stücken der neueren Album rekrutierte und mich ollen Progger daher in hellste Begeisterung versetzen konnte. Bis dahin klar der beste Auftritt des Festivals, zudem sich die Jungs auch noch arschtight durch ihr komplex-krachendes Songmaterial wemsten.

Exciter
Exciter sind Kult. Ohne die kanadische Speed-Metal-Combo aus Ottawa hätte es Exodus, Slayer, Metallica und die ganze Thrash-Metal-Bewegung vielleicht nie gegeben und alleine für diesen Impetus gebührt den Veteranen Respekt. Auch der Auftritt der alten Männer mit dem neuen, kleinen und dicken Gesangs-Flummi Kenny Winter war mindestens unterhaltsam und bot eine gute Mischung aus Klassikern und Stücken des neuen Langeisens „Thrash Speed Burn“. Spaßig war's, allerdings merkte man an deutlichen Timingschwankungen etc. dann doch, warum Exciter wohl nie mehr richtig groß werden.

Amorphis
Großartig. Mehr braucht und sollte man zum Auftritt der Finnen eigentlich nicht sagen. Obwohl, eines vielleicht noch: Glückwunsch zum neuen Sänger. Tomi Joutson hat nicht nur Dreadlocks bis zu den Kniekehlen und sorgt somit für die imposantesten Propeller seit Apocalypse Now, er kann auch die alten gegrowlten Stücke genauso souverän rüberbringen wie den auf den neueren Scheiben dominierenden cleanen Gesang. Toll. Überhaupt, wie nennt man das eigentlich, was die inzwischen manchen? Progressive? Death? Progressive Death? Je nach Album anders? Is ja auch egal, in jedem Fall Reinhörpflicht auch für eingefleischte Progger. Erst recht nach diesem Auftritt.

Exodus
Bay-Area-Thrash-Legende, die zweite. Leider auch beschissener Sound, die zweite, obwohl es nicht ganz so schlimm wie bei Testament war (der hungrige Drache war wohl verschwunden und dank vorhandener zweiter Gitarre war der Bass nicht doppelt so laut wie sonst). Ansonsten ein solider und unterhaltsamer Auftritt, der mich aber nicht wirklich vom Hocker reißen konnte und etwas enttäuschte. Die Vollasi-Attitüde des Sängers ging mir nach kurzer Zeit auch gepflegt auf den Senkel. Hat der was anderes gesagt als „fuck“, „motherfucker“, „fucking fuckers“, „fuck you, you fuck“? Doof.

Immortal
YEAH! Die Black-Metal-Koryphäen von Immortal um Knarzgott Abbath und sein Pandaemonium (pun intended) zeigten eindrucksvoll, dass sie nicht umsonst den Headliner-Status bekommen hatten. Super Songauswahl. Angenehm selbstironisches Auftreten (Abbath zu einigen im Publikum hochgereckten Plüschpandas: “Ahh. Nice pandas! Pandas of northern darkness“ - das alles natürlich im typischen Geknarze). Tolle Specialmoves wie der Krebs- bzw. Zoidberg-Gang von Abbath. Bemerkenswert wenige Spielfehler. Lustige Lichteffekte inklusive Feuerspucken. Ja, so und nicht anders muss Black Metal sein – nicht ernst nehmen, was man nicht ernst nehmen sollte (das Image), und ernst nehmen, was man ernst nehmen sollte (die Mucke). Immortal waren, wenn man Mucke und Livepräsenz zusammen nimmt, für mich der klare Gewinner des Festivals. Super.

Immortal

Sonntag

Sieges Even
Die Progband des Festivals waren dieses Jahr Sieges Even, die trotz vergleichsweise mäßigen Zuschauerzuspruchs ihre hochkomplexe Mucke mit ordentlich Spaß inne Backen ins Publikum feuerten (v.a. Sänger Arno Menses ist ein absoluter Gewinn) und somit zumindest im Nahbereich der Bühne für Nackenverspannungen bei Bangversuchen im ständig wechselnden Takt sorgten. Hat jemand ernsthaft bezweifelt, dass die Süddeutschen (plus niederländische Verstärkung) mit deutlichem Respektsabstand beste deutsche Progband sind? Ab in die Schäm-Dich-Ecke und sich solange eine CD mit der Setlist dieses Gigs (plus x) anhören, bis man es einsieht. Rein musikalisch (und natürlich technisch) deutlich die beste Band des Wochenendes.

Asphyx
Nach Sieges Even ging es fast genauso gut, aber völlig anders, weiter. Nachdem das reformierte Death-Metal-Schlachtschiff aus den Niederlanden mich schon letztes Jahr auf dem Party.San umhauen konnte, gab es diesmal den nächsten Keulenschlag. Supersympathische Ansagen und wie immer absolut krankes (und völlig eigenständiges) Krächz-Growling von Martin van Drunen, eine teilweise doomige Wand von Mörderriffs, an der sich wohl auch ein Nashorn den Schädel ruinieren würde, und eine mit Klassikern gespickte Setlist. So muss das. Wenn das im erscheinende Jahr kommende Album auch nur annähernd an die Live-Auftritte rankommt, dann steht das Death-Metal-Album 2009 schon jetzt fest.

Jorn
Die norwegische Wunderstimme (ex-Ark, Allen-Lande (von den beiden Projekten wohl vielen Proggern bekannt), ex-Masterplan) wurde als der beste Hardrock-Sänger der letzten beiden Jahrzehnte angekündigt. Und das ist er auch eindeutig. Eine unfassbar tolle Stimme – leider aber auch erschreckend belanglose Songs, durch die der Auftritt dann doch nicht mehr als unterhaltsam war. Mensch, Jorn, lass Dir Deine Songs von Magnus Karlsson schreiben wie bei Allen-Lande, mach eine Ark-Reunion oder such Dir sonst einen guten Songwriter.

Napalm Death
Die Grindcore-Veteranen konnten mit einer bewährt krachigen Performance und der höchsten Anzahl an gespielten Songs punkten. Dazu noch das wilde Abgespacke von Sänger Barney Greenway und Spaß ist garantiert. Sonderlich anspruchsvoll ist das natürlich nicht, aber für eine Dreiviertelstunde schon schwer unterhaltsam. Allerdings habe ich leichte Zweifel, dass ich solch ein Massaker wesentlich länger anhören kann. Höhepunkt: Bei der Ansage des gleichnamigen Dead-Kennedys-Covers grölt das gesamte Amphitheater „Nazi punks fuck off!“.

Volbeat
Wahrscheinlich die beste Stimmung des Festivals, ich find die Band um Elvis-Fan Micheal Poulson allerdings einfach nur langweilig und habe dementsprechend gemampft und gedöst.

Paradise Lost
Habe ich leider gesehen, weil ich ja schon gegessen hatte und nicht mehr wusste, was ich sonst tun sollte. Erschreckend lahmarschiger und lustloser Auftritt, v.a. vom unsingenden Frontmann Nick Holmes, der offensichtlich genauso viel Lust auf den Gig wie ich auf einen längeren Bericht zu dieser musikgewordenen Irrelevanz habe. Eines Co-Headliners unwürdig.

Iced Earth
Ich wollte den Auftritt doof finden und nach zwei Songs gehen. Jon Schaffer ist ein Spinner mit einer ürgseligen Redneck-Politikeinstellung, der zudem Ex-Sänger Tim „Ripper“ Owens ein paar Tage vor Weihnachten auf die fieseste Tour rausgeworfen hat, nachdem Wieder-Sänger Matt Barlow zur Rückkehr in die Band bereit war. War aber nicht möglich. Dafür war der Auftritt der Power-Metaller aus Indiana und v.a. der von Matt Barlow schlicht zu gut. Eine sehr gute Bandlist, toller Gesang, wirklich guter Sound, Schaffer hatte offentlich auch Spaß und die drei „Nebendarsteller“ machten ihre Sache wirklich gut.

Weitere Highlights neben den größtenteils überdurchschnittlichen Auftritten waren die stets freundliche und überaus angenehme Security sowie das fast durchweg gut gelaunte und friedliche Publikum. In dem Sinne: Bis zum nächsten Jahr, wenn Gelsenkichen ausnahmsweise mal eine Reise wert ist!

 

Photos gibt es auf meiner Seite bei Zooomr: http://de.zooomr.com/photos/ecki/sets/

Yeah!

Das RH-Festival war wirklich sehr angenehm! Sehr schönes Gelände, faire Preise, sehr professionelle Security, große Auswahl an Merchandise, gutes Essen und zu Hauf symathische Leute. Großes Dankeschön ans RH-Team!

Ich als wimpiger Hotelschläfer kann auch noch vermelden, dass ich äußerst zufrieden mit meiner Schlafstätte war. Das Frühstücksbuffet war großartig und ausgiebig. Allein die Wände des Hotels waren relativ dünn. Dank meiner Zimmernachbarn, die mit einer gesunden Libido gesegnet waren, war viel Schlaf also kaum möglich.

Hightlights waren ganz klar für mich IMMORTAL, ENSLAVED, ICED EARTH, SIEGES EVEN, AMORPHIS, ASPHYX und EXCITER. Verlierer waren die überaus gelangweilten, langweiligen Paradise Lost. Enttäuscht war ich vom TESTAMENT-Sound und vom Asi-Image des EXODUS-Brüllwürfels.

Der Rest war wahrscheinlich gut, aber nicht meine Musik.