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"Wiederauftauchen" - ein Interview mit James LaBrie

Wir trafen James LaBrie am Tag des Dream-Theater-Auftritts beim diesjährigen „Night of the Prog“-Festival. Die derzeit beliebte Geschichte rund um Dream Theater dreht sich um die Band, die ihren Star-Schlagzeuger verlor und weitermachte, ohne ins Straucheln zu kommen, und sie ist gut. Aber wir haben beschlossen, eine andere Geschichte zu erzählen – es geht darin nicht um den Mann, der ausgestiegen ist, oder um denjenigen, der ihn ersetzt hat; es geht um die anderen und wie diese Veränderung sich auf sie ausgewirkt hat.

Michael Schetter:
Wie fühlt es sich an, nach 20 Jahren zum ersten Mal der unbestrittene Frontmann der Band zu sein?

James LaBrie:

Der unbestrittene Frontmann? Weißt du... Ich meine, es war so eine seltsame Zweiteilung, wenn man drüber nachdenkt. Es ist witzig, dass du das erwähnst, weil wir in der Band darüber geredet haben, dass alles viel ausgeglichener ist, jeder ist in seiner Rolle drin. Es ist also so, wie's auf der Bühne sein sollte, wo nicht jemand im Hintergrund versucht, sich ins Rampenlicht zu spielen, während er einfach grooven sollte oder was auch immer. Aber ich meine, das ist einfach Mikes Charakter, seine Persönlichkeit. Er ist groß und er will im Rampenlicht stehen. Bloß ist das Problem dabei, dass es vom großen Ganzen ablenkt – von der Band als Einheit. Und viele Leute haben das angesprochen, seit wir diese Tour begonnen haben, sie meinten „Es fühlt sich mehr an, als würde ich mir 'ne Band anschauen, wo jemand vorne steht und singt und interagiert und alle anderen einfach da hinten sind und...“ (deutet Schlagzeug- und Gitarrespielen an). Jeder schlüpft in seine Rolle. Und dann gibt es immer Momente im Laufe des Abends, wenn die Scheinwerfer auf diese anderen Bandmitglieder gerichtet sind und das sollte es auch. Aber es schafft eher eine Balance. Und wir haben darüber gesprochen, haben gesagt „Wisst ihr was? Das ist richtig cool!“ - es fühlt sich an wie eine Einheit, es ist also viel besser.

Wie läuft die Tour soweit?

Exzellent! M'n'M ist einfach... nicht der Rapper Eminem! Mike Mangini – oder "Genie" (Anm.: Englisch für "Dschinn"), wie wir ihn nennen. Obwohl ich Eminem liebe, ob du's glaubst oder nicht! Ich liebe sein Zeug! Aber... Es läuft großartig! Mike spielt grandios. Er ist ein Schatz von einem Drummer, phänomenal. Er ist sehr musikalisch. Er passt also einfach dazu und er treibt uns an, wie ein Monster-Rückgrat für die Band. Es fühlt sich also gut an, es fühlt sich sehr natürlich an und wir haben viel Spaß!

Ich will mich nicht lange mit dem Thema aufhalten, aber mehrere Leute haben mich gebeten, es anzusprechen: Hast du noch Kontakt zu Mike Portnoy?

Nein.

Hast du dieses Jahr überhaupt mit ihm gesprochen?

Ich habe mit Mike nicht mehr gesprochen, seit er meinte, dass er über den Ausstieg aus der Band nachdenkt. Und dann... Wobei, eigentlich sollte ich sagen: Das letzte Mal, als ich mit ihm mündlich gesprochen und seine Stimme gehört habe, war bei der Konferenzschaltung, als er endgültig sagte „Ja, ich steige aus.“ Und das war's.

Gehen wir zu positiveren Dingen über. Wie hat sich die Herangehensweise ans Songwriting geändert?

Vor allem waren wir zu viert im Studio – ohne einen Schlagzeuger. John Petrucci hat Schlagzeugspuren programmiert während wir die Songs geschrieben haben.

Ich habe gelesen, dass du in jungem Alter Schlagzeug gespielt hast. Bist du jetzt etwas dazu gekommen, mit der Band etwas Schlagzeug zu spielen?

Nein. Ich habe ab dem Alter von fünf Jahren bis ich 17 war Schlagzeug gespielt. Ich hab seitdem keins mehr angefasst. Wobei, doch – mein Sohn hat ein Set daheim und ich hab mich dahinter gesetzt und sehr schnell aufgehört. Ich hab gleich gemerkt: „Uuh, ich hab alles vergessen...“ – von daher...

Dream Theater sind dafür bekannt, ihr Material im Studio zu entwickeln, und beim letzten Album gab's zum ersten Mal seit langem den Fall, dass John Petrucci eine Demo eingebracht hat – für Wither. Habt ihr diesmal Demos gehabt?

Es gab einen Song, den John eingebracht hat, der Beneath the Surface heißt. Aber so, wie das Material für dieses Album sich entwickelt hat, war es eine nachträgliche Idee. Er meinte „Wisst ihr, Jungs, ich hab einen Song und ich denke, wir könnten ihn wirklich schön machen, ihn zu einem Dream-Theater-Stück machen“, und das haben wir getan. Es ist sehr schön geworden, es ist ein tolles Lied.

Warst du diesmal dabei, als die Musik geschrieben wurde?

Ja, absolut.

Warst du in den Schreibprozess involviert?

Ich habe hier und da Vorschläge gemacht und war definitiv sehr stark eingebunden, was die Gestaltung der Melodien für den Gesang anging.

War das für dich neu?

Ich war immer zu einem gewissen Grad eingebunden, aber nie in diesem Ausmaß. Das war also neu. Und auch das Vorschlagen von Riffs und so. Aber, ich meine, minimal. Denn die Sache sieht so aus: Die hauptsächlichen Komponisten dieser Band waren immer John und...

Petrucci…

Ja, stellen wir das ganz klar – John Petrucci und Jordan waren immer die Haupt-Beitragenden, was Riffs und so angeht. John Myung hat sich bei diesem Album wirklich der Herausforderung gestellt und auch vieles eingebracht.

Das ist etwas, das zu Zeiten von Black Clouds durchgesickert ist: Jordan hat quasi zugegeben, dass John Myung gar nicht dabei war, als sie Alben geschrieben haben.

Naja, er war dabei, aber er war nicht... Er war dabei, er war DA, aber er war nicht eingebunden. Von daher...

Wie lange ist das schon so gelaufen?

Sagen wir mal so: Bei When Dream and Day Unite war er sehr stark eingebunden. Images, sehr stark eingebunden. Awake, eingebunden. Ab da begann es, immer etwas weniger zu werden. Bis zu dem Punkt, dass es bei Black Clouds and Silver Linings... wahrscheinlich gar nichts mehr war. Bei mir das Gleiche! Ich hab mich zurückgelehnt und gedacht (mit genervtem Blick) „Was geht hier ab?“ Und was war mit ein großer Grund dafür, dass ich meine Solo-Alben machen musste. Weil ich meine Ideen rauskriegen musste, damit Leute sehen, dass ich Musik schreibe. Dass ich Riffs schreibe. So schreibe ich, so schreibe ich Texte, und so weiter. Und es hat mir gut getan und auch der ganzen Wahrnehmung, so dass die Leute nicht denken, dass ich nur rumsitze und sage (im Ton eines verzogenen Sängers) „Wann sing ich denn endlich?“ – ich wollte nicht, dass das so rüberkommt, daher war es für mich sehr wichtig, das zu tun.

John Myung hat diesmal Texte geschrieben. Für wie viele Songs?

Nur für einen.

Was hat sich geändert? Es gab viel Gerede über diese berüchtigte Regel, dass er Texte im Song-Format einbringen musste und deswegen aufgehört hat.

Ich denke, wegen des Internets gibt es viele Leute, die einfach diese Gerüchte in die Welt setzen, dass John angeblich dies tut oder dies nicht tut, oder „warum tut er das?“ und „warum tut er das nicht?“ – die Sache ist die, dass ihm einfach die Verbindung gefehlt hat. Er hat sich einfach davon entfernt, er hat sich textlich davon entfernt. Er hatte nicht den Eindruck, dass er, 1., eingeladen wurde, Texte zu schreiben, und 2., ihm fehlte die nötige Verbindung, um einen Text schreiben zu wollen. Bei diesem Song, es gibt einen bestimmten Song, der ihn wirklich angesprochen hat, als wir ihn geschrieben haben, und er meinte „Ich will den Song machen.“ Und er ist großartig geworden, er hat einen wirklich wunderschönen Text geschrieben. Das Stück heißt Breaking All Illusions und es ist sehr cool geworden.

OK, lass uns über Setlisten sprechen. Wer ist jetzt dafür verantwortlich?

Es ist eine Art Gemeinschaftswerk. Was wir gemacht haben war, dass jeder seine Lieblingssongs aufgeschrieben hat und wir das Ganze runtergebrochen haben: OK, das wäre A, das wäre B, das C und D. Und so kamen wir drauf, was für die Setlist Sinn ergibt.

Ich weiß gar nicht, ob ihr das gemerkt habt, als ihr sie zusammengestellt habt, aber die Setlist enthält keinen einzigen Song, bei dem der Text von Mike Portnoy geschrieben wurde...

Das ist ein Zufall. Ja, ich weiß, wir haben das auch gesagt. Wir sagten, dass jeder denken wird, dass wir diesen Kram wegschmeißen. Nein. Das ist Zufall.

Die Setlist ist ziemlich abwechslungsreich, aber auch ziemlich risikoarm – es sind alles Album-Tracks. Kommen da auch noch B-Seiten oder richtig seltenes Zeug wie Speak To Me, Eve oder Space-Dye Vest, das noch immer nicht von der kompletten Band gespielt worden ist?

Derzeit reden wir nicht darüber. Tatsache ist, dass dies ein ganz neues Kapitel für uns ist, klar. Wir haben ein neues Album, das am 13. September erscheint, und das Wichtigste ist, dass es ordentlich vorbereitet wird, damit es die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient, denn wir sind extrem stolz darauf. Derzeit sind also solche Sachen, also B-Tracks oder was auch immer du meinst... solche unwesentlichen Teile von Dream Theater werden noch im Hintergrund bleiben – fürs Erste! Ich sage nicht, dass es nie passieren wird – fürs Erste!

Wird es vom neuen Album irgendwelche B-Seiten geben?

Nein. Alles, was geschrieben wurde, ist auf dem Album.

Ihr habt seit 1999 keine B-Seiten mehr gehabt...

Was sagt dir das, heh? Was sagt dir das? Haha! Ich denke, wenn sich die Gelegenheit ergibt, dann wäre das sicherlich eine sinnvolle Sache. Aber derzeit ist es auch so, dass der Grund, warum es seit 1999 nicht passiert ist darin liegt, dass wir sehr präzise arbeiten. „Lasst uns schreiben! So lang soll das Album ungefähr werden, mit so vielen Songs...“

Wie lang ist das Album?

Nun, es sind neun Songs... Ich glaub es sind 80 Minuten?

Habt ihr ein konkretes Ziel gehabt, wie das Album klingen sollte, ...

Ja, wir wussten definitiv, in welche Richtung es gehen sollte.

…gab es etwas, das ihr vermeiden wolltet, was in der Vergangenheit passiert ist?

Wir wollten einfach ein sehr klassisches Dream-Theater-Album machen und für uns wäre ein klassisches Dream-Theater-Album die Progressivität mit dem Metal, aber sehr ausgeglichen und einander ergänzend, nicht dass eines das andere überholt oder eines der beiden überwiegt. Es war also quasi ein sehr bewusster Versuch, wieder an einige der wirklich klassischen Momente in unserer Geschichte anzuschließen, die uns sehr stark angesprochen haben, wo wir meinten „Wisst ihr was? Das war cool, als wir so etwas gemacht haben, oder als wir diese Art von Vibe hatten oder diese musikalische Richtung verfolgt haben.“ Das müssen wir nachmachen, aber es klingen lassen, als ob es in die heutige Zeit gehört.

On the Backs of Angels klingt sehr nach klassischen Dream Theater, besonders da es nicht wie irgendwelche anderen Bands klingt. Es gibt keine Teile, die nach Metallica oder Muse klingen, zum Beispiel. Viele Leute beschweren sich über sowas – wird das jemals innerhalb der Band diskutiert?

Nein, wir setzen uns nicht hin und sagen „wir können nicht klingen wie Muse, wir können nicht klingen wie...“ – das machen wir nicht. Aber ich denke, dass wir alle unterbewusst denken „Was auch immer wir hier tun, es muss sich richtig anfühlen – dass es nach uns klingt, in erster Linie.“ Und besonders bei diesem Album, denn wir wussten, dass die Leute sehr genau hinschauen würden, dass es sehr viel Raum für Skepsis geben würde. Wir wussten also: Das Beste, was wir hier tun können, ist uns vor allem treu zu bleiben – was wir immer getan haben! –, aber bringen wir es auf eine neue Stufe. Reizen wir wirklich aus, wer und was wir sind, und machen wir etwas Unbestreitbares, das definitiv das ist, wer und was wir schon immer gewesen sind – aber besser.

So wie es nach außen kommuniziert wurde, lief die Zusammenarbeit von Mike und John als Produzenten so ab, dass John sich um die akustische Seite gekümmert hat, während Mike eher für die Arrangements und das Konzeptionelle zuständig war.

Ja, vieles davon ist wahr.

Wie unterscheidet sich also nun Johns Arbeitsweise, jetzt wo er das meiste alleine macht?

Nun, er hat das Album produziert – er war der Produzent und er hat einen herausragenden Job abgeliefert. Er war extrem engagiert, sehr konzentriert. Er hat endlose Stunden damit zugebracht dafür zu sorgen, dass alles genau... Ich meine, wir waren alle zusammen, wir waren alle vereint. Ständige Gespräche, um sicherzustellen, dass alles sich so entwickelt, wie wir es wollen. Aber er ist sehr genau, er ist sehr bestimmt, er hat eine extrem starke Verbindung dazu, wer und was wir sind – ganz klar, als einer der Hauptkomponisten. Ich denke also, dass er in einer perfekten Position war, um wirklich alles zu überblicken, und die Sache ist die, dass es nicht vom Standpunkt eines Diktators aus war. Es war eher „Hey, ich bin ein Bandmitglied, aber ihr lasst mich das produzieren und ich werde das wirklich so gut tun, wie ich es kann“ – ich denke also, dass es in dem Sinne großartig war. Ich denke auch, dass er sich diesem Gebiet genähert hat und wusste, dass da all diese anderen Elemente von Dream Theater sind, dass wir auch sagten „Wenn die Musik dies aussagt und der Text das aussagt, dann bietet sich das wirklich an für viele visuell aufregende Sachen, die man machen und der Gesamtpräsentation hinzufügen kann. Wie ich also schon sagte, es ist sehr transparent, wie wir miteinander als Band umgehen. Wenn wir was zu sagen haben, sagen wir es. Wir haben keine Sorgen, dass jemand beleidigt sein könnte oder dass wir uns verteidigen müssen oder einen Eiertanz aufführen. Es geht alles nach dem Motto „Weißt du was, ich werde ehrlich zu dir sein. Wenn ich irgendwas wirklich nicht fühle oder ich etwas nicht mag, werd ich's dir sagen. Und ich erwarte das Gleiche von dir! Und ich will wissen, wie sich alles entwickelt und ich will wissen, was los ist“ – und es läuft fantastisch.

Denkst du es hat einen Sinn, über zukünftige Live-Veröffentlichungen zu reden?

Es hat keinen Sinn... Ich meine, wollen wir eine weitere DVD machen? Absolut! Ist diese Tour die richtige, um das zu tun? Ich würde persönlich sagen „ja“, aber wir haben es noch nicht weiter geführt als zu sagen „Vielleicht ist dies das Album, zu dem wir eine weitere DVD machen sollte, eine richtig coole.“ Es ist noch nicht weiter gegangen bisher, aber es kann definitiv passieren.

Es wäre cool, wenn ihr darüber reden würdet, frühere DVDs wie Budokan und Score auf Blu-ray Disc zu veröffentlichen, denn sie wurden in HD gefilmt und würden sich großartig machen auf dem neuen Format.

Ja, absolut. Es gibt viel zu überlegen, definitiv.

Wo wir von älteren Live-Veröffentlichungen reden – habt ihr jemals überlegt, weil's schon gar so lange her ist, mal wieder einen semi-akustischen Gig wie 1998 in Rotterdam zu spielen?

Ja, ich würde liebend gerne wieder etwas in einem akustischen Setting machen. Ich fand das wirklich cool und unsere Fans haben es wirklich geschätzt, es hat uns in einem ganz anderen Licht präsentiert. Ich kann mir vorstellen, dass es sowas wieder geben wird. Ob's auf dieser Tour sein wird, da hab ich so meine Zweifel. Denn ich denke, bei dieser Tour geht’s ganz um „Es ist ein Neubeginn, ein neues Kapitel“, und ich denke, wenn alle das Album hören, werden sie sagen „Verdammt, gebt’s mir! Spielt es! Wir wollen es hören!“ – aber es wäre schön, das vielleicht für die nächste Welttournee zu überlegen. Oder wenn nicht auf der, dann auf der danach. Aber ich denke, es wird definitiv wieder aufkommen, wenn es absolut Sinn ergibt. Und es müsste etwas wirklich sehr gut durchdachtes sein, es muss geplant sein. Denn ich will nicht, dass es nur so läuft nach dem Motto „Hey, lasst uns da raufgehen, Jungs, mit etwas schummrigem Licht, und es richtig cool halten, zum Beispiel in unseren Straßenklamotten auftreten“... Es muss etwas sein, das Begeisterung hervorruft und das für einen unglaublichen Abend gut ist, für einen denkwürdigen Abend.

Du klangst sehr zufrieden, dass du deine Vocals in Kanada aufzeichnen konntest. Warum hast du das nicht in New York getan, wo die anderen Jungs dabei gewesen wären? Waren die Texte zu dem Zeitpunkt einfach noch nicht fertig?

Nein nein nein... Wie's gelaufen ist, war... Ich sagte zu... allen! Ich sagte zu allen: „Wisst ihr, ich will die Vocals vor allem Mal mit Richard Chycki aufnehmen.“ Denn er und ich arbeiten schon lange zusammen und es funktioniert fantastisch. Und ganz einfach dadurch, wie sich der Zeitplan ergeben hat, sagte ich: „Wisst ihr, es wäre sinnvoll, dass ich mit den ersten zwei Songs, die wir fertig haben, in Kanada anfange.“ Und alle meinten „Yeah, Mann – du weißt, was du tust!“ Ich hab also mit den ersten beiden Songs angefangen und dann sagten wir „Warum kommst du nicht runter und machst den Rest vom Album in New York fertig?“ Ich bin also nach New York gereist und hab gedacht „Klar, wir werden alle zusammen sein, eine große glückliche Familie und was weiß ich.“ Ich bin also angekommen und an dem einen Tag, den ich da war, an dem ersten Tag hab ich angefangen zu singen und es fühlte sich nicht richtig an. Und ich sagte zu John, denn er ist der Produzent, ein Bandmitglied, ich sagte zu ihm, als ein Bandmitglied, sagte ich: „Das funktioniert nicht. Ich reise zurück nach Kanada und ich werde da oben singen und meine Aufnahmen dort abschließen. Denn ich bin in meiner Zone, ich weiß genau, was ich tun will, ich brauche keinen, der mich anleitet. Hab ich nie gebraucht. Nie. Ich hab bei meinen Solo-Alben nie jemanden gebraucht und ich hab für Images and Words oder für Awake nie jemanden gebraucht – Beweisführung abgeschlossen! Wie auch immer, Tatsache ist, dass sich dieses Album wirklich dafür angeboten hat, dass jeder von Neuem beginnen kann, wirklich in der Lage ist, derjenige zu sein, der er ist, richtig? Das ist es, was dieses Album auch besagt: Wir sind, wer wir sind, und dies ist unser Moment. Dies ist unser Wiederauftauchen, sozusagen. Ich hab also den Rest des Albums in Kanada aufgenommen. Beim letzten Song, den wir gemacht haben, kam John hoch, denn er wollte dabei sein, weil er einige spezifische Ideen hatte – Build Me Up, Break Me Down. Er ist also hochgekommen, kam zum Studio und wir sind zusammen rumgehangen. Es war toll, wir hatten viel Spaß. Alles ist super!

Wo du gerade deine Solo-Alben erwähnst, deine geplante US-Solotour wurde abgesagt. (James verdreht die Augen.) Wird es eine andere Tour geben, nachdem die Dream-Theater-Tour vorbei ist, oder war's das...?

Nun, offen gestanden lasse ich mich nur dann auf eine weitere Tour ein, wenn alle anderen, die mit der Business-Seite des Ganzen zu tun haben, sich wirklich zusammenreißen und wirklich mal die Organisation auf die Reihe kriegen. Denn es war letztes Mal sooo unorganisiert. Deswegen hab ich praktisch gesagt „Ihr habt die Visa noch nicht. Bis wir die bearbeitet kriegen, bleibt uns noch eine Probe und dann geht’s los.“ Und ich sagte: „Das mach ich nicht. Ich mache da keine Kompromisse vor meinen Fans. Mit einer Probe? Und dann sollen wir rausgehen und eine Stunde und 45 Minuten spielen?“ Also hab ich gesagt: „Nein, ich ziehe den Stecker, sorry!“ Aber es musste auf eine bestimme Art passieren.

Hier ist eine Frage, bei der mich ein Fan gebeten hat, sie zu stellen: Welche Songs macht es dir am meisten und am wenigsten Spaß zu singen?

Ööööööh... Am wenigsten Spaß... Ich würde sagen, wahrscheinlich... Ich weiß nicht... New Millennium. Den Song hab ich einfach nicht gefühlt. Es waren ein paar coole Momente drin, aber immer wenn wir ihn gespielt haben, hab ich ihn nicht gefühlt. Das Lieblingslied für mich ist... Ich liebe Scarred, ich liebe es, es live zu singen. Und... naja, Octavarium, das ganze Ding... Ministry of Lost Souls und all das... Ich weiß nicht... Octavarium selbst, den Song, hab ich total gerne gesungen. Ich fand, das war ein fantastischer Song. Es ist irgendwie schwierig. Das ist eine schwierige Frage, weil es so viele Momente gibt, die ich kenne... denn 99% der Songs singe ich total gerne.

Ich denke, es ist 'ne Frage, die sich eher für eine E-Mail-Antwort anbietet...

Ja. Tatsache ist, dass ich auch bedenken muss, wo ich stehe an diesem Punkt meiner Karriere. Weißt du, es ist toll, das ältere Material zu singen, aber machen wir uns nichts vor – das ältere Material ist sehr anspruchsvoll, weil ich in der verdammten Stratosphäre singe. Und das neue Material ist eher... es zeigt eher meine reife Stimme. Es kommt also drauf an. Und wir wissen, dass wir immer das alte Zeug spielen werden, weil es unseren Fans sehr am Herzen liegt, aber gleichzeitig müssen wir sehr wählerisch sein und sicherstellen, dass es auf ausgewogene Art passiert.

Ihr habt auf den Tourneen zuletzt einige der alten Songs gekürzt, zum Beispiel Voices und Take the Time. Wessen Idee war das?

Yeah... (Mit sarkastischem Blick) Ich weiß nicht! Meine war's nicht, aber... Weißt du, ich sage nicht... Mike wollte das und er hatte teilweise Recht, denn diese Songs jeden Abend und mit allen Abschnitten zu singen wäre extrem ermüdend für meine Stimme. Aber wie wir es jetzt machen wollen, zum Beispiel Learning to Live zu spielen, wo ich F#s singe und so Zeug, ist nach dem Motto „Lass uns das ins Set einbauen, aber ich sing's an einem Abend hier und an einem anderen Abend hier, aber ich sing's nicht jeden Abend“ – und so kann ich den kompletten verdammten Song singen.

Ihr rotiert die Setlisten derzeit also nicht durch, weil Mike noch neu in der Band ist, aber ihr werdet die Songs von Abend zu Abend durchwechseln...

Ja, wir werden weiterhin sagen „OK, lasst uns den Song rausnehmen und dafür diesen Song reintun“, aber ich denke nicht, dass es so sein wird wie's früher war, wo es nach dem Motto lief „Hier haben wir ein Set und wenn du morgen wieder kommst, ist es komplett anders.“ Nein.

Es ist zu viel...

Ich denke schon. Ich denke, auf diese Art werden wir wie eine gut geölte Maschine sein und einfach (nimmt aggressive Haltung ein) sein. Und wir fühlen das jetzt schon. Aber es wird ein paar Auswechslungen geben. Es wird so laufen, dass wir heute diesen Song spielen, aber den dann nicht morgen, sondern stattdessen einen anderen älteren Song. Und noch einen anderen Song am Abend drauf. Und dann kommen wir wieder zum ersten zurück. Es schiebt die Sache also bloß ein wenig herum, aber es hilft mir. Meine Stimme ist verheilt und ich bin wieder beim Normalzustand angekommen, aber ich bin mir auch dessen bewusst, zu was ich fähig bin. Und wenn ich es ausgeglichen halte, kriege ich es hin. Ich werde also nicht versuchen, Superman zu sein und zu beweisen, (mit lustiger Stimme) „Ich geh da raus und singe diese Songs wie der Teufel!“ – nein, das mache ich nicht. Ich werde erwachsen sein und sagen „Ich kann diese Songs nur singen, wenn wir dies tun, wenn wir's verteilen.“

Zum Abschluss noch eine Frage: Nenn ein halbwegs aktuelles Album, das jeder hören sollte!

Nun, ich rede schon seit einiger Zeit darüber, aber Soundgarden – ihr letztes Album habe ich geliebt. Einfach, weil Chris Cornell mich umgehauen hat. Aber... Sevendust? Ich liebe diese Jungs, also hört mal rein!