Glosse

Die Macht des Openers

Ein Gastbetrag von [progrock-dt]-Urgestein und Blogger txgx alias Thorsten Gürntke, zu gut, um ihn hier nicht zweitzuverwerten.

Schon in der klassischen Musik wusste man von der Wirkung einer bombastischen und euphorisch anmutenden Ouvertüre. Und auch in der modernen Musik halte ich einen kraftvollen und fesselnden Opener, der modernen Eröffnung sozusagen, für den Schlüssel zu einem "guten" Album. Schließlich ist der Opener der Einstieg in das Album. Wer kennt das Gefühl nicht. Man bekommt ein neues Stück Musik, legt die CD mit zitternder Erwartung in den Player, drückt Start und wartet auf die neuen Klänge, die einen verzaubern sollen. Ich behaupte: Ist das was da kommt langweilig und wenig mitreißend, dann wird auch das Album weniger deutlich in Erinnerung bleiben. Der erste Eindruck entscheidet. Sicherlich gibt es da noch manch andere Faktoren, ob ein Album letztlich wirklich groß ist, ein guter Beginn kann aber nicht schaden.

Es gibt unzählig kraftstrotzende und gradlinige Nummern (gerade im Bereich Rock/Metal), die den Beginn eines Albums darstellen und einen förmlich mit Hochgeschwindigkeit in das Album befördern. Beispiele sind z.B.:

  • King's X - Tape Head (1998): Groove Machine
  • Vicious Rumors - Vicious Rumors (1990): Don't Wait For Me
  • Motörhead - Ace Of Spades (1980): Ace Of Spades
  • Rush - Power Windows (1985): The Big Money
  • Rush - Moving Pictures (1981): Tom Sawyer
  • Faith No More - Album of The Year (1997): Collision
  • IQ - Ever (1993): The Darkest Hour

Doch nicht nur kraftstrotzende Nummern gehören hier erwähnt. Es sind auch unverkennbare Melodielinien, die den Start eines Albums so versüßen. Da kann man z.B. solche Stücke wie die folgenden zu zählen:

  • Änglagård - Hybris (1992): Jordrök
  • Dream Theater - Images And Words (1992): Pull Me Under
  • Genesis - Foxtrott (1972): Watcher Of The Skies
  • Spock's Beard - The Light (1995): The Light
  • Supertramp - Crime Of The Century (1974): School
  • Nucleus - We'll Talk About It Later (1971): Song For The Bearded Lady

Eine dritte Kategorie stellen da noch die Alben dar, die mit einem Intro beginnen (häufig sind das die sogenannten Konzeptalben, die eine Geschichte erzählen wollen). Doch nicht jedes Intro verdient sich seine Lorbeeren so, wie die hier erwähnten:

  • Hamadryad - Conservation Of Mass (2000): Amora Demonis
  • Somnambulist - The Paranormal Humidor (2001): In The Mindwarp Pavillion
  • Psychotic Waltz - Into The Everflow (1990): Ashes
  • Queensryche - Promised Land (1994): 9:28 am/ I am I

Mehr fällt mir wirklich gerade nicht ein. Die Liste verfolgt auch nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, alles kann ich leider nicht kennen. Fällt euch noch was ein, so schreibt einen Kommentar und lasst es mich wissen.

Die Wichtigkeit von Opener-Impulsen lässt sich gar nicht überbewerten, ich würde sogar sagen: Die Overtüre des Openers ist es schon, die dazu beitragen kann, dass einem ein Album von Anfang an sympathisch oder unsympathisch ist.

Beispiele:

Pendragon, The Window of Life: Wer die gewollt-gesuchten Gitarren-Anklänge an Gilmour abstoßend findet, wird sicher das ganze Album mit äußerster Skepsis hören.

Yes, Close to the Edge: Geradezu eine Anti-Overture mit (vielleicht) augenzwinkernd-kalkulierter Abrschreckung. Die Schrägheit der Musik scheint irgendwie zu versprechen: "Bleib dran, Hörer: Wenn du das hier überstehst, kannst du nur noch belohnt werden". Und tatsächlich: Der darauffolgende Genuss ist in etwa wie das gute Gefühl, wenn ein Schmerz wieder nachlässt - fast noch viel besser, als wenn der Schmerz nie dagewesen wäre.

Genesis, Wind and wuthering: Die Einleitung von Eleventh Earl of Mar gehört für mich bis heute zum Geilsten, was ein Progalbum je hervorgebracht hat. Das liegt natürlich auch daran, dass dies eins meiner ersten selbstgekauften Progalben war. Aber wer weiß: wenn mich dieses Intro nicht so umgehauen hätte, wäre ich vielleicht nie am Prog hängen geblieben.

Man kann das mit dem Opener-Effekt aber auch falsch verstehen, was viele Bands tun: Wenn ich allein an die vielen Alben denke, die minutenlang mit irgendeinem Elektronik-Geblubbere anfangen, das sich geheimnisvoll anhören soll - Da bleibe ich nur dran, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass es dann doch noch besser werden kann. Als Neueinsteiger hätte ich davon ziemlich schnell die Nase voll.