Glosse

Hassfiguren des Progrocks

In der Liste geht es mal wieder heiß her. Man fragt sich (mal wieder), wer Schuld hat am Niedergang des Progressive Rock in den 1970er Jahren: Der Disco-Sound? Der Punk? Phil Collins und seine Balladen? Der Neoprog oder der Melodic Rock?

Der Progrock der 70er hat sich imho v.a. selbst demontiert... und zwar nicht erst seit "Duke" oder "90125" und auch nicht mit "World Apart", eher mit "Love Beach", "Tormato" und "The Missing Piece". Wahrscheinlich beginnt die Demontage aber mit "Tales" und "Lamb" und anderen etwas ehm... überambitionierten Werken (und das sage ich, der die Alben eigentlich beide sehr schätzt). Ehrlich gesagt brauchten wir keinen drogenseligen Sid Vicious und auch keine Disco-Queen Donna Summer dafür, das war die eigene Megalomanie.

Prog war dermaßen populär, dass er auf einmal glaubte, populäre Musik machen zu müssen oder, und das war noch schlimmer, er bauschte das "altbewährte" immer weiter auf (v.a. Yes und ELP). Die Konzerte waren riesige Inszenierungen angeberischer Prog-Poser: Guck mal wie schnell, guck mal wie viele Gitarrenhälse, guck mal mein dicker Bass, guck mal meine Harfe, guck mal meine Mellotron-Klöten - die reinste Prog-Peep-Show. Die musikalische Substanz (vielmehr - der Inhalt, die Experimentierfreudigkeit) ging verloren, stattdessen zählte Technik (Hardware und Spielfertigkeit) und Bombast (Glitzer, Laser, Chris Squires Bademantel, Tsching-Bumm-Tätärätätäää).

Nicht der Punk oder Disco killten den klassischen Prog, auch nicht der NeoProg (obwohl ich gerne Saga und Marillion dafür verantwortlich machen wollen würde...), sondern der Prog begang Suizid. Er hat sich überfressen ... und wir Fans sind alles andere als unschuldig in unserer Gier nach MOTS (more of the same).

Es gab ja immer wieder - selbst in the dark age of prog, in den 80ern - gute und zeitlose Alben, innovativ und "proggy" - aber der alte Schmock, der immer wieder aufgekocht wurde und wird, zieht nur, wenn er "stimmig" ist. Zu viel Schein, zu wenig Sein.

Aber OK... wenn man so will, kann man ja ein paar Exponaten des Niedergangs ans Kreuz nageln:

  • Phil Collins - Der Schnulzen-Heini, unser "Bryan Adams". Im Zweifel ist er alles Schuld. Ein klassisches Feindbild im Prog.
  • Jon Anderson - Mal ehrlich, ab Mitte der 70er tickte der aber nicht mehr richtig, oder? Die Texte, die Arrangements, die Ansagen auf den Konzerten (*grusel*). Zuerst zerrte er Yes in den Kitsch, dann trällerte er zu Yes-West und heuer beglückt er die Welt mit unnützen Solo-Alben.
  • Rick Wakeman - Nicht nur seine schätzungsweise zwölftausend Solo-Alben und seine Cape-Sammlung sind beängstigend, aAuch sein hirnloses Gepose beim Drücken von Tasten (von Tasten!!!) ist schon immer albern gewesen. Schwanzverlängerungen mit Tasten gibts nicht.
  • Keith Emerson - Emerson gefällt mir am besten mit den Socken in der Buxe und Brusthaartoupet auf dem Love-Beach-Cover. Nur musizieren darf er halt nicht. Das wird dann immer ürgselig.
  • Saga - Ürgselkeys und Pathos zum Mitsingen und Mitklatschen
  • Marillion mit Fish - Erst ganz zuletzt wirklich interessant, vorher billige Genesis-Clones mit Plastik-Sound, danach Hit-Progger, danach verzweifelte Versuch-den-Hit-Wiederholer.
  • Marillion mit h - Noch mehr Verzweiflung: "Wir wollen jetzt ganz anders sein und brauchen keine Hits mehr. Oder doch" brachte mindestens so viele fatale Fehlversuche, wie gelungene Ideen. Und die Fans müssen alles gut finden. Und kaufen. Harhar.
  • Pete Sinfield - Vom Texter für Crimso zum Texter für Cher und Celine Dion. Wow!
  • Robert Fripp - hat uns im Stich gelassen, 1975, ganz alleine mit den Einhorn-Rittern... nur um seine Gitarre zu stimmen. Das verzeihe ich dem nie.
  • John Wetton - Von Crimso (jaja, ich weiss eigentlich Mogul Trash/Family) zu Asia. Noch Fragen?
  • Alle Melodic-Bands, die Micha gut findet - Eben. Drum.
  • Dream Theater - Wenn Metal-Bands anspruchsvoll klingen wollen... ich meine: Hallo? Metal und Anspruch? rotfl...
    und natürlich
  • Neal Morse - Vom Saulus zum Paulus (omg, wenn das keine neue Albumidee ist). Aus dem sympathischen, auf der bühne rauchenden (!) Neal wurde ein amerikanischer Fernseh-Prediger im Progformat. Die Texte sind unerträglich, die Musik giesst immer wieder denselben Neal-Morse-Teebeutel auf (jedes Mal etwas fader: Das ging ja zuletzt auch bei Spock's Beard schon los), die Cover der Alben gehören zu den geschmacklosesten der Szene.
  • Fix - liegt mit seinen Hypes fast immer daneben
    und vor allem
  • Sal - hat den [progrock-dt]-Sauhaufen gegründet und ist selbst der Schlimmste...

Ich stimme zu, dass nicht Punk, Disco, New Wave oder sonst wer dem klassischen Prog den Garaus machten, sondern zwei Faktoren:

1. Die großen, populären klassischen Prog-Bands begannen eben, Ende der 70er Mist oder zumindest Mittelmaß zu produzieren. Wollte keiner, brauchte keiner.
2. Moden kommen und vergehen. Und große Teile der damaligen Fan-Gemeinde waren sicher einfach Fans der Mode Prog und nicht so sehr der speziellen Musik - und als diese Mode nicht mehr in war, wandte man sich eben anderem zu. Ansonsten hätten nämlich die vielen kleineren Prog-Gruppen, die zur gleichen Zeit immer noch gute und hervorragende Alben veröffentlichten, dieses Potential abschöpfen können und müssen.

Und ich dachte, Heizi sei immer alles Schuld.
Naja. Hauptsache, Bärchi bekommt die Prügel.

Noch'n Nachtrag: Im SPIEGEL von dieser Woche (S. 115, "Rick Wakemann gedopt?") wird enthüllt: Die Stasi ist - natürlich - schuld am Niedergang des Progs. "Rick Wakemann" steht nicht nur unter dringendem Doping-Verdacht, sondern war obendrein IM der Stasi.