Glosse

Ich weiß, dass ich nichts weiß

Keine Sorge, ich werde jetzt nicht mal wieder philosophisch. Mir ist nur eines aufgefallen: je mehr Musik ich kenne, desto mehr weiß ich, wieviel Musik ich nicht kenne.

Seit 11, 12 Jahren sammle ich ziemlich intensiv Musik, und im Laufe dieser Zeit ist ein Haufen an CDs zusammengekommen, den "normale" Menschen für eben nicht so halten würden. Aber es ist kein Ende in Sicht. Vor ein paar Jahren hatte ich einmal das Gefühl, alles abgegrast zu haben, was spannend und gut sei, dass jetzt nichts mehr kommen könnte und ich mir eine neue Leidenschaft suchen müsste. Puh, war das falsch; reiner jugendlicher Leichtsinn.

Ganz abgesehen von der sowieso unüberschaubaren Flut an Neuerscheinungen, selbst in unserem anfürsich kleinen Biotop "Progressive Rock und Artverwandtes": Je mehr ich kennenlerne, desto mehr Musik und Musiker laufen mir über den Weg, die ich gerne antesten würde, sei es im Rahmen meiner bewussten und zielgerichteten Recherchen, meines normalen Mitlesens von Publikationen und Foren, durch pure Serendipität oder - bei weitem nicht zuletzt - meinen Unterhaltungen mit anderen Verrückten: es gibt immer irgendwo stapelweise Freaks, die noch viel, viel mehr kennen und haben als man selbst - das ist gut für die Relativierung des eigenen Egos, aber auch die der oft allzu absoluten Aussagen und Wertungen anderer. Dass das Fass "gute, lohnenswerte Musik" so bodenlos sein würde, hätte ich mir vor 6 oder 7 Jahren nicht träumen lassen.

Daher rührt u.A. meine Abneigung gegen Behauptungen nach der Art "die beste xy-Platte" (xy steht für eine Genre oder ähnliches), am besten noch weiter "qualifiziert" durch Ausdrücke wie "...aller Zeiten", "...überhaupt", "...jemals" usw., was nicht inhaltlich reiner Hype, sondern auch semantisch überflüssig ist, ebenso meine Ablehnung von Top x Listen.

Natürlich ist es so, dass mich immer weniger Platten wirklich begeistern. Dass mich ein Album richtig umhaut, kommt nur noch selten vor. "Hamma schon gehabt", "kenna ma schon", "alles schon dagewesen": klar, mit steigender Hörerfahrung kommen diese Reaktionen immer öfter. Dafür lerne ich andererseits subtile Abweichungen von herkömmlichen Klängen und kleine Variationen bekannter Stilmittel umso stärker zu schätzen. Obendrein kaufe ich bewusster und mit geringerer Erwartungshaltung als früher, dadurch werden auch starke Enttäuschungen seltener: ich lege mir weniger Schrott zu, und manches, was ich vor einiger Zeit hemmungslos als "Schrott" eingestuft hätte, weiss ich durch den erweiterten Kontext zu schätzen, auch wenn ich die entsprechende CD nicht unbedingt heiss und innig liebe.

Aber vielleicht ist ja doch bei der nächsten oder übernächsten Lieferung von einem der Händler meines Vertrauens ein Überhammer dabei. Und wenn nicht, dann vielleicht bei der dritten, vierten, fünften...