Glosse

Prognachlaß und Flüsterasphalt

Lange Gesichter beim Nachlaß-Verteilen: Was tun mit des Onkels CD-Sammlung voller unhörbarer Obskuritäten? - Eine Alltagsbetrachtung.

Ein verwandter Mensch ist gestorben, eine Wohnung, gar ein Haus leerzuräumen. Das, was ein Leben angesammelt hat, es muß nun aufgeteilt – oder weggeschmissen werden. Neben viel Ideellem, das oftmals nur für den Vorbesitzer einen nachvollziehbaren Hintergrund besaß, nur für ihn von Wert war, finden sich oft auch echte Preziosen: „Der Onkel hat mir das Auto vermacht? Klasse!“ „Die alte 70er-Jahre Stereo-Anlage? Nehm ich!“ „Wow, ein Reise-Plattenspieler aus den 40ern mitsamt der dazugehörigen Schellackplatten-Sammlung!“

Seit geraumer Zeit ertappe ich mich immer wieder bei einem Gedanken, der diejenigen betrifft, die dereinst meinen Nachlaß auseinander dröseln (müssen), diesen vermutlich aber nicht diese warmen Gefühle à la Auto, Stereoanlage, halbantiker Plattenspieler bescheren dürfte, und der mich vorzugsweise dann überkommt, wenn ich sinnierend mein CD-Schränkchen betrachte:
Was passiert später einmal mit dessen Inhalt?
Wer hört sowas schon?
Wer will das?
Soll ich das jemandem konkret vermachen? – Nein, diese Frage scheidet aus, dazu ruft mir meine innere Evelyn-/Renate Lohse-Stimme ein zu beherztes „der/die schnappt über vor Freude!“ zu.
Also sehe ich von einem konkreten Beerben ab. Hab ja auch noch ein paar Jahre Zeit, und vor allem meinen noch kleinen Neffen und Cousinen kann ich vielleicht auf subtile Weise das ein oder andere Genre noch schmackhaft machen. Der (geschredderte) Rest kann dann ja als Flüsterasphalt-Bestanteil immer noch lärmgeplagten Straßenanrainern als Linderung ihres Übels dienen – oder was auch immer aus recycelten CDs gemacht wird. Hätte doch auch was.

Bist Du nicht noch viel zu jung für solche Gedanken? Ach so, der dreißigste naht ;-). Ich für meinen Teil überlege ja, Dich als meinen CD-Erben einzusetzen, wenn dereinst ich den kalten Hauch des Todes im Nacken spüre.

Och naja, für mich ist der Gedanke irgendwie naheliegend. Mag am Alter liegen (mei, wie das klingt!), aber auch der äußerst beeindruckende Dokufilm "Sieben Mulden und eine Leiche" hat sicherlich seinen Teil dazu beigetragen, daß ich schon ma gelegentlich hinterfrag, was anzuhäufen sich lohnt und was nicht.

Gedanken, die sich allerdings mit der Anlieferung Deiner Sammlung (ich schätze: zwei bis drei 7,5-Tonner wirds dann brauchen, oder? ;) ) eh erübrigen dürften. - Aber das hat ja - zum Glück! - noch n paar Jährchen Zeit. :)