Die besten 110 Alben aller Zeiten: Plätze 50-41

…wenn’s nach mir geht.

Eine musikalische Liste von Benjamin Feiner.

Was über viele Wochen dem [progrock-dt]-Forum auf Facebook häppchenweise vor die Füße geworfen wurde, gibt es nun endlich als neu aufgelegten Director’s Cut in einer brillanten Super-HD-Surround-Sound-3D-Remaster-Version – inklusive Poster, Schal und Murmel: die subjektivste Liste seit es Progressive Rock gibt.

Zu den Plätzen 60-51 gehts hier lang…

…und weiter mit den Plätzen 40-31 hier.

Viel Spaß!

TEIL IV

Plätze 50-41

50) Lizard – King Crimson

Bei Anekdoten sprach ich von einer „King Crimson-Coverband“. Und hier sind sie endlich, die Echten, in all ihrer Wilson-Remaster-Remix-Pracht. Lizard, das hässliche Stiefkind von In the Court of the Crimson King und In the Wake of Poseidon; ein buckliger Bastard aus jazzverkrusteten Nummern, denen der Rock eigentlich schon zum Großteil ausgetrieben wurde. Man hat bei Songs wie „Indoor Games“ oder „Happy Family“ nicht selten das Gefühl, dass die Band versucht, drei, vier Lieder gleichzeitig einzuspielen. Höhepunkte sind allerdings das düster-sinistere „Cirkus“ und das massive „Lizard“, das in seinem Klimax in Ravel-Zitate und Freejazz ausfranst. Lizard ist anarchischer als es jedes andere Punk-Album jemals zu sein vermag.

49) Close to the Edge – Yes

Ich bin hier in einem Prog-Forum. Sollte ich dann noch groß über Yes schreiben? Vielleicht, weil mein Bruder mir seit Monaten in den Ohren liegt: warum um Himmels Willen das unbestrittene Meisterwerk der unbestritten proggigsten Progband nicht höher platziert sei. Worauf ich meistens mit einem provokanten Grinsen antworte. Kein Zweifel: Close to the Edge hat das Verständnis dessen, was wir heute unter Progressive Rock verstehen, endgültig zementiert. Es ist aber auch einfach nur ein fantastisches Album. Der trockene, klare Sound gibt jedem der Musiker den nötigen Raum zur Entfaltung, die Kompositionen sind gleichzeitig dezent und geprägt von furiosen Soloparts. Der Internet-Musikkritiker The Needledrop meinte einmal, Close to the Edge käme aus einer Zeit, als Prog noch im eigentlichen Sinne des Wortes eklektisch war und sich fröhlich in der gesamten Musikgeschichte bediente. Wie recht er doch hat.

48) This is the Warning – Dead Letter Circus

Diese Platte macht extrem süchtig. Wirklich. Ungefähr 2013 habe ich jeden Tag This is the Warning von Dead Letter Circus zerrieben und geschnupft, wahlweise inhaliert, manchmal auch gespritzt. Der fette, kraftvolle Powerrock ist klar vom Vokabular ähnlich gelagerter Australien-Acts geprägt (Karnivool beispielsweise), was so viel heißt wie: druckvolle Gitarren, Synthie-Loops, die den mitreißenden Groove nochmals ein Stück anheizen, ein Hall wie im Petersdom höchstselbst und dazu herrlich schmachtender Gesang. Dead Letter Circus sind in ihrer entwaffnenden Unbefangenheit umso faszinierender. Sie genieren sich nicht für ihren überbordenden Bombast oder ihre leichten Indie-Emo-Vibes, nein, sie setzen diese Zutaten effektiv um und schreiben damit Songs, die man auf einer sehr guten Anlage lieber sehr laut aufdrehen will. Kein Gejammer – das hier geht ab!

47) Pink Lemonade – Closure in Moscow

Unser Album-Hit 2014: Auch wieder Australier. Irgendwas ist in deren Muttermilch, das den Sound zehnmal geiler macht als bei vergleichbaren Bands. Füllt es in Flaschen ab und gebt den trockenen Musikanten hierzulande etwas davon zu trinken! Closure in Moscow zünden auf ihrem zweiten Longplayer Pink Lemonade ein buntes Feuerwerk, eine dicke, grelle Wundertüte aus Instant-Hits, psychedelischen Trips und freakigen Nummern. Der hämische Vergleich mit The Mars Volta-Light trifft zwar teilweise zu, tut der Qualität jedoch überhaupt keinen Abbruch. Der Titeltrack mit seinen vielen Umwegen und Ecken, das poppige „Seeds of Gold“ oder der absolute Abgeher „The Church of the Technochrist“ (der Titel!) sind in sich geschlossene Songs ohne unnötiges Herumgewaber. So muss eine Prog-Party klingen!

46) Leaving your Body Map / Bath – maudlin of the Well

Bevor sich Toby Driver mit Kayo Dot einen Namen im Underground machte, gab es eine Welt mit maudlin of the Well (das „m“ schreibt man tatsächlich klein!). Für das Zwillingsalbum Leaving your Body Map und Bath betrat die Band das Studio offensichtlich nicht ohne eine handvoll psychedelischer Substanzen, und nicht vor 4 Uhr nachts. Trotz einer manchmal dürftigen Produktion strahlen die surrealen Kompositionen wie kryptische Inschriften oder Codes in einem dunklen Traum. Die unbedingte Verpflichtung zur musikalischen Grenzüberschreitung führt zu Höhepunkten wie „Riseth He, the Numberless“ oder dem ätherischen „Birth Pains of Astral Projection“. Markerschütterndes Geschrei, idyllische Intermezzi mit Akustikgitarren, schunkelige Trompeten, lateinische Lyrics und Kirchenorgeln – in der kurzen Zeit ihrer Existenz machten maudlin of the Well die Tore zu ihrem Unterbewusstsein weit, sehr weit auf.

45) Hex – Bark Psychosis

Ja, richtig gesehen: Bark Psychosis haben die Ehre, gleich mit zwei Alben – ihren einzigen zwei Alben – eine Position in meiner Liste der 110 Alben zu bekommen. Der Unterschied zwischen beiden Scheiben ist marginal, Hex profitiert jedoch von der (noch) intakten Band. Die Musik ist konzentrierter, sie lebt noch mehr vom Minimalismus als das kantigere Codename:Dustsucker. Der Begriff Postrock besitzt definitiv nicht genug Reichweite, um das hier gebotene adäquat zu umschreiben. Jede Welt hat ihren Blues, die Großstadt hat Bark Psychosis. Es ist die Atmosphäre der leeren S-Bahn in einer Millionenstadt um drei Uhr nachts. Vorbeirasende Lichter, irgendwo sitzen Fremde im Warmen oder in Büros, aber das ist gleich: „Just drive somewhere fast“, singt Graham Sutton, und er klingt wie Tim Bowness durch einen Nebel jazziger Schwerelosigkeit. Einsame Lounge-Musik fließt durch die Adern dieses Albums. Kopfkino-Soundtrack!

44) Bilateral – Leprous

Was ich in punkto Leprous nicht verstehe: Die Jungs scheinen eines Tages aus ihrem superben Wahnsinn aufgeweckt worden zu sein; seitdem machen sie Malen-nach-Zahlen-Progmetal. Bilateral aber entstand womöglich noch in einem Ausbruch herrlichster „F*ck you“-Fantasien. Die Norweger, eng befreundet mit niemand geringerem als Ihsahn höchstpersönlich, geben ihren Nummern einen erfrischend poppig-theatralischen Unterton, konterkariert mit Hochglanz-Gitarren (die immer ein wenig nach Powermetal meets Djent klingen) und völlig irren Gesangssaltos von Frontman Einar Solberg. „Forced Entry“ ist auf meiner Liste der besten Songs (ja, ich habe für alles Listen) sehr weit oben, zu mitreißend ist das Herzstück des Albums mit seinen Chugga-Riffs, Ohrwurm-Refrains, dem gnadenlosen Groove und diesem Gitarrensolo in der Mitte… Es ist der „21. Century Shizoid Man“ des modernen Progs. Das restliche Album ist übrigens auch sehr gut. (Und im Gegensatz zu Coal wirklich noch „bunt“!)

43) Stupid Dream – Porcupine Tree

Dieses Album lag zwischen 2005 und 2006 unter dem Weihnachtsbaum meines Bruders und mir. Den restlichen Winter brachten wir es nicht mehr aus dem Player, konnten uns aber, als die jungen Bürscherl die wir waren, nicht erklären, was uns so an der CD fesselte. Porcupine Tree waren bis dahin diese „moderne Progressive Rock Band“, deren Existenz wir lediglich tolerierten, weil wir damit beschäftigt waren, alles von Genesis und Yes abzufeiern. Tatsächlich aber stellte sich Stupid Dream als die Explosion in unseren musikalischen Horizonten dar. Heute kann ich das Album sogar noch mehr genießen als damals: Steven Wilson und sein Team haben mit einer absoluten Stilsicherheit zwölf Evergreens zwischen floydiger Psychedelik, sanftem Brit-Pop und jam-artigen Nummern produziert. Wie viele Emotionen Songs wie „Even Less“, „Stranger by the Minute“ oder „Stop Swimming“ regelmäßig triggern, muss ich an dieser Stelle keinem mehr erzählen.

42) Selling England by the Pound – Genesis

2005 – ich erwähnte es bereits oben – war die Zeit der großen Prog-Erweckung für mich. Und Selling England by the Pound war die erste CD einer „richtigen“ Rock/Prog-Band, die ich mein eigen nannte. Unzählige Nächte gingen damit drauf, dass ich das Album in Dauerschleife in meinem tragbaren CD-Player durch den Laser laufen ließ. Batteriebetrieben! Genesis hingegen haben sich ihren Kultstatus für alle Ewigkeiten in das Fundament der Rockmusik hineinbetoniert: Gabriels trockener Humor kombiniert mit den Fähigkeiten einer Band, die ihre Virtuosität zugunsten der Songs zurückzunehmen bereit ist. „Firth of Fifth“ ist der heilige Gral (Punkt aus, siehe Liste Nummer 354), „Dancing with the Moonlit Knight“ geht ab wie Schmitzens Katze und ja, ich finde „Battle of Epping Forest“ spaßiger als das doch eher gezügelte „Cinema Show“. Als Album ist Selling England by the Pound vielleicht nicht die rundeste Angelegenheit – der nostalgische Wert überwiegt hier für mich jedoch bei weitem.

41) Themata – Karnivool

Nicht, dass wir uns missverstehen: Ich liebe und schätze die alte Garde der Rock- und Prog-Musik, und es gibt einige Alben aus dieser Zeit, die heute immer noch so hell strahlen wie anno 1970. Aber seien wir ehrlich. Manches legt eben auch Staub an, vergilbt und verblasst. Dann brauche ich eine Band, beziehungsweise eine Scheibe, die mich wieder in das Hier und Jetzt zurückholt, die mir frische Sommerluft über das Gesicht pustet und mit ordentlichem Schmackes die Ohren ausputzt. Themata, das Debut-Album der Australier Karnivool, macht diesen Job so wahnsinnig gut, dass es sich erstaunlich weit nach oben gearbeitet hat in meiner 110er-Liste. Zwar erdrücken die ersten zwei Drittel die letzten Tracks unter ihrer ungezügelten Energie, Themata macht im Ganzen dennoch Freude. Wer eine Schulung im Hook-Schreiben nehmen will, der höre sich „C.O.T.E.“, „Shutterspeed“ oder „Roquefort“ an. Das tönt zwar zeitweilig nach Nu-Metal und hippen Alternative Rock, was aber keine Rollen spielen DARF. Einer solchen geballten Ladung Power ist es egal, wie man sie nennt.

5 comments for “Die besten 110 Alben aller Zeiten: Plätze 50-41

  1. Andreas
    6. November 2016 at 15:45

    Tolle Liste, einiges entdeckt, was ich noch nicht kannte, vielen Dank!
    Top 40 folgen noch, nehme ich an?

    • sal
      6. November 2016 at 16:34

      Klaro! (Die Red.)

  2. Matthias
    28. November 2016 at 22:13

    Vielen Dank, ich habe Deine Ausführungen mit Begeisterung gelesen. Vieles habe ich wiederentdeckt und einiges mir unbekanntes werde ich mir an den kommenden, langen Winterabenden anhören. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung…

Comments are closed.