Die besten 110 Alben aller Zeiten: Plätze 40-31

…wenn’s nach mir geht.

Eine musikalische Liste von Benjamin Feiner.

Was über viele Wochen dem [progrock-dt]-Forum auf Facebook häppchenweise vor die Füße geworfen wurde, gibt es nun endlich als neu aufgelegten Director’s Cut in einer brillanten Super-HD-Surround-Sound-3D-Remaster-Version – inklusive Poster, Schal und Murmel: die subjektivste Liste seit es Progressive Rock gibt.

Zu den Plätzen 50-41 gehts hier lang…

…und weiter mit den Plätzen 30-21 hier.

Viel Spaß!

TEIL V

Plätze 40-31

40) Tick Tock – Gazpacho

Als ob a-ha, Marillion und eine Ethno-Folk-Band ein Baby hätten: Die Norweger Gazpacho bedienen das ganze, fluffige Spektrum zwischen Neoprog und dem sogenannten „New Artrock“ (kann mir mal bitte jemand erklären, wozu man solche Bezeichnungen braucht?) samt seinen Klischees, die ihm anhaften. Pathetischer Falsetto-Gesang, gemäßigtes Tempo, viel Keyboard und eine literarische Vorlage, in diesem Falle „Wind, Sand und Sterne“ von Saint-Exupéry. Und ich stehe total auf so einen Shit! Das Album umkreist außerdem in passender klanglicher Umsetzung das Konzept der Heroe’s Journey, einem theoretischen Modell zur Erklärung von Erzählstrukturen: „Desert Flight“, welches dem „Ruf zum Abenteuer“ entspricht, „The Walk“ ist die „Transition“ in die „Andere Welt“, der Titelsong schließlich umfasst die „schwere Prüfung“ und die „Wiedergeburt“ des Helden, bevor er in „Winter is Never“ erneuert und gereift in die Heimat zurückkehrt.

39) Symbolic – Death

Zwischen den von Death-Metal-Fans geliebten Leprousy und Human und den von Prog-Fans verehrten Individual Thought Patterns und Sound of Perseverance liegt das stiefmütterlich behandelte Symbolic, der in meinen Augen verkannte Höhepunkt des Schaffens von Death-Frontman Chuck Schuldiner. Von Jim Morris produziert, übertrifft das sechste Album bis heute schon rein klangtechnisch das meiste, was in der Hard’n’Heavy-Abteilung so herumgammelt. Schuldiners Rasiermesser-Geknurre schwebt hingegen wie eine warnende Stimme über der Musik: „This is not a test of power… This is not a game.“ Es ist eines der klarsichtigsten, reflektiertesten Death-Metal-Alben. Und mit Songs wie „Crystal Mountain“ kann man ganz sicher auch Kostverächter überzeugen.

38) Axioma Ethica Odini – Enslaved

Ich werfe das mal so in den Raum: Enslaved waren schon immer die Underdogs, die sich mit einer gefährlich großen Kreissäge am Thron von Opeth zu schaffen gemacht haben. Jetzt, da die Schweden sich in den Retroprog verabschiedet haben, wird deutlich, wie fantastisch ihre norwegischen Seelenverwandten sind. Eine unverhohlene Affinität zu Progressive Rock paart sich mit einem exzellent inszenierten Extrem-Metal-Fundament. Axioma Ethica Odini trägt in dieser Hinsicht sowohl Ambition, als auch Härte und Eingängigkeit in sich. Loblieder an Thor und Odin sollte man dennoch nicht erwarten: Enslaved sind seit Monumension aus ihren alten Viking-Wurzeln herausgewachsen und präsentieren sich als gereift und stilsicher, die mythologische Symbolsprache ist inzwischen stark abstrahiert. Übriggeblieben ist eine bescheidene, eher schweigsame Band, die eine Diskographie mit schwindelerregender Qualität vorweisen kann.

37) Grave Human Genuine – Dark Suns

Dark Suns aus Leipzig ist nach wie vor eine Band, die von der Musikpresse systematisch unter den Teppich gekehrt wird. Verdammt, welches Potential geht mit diesen Typen verloren! Auf dem dritten Album Grave Human Genuine fließen die düsteren, metallischen Anteile mit melancholischem Gothic à la Katatonia oder Pain of Salvation sowie experimentelle Spielereien zusammen, um einen enigmatischen Brocken von einer LP zu formen. Die Dekonstruktion einer Persönlichkeit, die in ihrem Leben falsche Entscheidungen getroffen hat, und aus einer Konfrontation mit den eigenen Alpträumen halb gereinigt, halb traumatisiert hervorgeht. So blitzen helle Stellen auf in „Rapid Eyes Moment“ oder „Free of You“, überschattet von den psychedelisch-schwarzen „Flies in Amber“ oder „Amphibian Halo“. Grave Human Genuine ist ein kantiges, unbequemes Progressive Rock-Album, das man sich nicht oft genug in Erinnerung rufen kann.

36) The Parallax II: Future Sequence – Between the Buried and Me

Ich hätte nie gedacht, dass ich Between the Buried and Me, denen ich schon immer Respekt gezollt habe, auch aktiv hören würde. Also sich so richtig, regelmäßig die Kur geben, die volle, amerikanische Operetten-Extreme-Progmetal-Kante, ohne Gnade. Das war 2015 mit Coma Ecliptic – ein Prog-Blockbuster, ein saftiges, inhaltsreiches Konzeptalbum mit hohem Unterhaltungswert. Richtig und unwiderruflich Klick hat es bei mir jedoch mit Future Sequence gemacht. Diese Scheibe wurde offenbar so randvoll mit musikalischen Ideen und irrsinnigen Breaks zugestopft, dass man eine Vorab-EP veröffentlichen musste, um das schiere, epische Ausmaß dieser herrlich abgehobenen Sci-Fi-Story unterzubekommen. Ich komme jedes Mal zu Future Sequence zurück, wenn ich sowohl Prog-Action als auch überbordenden Größenwahn haben will. So müssten Dream Theater im neuen Jahrtausend eigentlich klingen.

35) Retrospektiw I-II – Magma

Okay, in meinen wenigen Sätzen zu Emehntehtt-Ré habe ich mich reichlich kryptisch gehalten. Tatsächlich sind Magma ganz einfach eine der eigenartigsten Bands, die ich mir jemals erarbeitet (!) habe. Allein diese exaltierten Chöre, die hypnotischen Bass- und Pianolinien, das Schlagzeug als Lead-Instrument; ewig lange Kompositionen, die die meisten Verbindungen zu konventioneller Rock/Pop-Musik gekappt haben. Und natürlich die zwischen unfreiwilligem Witz und geheimnisvoller Mehrdeutigkeit changierende Kunstsprache Kobaianisch. Das sind Magma – mystisch, auf eine schwer zu erklärende Art faszinierend, als ob man in eine fremde Kultur hineintaucht, als ob man einem schamanischen Ritual beiwohnt, dessen Sinn sich niemandem erschließt, wahrscheinlich nicht mal den Musikern selbst. Retrospektiw ist in dieser Hinsicht schlicht der Platzhalter für den gesamten Magma-Kosmos – und mit Theusz Hamtaahk und Mekanik Destruktiw Kommandöh ein perfekter Einstieg in den Sound der Franzosen.

34) Tales of Topographic Oceans – Yes

Meine Damen und Herren, ich habe die Ehre Ihnen die Mutter aller durchgeknallten, überambitionierten Konzeptalben vorstellen zu dürfen: Tales of Topographic Oceans! In einem Paralleluniversum wird es mir sicher möglich sein, mich in dieses Album zu legen wie in eine große Badewanne, umgeben von warmem Wasser und einlullenden Düften, die Ohren vollgelaufen mit dem süßen Nektar noch unschuldigen, ja fast naiven, aber dennoch abenteuerlustigen Prog-Rocks. Tales of Topographic Oceans war eine der LPs, die im Plattenzimmer spätabends bei gedimmten Licht rotierten und denen ich andächtig zuhörte. Wie behutsam ich die Schallplatten auf den Teller legte, wie mein Herz klopfte, weil ich wusste, dass diese Musik eigentlich nicht für meine jungen, zarten Ohren bestimmt war. Ich kannte die gespaltenen Reviews zu diesem Album, war aber umso angenehmer überrascht über das Meer an dahindriftender Musik, mit seinen gelegentlichen, brillanten Spitzen. Ich kann mir nicht helfen, aber ich habe bei Tales mehr Spaß als bei Close to the Edge. Sorry!

33) Leviathan – Mastodon

Auf meinem Gymnasium war man entweder Teil der allgemein akzeptierten Jugendlichen, die brav jede Party in jedem Dorf besuchten, oder man gehörte zur Splittergruppe der wenigen Freaks, die etwas von Videospielen, Comics und Musik verstanden; Ich zählte mich – natürlich – zu letzteren. Einer meiner „Artgenossen“, ein Musikfreak mit dem Spitznamen „Muki“, ließ mir über eine Klassenkameradin Leviathan von Mastodon zukommen. Auch heute noch verrenke ich mir in diesem brutalen, äußerst komplizierten Geknüppel den Nacken: „Blood and Thunder“ ist in meinen Augen ein ungekrönter Metal-Klassiker und der 15 Minüter „Hearts Alive“ ist packender als das später etwas ausfransende Gedudel auf Crack the Skye. Der Rest ist herrlich garstiger Sludge-Math-Metal der amerikanischen Schule – und eine der besten, wuchtigsten Hard’n’Heavy-Alben, die ich kenne. Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen.

32) God Shuffled His Feet – Crash Test Dummies

Packt eure Tomaten wieder ein! „Mmh mmh mmh“ war vielleicht ein Hit, der inzwischen zu Tode gedudelt worden ist (ja, das ist das Lied aus der Streichkäse-Werbung…), aber als kanadisches Rundum-Packet steckt God Shuffled His Feet die meisten anderen Pop-Alben locker in die Tasche. Das beginnt schon bei den absurd-ironischen Texten von Sänger Brad Roberts: „Everything seems nicely planned out… when the human race comes and smacks your face.“ Völlig unsinnige Fragen an Gott werden gestellt, Träume an die Steinzeit analysiert und das seltsame Verhalten von Künstlern durch den Kakao gezogen. Musikalisch bewegen sich die Crash Test Dummies auf folkig-poppigem Terrain, wobei das Klangbild eine deutliche Aufwertung erfährt dank der sauberen Produktion und der abwechslungsreichen Instrumentierung (diese Chöre!). Meine CD muss inzwischen tief eingefräste Laserrillen haben, so oft habe ich sie bereits beim Essen, beim Laufen oder beim Abwasch aufgelegt. Übrigens: Die Kanadier sind neben den Australiern ebenfalls Kandidaten für eine kollektive Muttermilch-Sammelaktion…

31) Choirs of the Eye – Kayo Dot

Von Eis gezeichnete Gebirge fallen in sich zusammen und geben den Blick frei auf eine unendliche, schwarze Einöde; die Wolken hängen tief. Der Horizont lockt mit einem Streifen aus grauem Nichts. Wenn man den ersten Teil der „Dunklen Turm“-Saga gelesen hat, fühlt man sich unter Umständen an jene surrealistische Wüste erinnert, die irgendwo beginnt und im nirgendwo aufhört. Choirs of the Eye, das Debut-Album des Toby-Driverschen Ensembles, ist die klangliche Impression des Limbos, dem mystischen Zwischenreich, welches unter unzähligen Traumschichten vergraben liegt. Der Hörer ist allein in dieser Landschaft. Er wird mit abgrundtiefem Horror und im nächsten Augenblick mit monotoner, endloser Weite konfrontiert. Raum ist nichts Permanentes, er fließt wie die Zeit. Mit vielen Bildern wird der Hörer nichts anfangen können; zu verzerrt ist die Sicht auf die scheinbar einfachen Dinge: „Our eyelashes weaken with a weight that is sweet and fine, And this feels like frogs and spiders in the sweet outside. Tell me why world, unfathomable and good, The beauty of everything is infinite and cruel.“ Choirs of the Eye steht außerhalb der Postmetal-Phalanx von Bands wie Isis, Cult of Luna oder Russian Circle. Allein schon deshalb ist es wichtig, sein Ohr zumindest einmal diesem Album ausgesetzt zu haben.

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