Die besten 110 Alben aller Zeiten: Plätze 30-21

…wenn’s nach mir geht.

Eine musikalische Liste von Benjamin Feiner.

Was über viele Wochen dem [progrock-dt]-Forum auf Facebook häppchenweise vor die Füße geworfen wurde, gibt es nun endlich als neu aufgelegten Director’s Cut in einer brillanten Super-HD-Surround-Sound-3D-Remaster-Version – inklusive Poster, Schal und Murmel: die subjektivste Liste seit es Progressive Rock gibt.

Zu den Plätzen 40-31 gehts hier lang…

…und weiter mit den Plätzen 20-11 hier.

Viel Spaß!

TEIL VI

Plätze 30-21

30) Vertebrae – Enslaved

Eigentlich markierte Axioma Ethica Odini aus dem Jahre 2010 eine Rückkehr zum alten Metal-Sound von Enslaved, inklusive verzerrter Gitarren und heftiger Blastbeats. Zwei Jahre zuvor erreichte die Band mit Vertebrae jedoch den Höhepunkt einer Entwicklung, die mit Below the Lights ihren Anfang nahm, hin zu entschlackten, im wörtlichen Sinne progressiven Songs. Axioma Ethica Odini ist direkter, unmittelbarer; Vertebrae hingegen weist tiefere kompositorische Schichten auf. Dabei haben Enslaved den Metal fast vollständig herausgewrungen, übriggeblieben ist ein trockenes Gerüst aus Psychedelic und Progressive-Rock-Anleihen. Das Album beginnt vielversprechend mit „Clouds“, „To the Coast“ und dem hochmelodischen „Ground“, nimmt aber ab dem Titeltrack deutlich Fahrt auf. „New Dawn“ ist in diesem Kontext die einzige, wirklich „rasende“ Black-Metal-Nummer, mit „The Watcher“ klingt die CD nordisch-melancholisch aus. Vertebrae ist eines der Progressive-Metal-Alben mit der größten Nachhaltigkeit, was nicht zuletzt dem brillanten Songwriting zu verdanken ist.

29) Ziltoid, the Omniscient – Devin Townsend

Ich denke, dass die Zappa-Vergleiche bei Devin Townsend durchaus angebracht sind: Beide verfügen über ein immenses musikalisches Potential, lenken aber die Aufmerksamkeit nicht primär auf ihre Virtuosität, sondern auf die Gesamtwirkung von Songs, Figuren und Texte. Das von Townsend mit eigenen, bescheidenen Mitteln produzierte Ziltoid the Omniscient war in dieser Hinsicht ein Befreiungsschlag für den Sänger und Gitarristen: eine bekloppte Satire auf aufgeplusterte Rock-Opern, breitbeinigen Industrial-Metal und Sci-Fi-Stories. Wenn es jedoch ein Wort gibt, das Ziltoid am besten beschreibt, dann ist es Spaß – hemmungsloser Nerd-Spaß an Trash und Kitsch ohne jede Reue… und das wäre ja durchaus eine Qualifikation für die Plätze 110 bis 50. Doch der hemdsärmelige Ansatz des Albums wird konterkariert durch eine überraschende Doppelbödigkeit. Die Lyrics erzählen nämlich mitnichten nur die Geschichte des Aliens Ziltoid, der die Erde wegen schlechten Kaffees belagert, sondern den inneren Kampf eines anderen Ichs, der sich am Ende als tagträumende Bedienung in einem Café herausstellt. Dieser clevere Twist ist es, der diese CD weit über ein nur „sehr gutes Album“ katapultiert.

28) Asymmetry – Karnivool

Als ich das dritte Album der Australier anno 2013 freudig auflegte, wurde ich zunächst bitter enttäuscht – wo waren die griffigen Melodien, die atmosphärischen Passagen und straighten Rocker hingekommen? Asymmetry verlangte in den Jahren einiges von mir ab, inzwischen hat die Band meinen höchsten Respekt dafür verdient. Karnivool haben ihr funktionierendes Rezept über Bord geworfen und einen dermaßen kantigen, schwierigen Sound konstruiert, dass man nicht anders kann als zu staunen über einen solchen Mut. Progressive Rock ist schon lange nicht mehr die Revoluzer-Musik, die sie einmal war, und in Zeiten des Internets versuchen die meisten Bands lieber ihre angestammten Fans zu bedienen. Asymmetry hingegen ist radikal, es will erarbeitet werden. Die Drums sind schwerer geworden und nehmen bewusst die einfachen Grooves aus dem Klangbild, die Gitarren spielen weniger Melodien, sie fräsen lieber komplizierte Spuren in den dystopischen Hintergrund. „We are“ und „Eidolon“ sind noch am eingängigsten, „Nachash“, „The Refusal“ und „Alpha“ begeistern hingegen mit schierer Kompromisslosigkeit.

27) Kid A – Radiohead

Als das 21. Jahrhundert anbrach, kam der 21. Century Schizoid Man zum Vorschein. Menschen in der Sehnsucht nach Authentizität in einer Welt aus Plastik und Bildschirmen, der Konsumrausch, die Einsamkeit – von all den grellen Farben und der ohrenbetäubenden Geräuschkulisse der herannahenden Ära hatten Radiohead offenbar rauschhafte Visionen, ein Orakel von Delphi im Smog der Großstädte, Visionen, die die Briten auf ihrem vierten Album schließlich auskotzten. Der Brit-Pop der extrem erfolgreichen Alben The Bends und OK Computer geht fast vollständig in minimalistischer Elektronik und kaputtem Lärm auf. Abstrakte Landschaften, zerrissen von digitalen Bildfehlern, zieren das Artwork und spiegeln die Musik passend wider. Man kann nicht genau sagen, ob Tracks wie „Kid A“, „In Limbo“ oder „Morning Bell“ überhaupt Songs im klassischen Sinne oder mehr vage Gefühle sind. Kid A ist auf originelle Weise bedrohlich, paranoid und beklemmend radikal.

26) Blackwater Park – Opeth

Ich hörte von Opeth über die unzähligen Engagements meines Jugendhelden Steven Wilson (Frontmann von Porcupine Tree), und dass er auf deren Album Blackwater Park einen nicht unerheblichen Einfluss gehabt hatte. Spurenelemente seines verträumten, Pink Floyd-geschwängerten Progressive Rocks vernahm ich tatsächlich in „Bleak“ oder „The Drapery Falls“ – aber dieses Growling! Ich war gerade erst mit Tool und Konsorten warm geworden, das unmenschliche Grunze von Mikael Akerfeldt war da erstmal zu viel des Guten. Glücklicherweise fiel ein Jahr später der Groschen. Die so berüchtigte Gesangstechnik erwies sich als effektives Stilmittel, um sich gegen die mächtigen Gitarrenwände und dunklen Melodien zu behaupten. Auch heute überrascht mich die selbstbewusste Symbiose aus komplexen Arrangements, Death-Metal und graziler Melancholie. Blackwater Park ist unbestritten ein Evergreen der Harten Schule!

25) The Colour of Spring – Talk Talk

In den 80er Jahren wurde Pop nicht selten zu einer Frage von Hochglanz und Bombast. MTV hatte die Musikwelt fest im Griff. In diese Zeit wuchsen Talk Talk in den Strom der New Romanticism hinein, lösten sich jedoch auf The Colour of Spring vom groß angelegten Synthie-Pop. Das dritte Album der Briten ist dank der Inkorporierung klassischer Rock-Instrumentarien (Hammond-Orgel, E-Gitarren und erdige Perkussion) eines der intelligentesten, geschmackvollsten Alben seiner Ära. Neben flotteren Midtempo-Songs („Life’s what you make it“, „Living in Another World“) stehen die introvertierteren Stücke „April 5th“ und „Chameleon Day“. Wo man den Laser (oder die Nadel) aber schließlich fallen lässt, spielt kaum eine Rolle. The Colour of Spring kann zu jeder Minute begeistern und gibt sowohl als sanfte Hintergrundmusik, als auch als bewusstes Hörerlebnis eine sehr gute Figur ab. Kurz: Dieses Album ist die Apotheose einer längst vergangenen Pop-Epoche.

24) Bedlam in Goliath – The Mars Volta

Das ist offiziell eine der nervigsten, schrillsten Bands des Planeten. Trotzdem fand ich lange Zeit keinen Zugang zu den Texanern. Während mein Bruder oft versuchte, mich mit Frances the Mute zu bekehren, klickte es bei mit erst mit The Bedlam in Goliath. Die Vorgänger waren mir stets zu zerfasert, mit der vierten Scheibe macht die Band um Gitarrist Omar Rodriguez-Lopez und Quietschstimme Cedric Bixler-Zavala – in meinen Augen – alles richtig. Verdammt, dieses Album haut einem den Groove, den unverschämt übertriebenen Pop und kaputten Progressive-Jam-Rock um die Ohren, dass man völlig die Orientierung verliert. Musikalische Geilheit fliegt einem hier direkt und unverblühmt in die Fresse, und die Jungs machen keinen Hehl daraus, dass sie mit Drogen vollgepumpt sind und gleichzeitig richtig viel Spaß dabei haben. Wie der Produzent des Albums angeblich gesagt haben muss: „I’m not going to help you make this record. You’re trying to do something very bad with this record, you’re trying to make me crazy and you’re trying to make people crazy.“

23) Dualism – Textures

Irgendwo in der Arktis, in einer winzigen Höhle in einem Gletscher, trifft sich regelmäßig eine winzige, eingeschworene Gruppe von Metal- und Prog-Hörern, unternimmt die beschwerliche Reise, nur um in trauter Einigkeit einer Band zu huldigen – Textures. Die Niederländer stehen leider nach wie vor im Schatten der überlebensgroßen Periphery, Tesseract und Devin Townsend, wobei wahrscheinlich niemand modernen Progressive Metal durchgehend mit einem solchen Understatement darbietet. Die enge Verwandtschaft mit Fusion-Jazz und melodischem Metalcore wird auf Dualism zur vollen Blüte gebracht: Die glasklare Produktion gibt dem Album Raum zum Atmen, Raum, der vom dynamischen Drumming Stef Broks (dem geheimen Kopf der Band) und der charismatischen Stimme Daniël de Jonghs großzügig genutzt wird. Ich habe in diese CD kilometertiefe Rillen hineingegraben (wie in so viele Alben dieser Liste), die kraftvollen, angenehm sphärischen Songs nutzen sich niemals ab. Andere Bands können vielleicht schneller und lauter, Textures sind in ihrem Genre aber unerreicht, wenn es um Klangqualität und Songwriting geht.

22) Dark Side of the Moon – Pink Floyd

Man muss dem Herzklopfen, das dieses Album einläutet, nicht mehr viel hinzufügen. Pink Floyd waren neben einer kleinen Handvoll anderer Bands und Alben mein Tor zum Progressive Rock, und das, obwohl in Kennerkreisen Dark Side of the Moon eher ungern mit LPs wie Close to the Edge oder Foxtrot verglichen wird. Als 13-jähriger konnte ich mich jedoch nicht dem Zauber weißen Vinyls entziehen, das ruhig und mystisch auf dem Plattenteller rotierte und dabei einen neuen, abenteuerlichen Kosmos entfaltete. Dark Side of the Moon ist in „Time“ düster, in „The Great Gig in the Sky“ ekstatisch und in „Us and Them“ verzweifelt; es sind diese Momente, aufgrund derer ich die ausführliche Entstehungsgeschichte des Albums von John Harris gelesen habe und auf meine Schultasche das ikonische Prisma gekritzelt habe. Seitdem mein Vater die LP vor etlichen Jahren aufgelegt hatte, ist sie ein wichtiger Teil meiner Geschichte geworden. Es mag nicht einmal das beste Album von Pink Floyd sein. Aber es ist ohne Frage kongenial produziert und hat unangreifbaren Klassiker-Status. Verdammt, was soll ich sagen – Ich schlafe jede Nacht auf einem Dark Side of the Moon-Kissen. So viel zum Thema Murmeln und Schals… (obwohl ich die auch gern hätte)

21) In the Court of the Crimson King – King Crimson

Inmitten blumiger, bekiffter Hippie-Massen zündeten King Crimson anno 1969 ein nie zuvor gesehenes Inferno – verjazzt, hart, kompromisslos, politisch. So also klang die Angst vor dem großen Krieg, so klang eine Band, die der Wut, der Intellektualität und der Melancholie endlich den Platz einräumte, der ihnen gebührt. Ähnlich wie Dark Side of the Moon stellte In the Court of the Crimson King eine extreme Bewusstseinserweiterung für mich dar. Die fünf Songs auf dieser LP sprachen mit einer tiefen Erhabenheit, wirkten äußerst respekteinflößend. Das war nicht mehr der Blues-Brothers-Soundtrack, den man auch als Teenager cool finden kann, das hier klang aufrüttelnd, erwachsen, desillusioniert. Über den „21st Century Schizoid Man“ muss man eigentlich nicht mehr viele Worte verlieren, es ist ein Sturm von einem Song, der an Aktualität nichts eingebüßt hat. Aber auch „I Talk to the Wind“, das Schwermut und falschen Frieden vortäuscht, ist notwendiges Atemholen vor dem monumentalen „Epitaph“ und dem irritierenden „Moonchild“. Der Titeltrack beendet das Album apokalyptisch. In the Court of the Crimson King ist die Singularität des Progressive Rock. Das muss jedem klar sein.

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