Die besten 110 Alben aller Zeiten: Plätze 20-11

…wenn’s nach mir geht.

Eine musikalische Liste von Benjamin Feiner.

Was über viele Wochen dem [progrock-dt]-Forum auf Facebook häppchenweise vor die Füße geworfen wurde, gibt es nun endlich als neu aufgelegten Director’s Cut in einer brillanten Super-HD-Surround-Sound-3D-Remaster-Version – inklusive Poster, Schal und Murmel: die subjektivste Liste seit es Progressive Rock gibt.

Zu den Plätzen 30-21 gehts hier lang…

…und weiter mit den Top-Ten (Plätze 10-9) hier.

Viel Spaß!

TEIL VII

Plätze 20-11

20) Aenima – Tool

Weitab von jeglichen Emo-Schmonzetten sind die Amis von Tool eine Band, die sich nie besonders lange mit Selbstmitleid und blinder „teenage angst“ aufgehalten haben. Aenima ist der endgültige Abschied vom düsteren Grunge der frühen Neunziger, hat von der Fachpresse gar den King-Crimson-Stempel aufgedrückt bekommen. Diese Behauptung sollte man jedoch nicht unkommentiert stehen lassen. Die Klangwelt von Tool basiert zwar auf präzisen, mathematisch kalkulierten Rhythmen und Riffs, will aber das Augenmerk ganz klar auf Stimmung und Konzept gerichtet wissen. Aenima, und das ist wirklich nicht bestreitbar, ist der feuchte, freudianische Traum, konzentriert in hemmungslos angepissten, schweren Rock. „Eulogy“, der erste von vielen Höhepunkten auf dem Album, ist treibend, sozialkritisch ja, aber auf eine höchst zynische Art. „Get off your f*cking cross, we need that f*cking space, to nail the next fool martyr“. Das F-Wort schmeckt dabei garantiert nicht jedem. „Jimmy“, „Pushit“ oder „Aenema“ demonstrieren, wie verstörend Tool sowohl musikalisch als auch lyrisch agieren. Gefühle oder Zensoren sind ihnen herzlich egal. Aenima endet schließlich im alles ausradierenden Trip „Third Eye“, einem an Pink Floyd erinnernden, drogengeschwängerten Mahlstrom. Ich glaube, ich hatte auch mal ein Tool-Kissen oder einen Tool-Schal irgendwo herumliegen…

19) Night – Gazpacho

Night ist in meinen Augen einer der Höhepunkte modernen Progressive Rocks. Und nein, ich will das Wort „New Artrock“ bewusst nicht in den Mund nehmen. Manchen mag es zu weich gewaschen sein, um es Prog zu nennen, aber anspruchsvoller Rock ist in meinem Empfinden nicht gleichbedeutend mit einer hohen Zahl an Rhythmuswechseln oder Noten in einem Lied. Tatsächlich haben sich Gazpacho in den Jahren durch ihre Produktivität (fünf Alben und drei Liveaufnahmen seit 2007), das hohe Niveau und den stets nur leicht variierten Sound als Speerspitze und als more-of-the-same-Band in den hohen Rängen der Szene etabliert. Angefangen aber hat es hier: Night streckt die von Muse und Radiohead inspirierten, poppig-exzentrischen Songs, wie sie noch auf Firebird zu hören waren, massiv in die Länge. Nur fünf Titel zählt die LP, darunter das 17-minütige „Dream Of Stone“, Minuten, die sich oft wie Stunden anfühlen. Verträumt-schwebend fließt die Musik und baut behutsam Stimmen um das Motiv auf, bis man unmerklich durch das gesamte restliche Album gleitet. Night ist der Soundtrack für einen Traum, eine impressionistische Momentaufnahme in dunkelblauen Tönen. Es steht in der Tradition narrativ orientierten Progressive Rocks, ähnlich wie Genesis, Marillion oder im weiteren Sinne Eloy. Night ist das beste Album der Norweger und eines der besten Alben seiner Art.

18) Sound Awake – Karnivool

In meiner Jugendzeit, ich war mit Yes und Genesis mehr als gesättigt, stellten Tool und Porcupine Tree für mich das Nonplusultra cooler, neuer Progressive Rock Bands dar. Vieles andere war nett, aber nichts toppte meine Helden Maynard J. Keenan und Steven Wilson. Bis mein Bruder und ich uns 2011 Sound Awake zulegten. Als „Tool-light“ im Internet gehyped, wurden wir doch erstmal vor den Kopf gestoßen: Das war kraftvoll, hatte Power in den Backen, einen geilen, ausdrucksstarken Sänger und wahnsinnige Ohrwürmer – aber Tool? Dafür waren Karnivool dann doch zu subtil, nie wirklich zynisch oder bissig und selten bedrohlich-düster. Heute ist Sound Awake vor allem der seltene Fall einer mehr als 70 Minuten langen CD ohne einen einzigen Durchhänger oder Füller. Und deshalb gewissermaßen auch der Präzedenzfall eines nicht nur sehr guten Albums, sondern eines nie blass werdenden Evergreens. Karnivool sind eine Band, die nicht oft von sich hören lässt, dafür an jede Scheibe mit einer anderen Prämisse herangeht – so auch Sound Awake, das im Vergleich zum Erstling Themata laut Band weniger „hook“ (Haken), sondern mehr „lure“ (Köder) sein sollte. Das spürt man. Denn in den großen Songs auf diesem Album – „New Day“, „Deadman“ und „Change“ – geht es nicht um die großen Effekte, sondern die Nuancen. Was einer der Gründe ist, warum diese Nummern mit zum Besten gehören, was der Progressive Rock derzeit zu bieten hat.

17) Everyone into Position – Oceansize

Okay, der hier ist gut: Steven Wilson ist Oceansize-Fan. Eines seiner Lieblingsalben der 00er ist das dritte Album der Manchester Psychedelic-Heavy-Rocker, Frames. Hm, noch einer: Die Jungs spielen bei und unterstützen Acts wie Biffy Clyro oder Amplifier; Vennart soll angeblich mal Gitarrenparts für Snoop Dogg eingespielt haben. Ihr Song „Music For a Nurse“ schaffte es bis in eine TV-Werbung und auf einen Filmsoundtrack. Noch nicht beeindruckt? Vielleicht lohnt es sich einfach mal, in das zweite Album reinzuhören – Der explodierende Schädel auf dem Frontcover ist Programm. Oceansize waren zu ihrer Zeit der Spross eines extrem kurzlebigen Trends, der heftigen Alternative Rock mit Postrock und flirrenden, dichten Psychedelic-Jams zusammenschmolz. Everyone into Position ist eine faszinierende, bunte Wundertüte an Songs, mit unzähligen, übereinandergeschichteten Klängen, Geräuschen und zugedröhnten Riffs, ohne das verstaubte Hawkwind-Erbe vor sich her tragen zu müssen. Der Bass ist tief, der Groove spürbar und Vennarts Stimme charismatisch. Eine Nummer wie „Heaven Alive“ oder „New Pin“ ist wie ein Flip mit dem Skateboard auf einer knallbunten Pipeline, „Meredith“ und „You Can’t Keep a Bad Man Down“ hingegen Remineszenzen an die alten, verstörenden Pink Floyd. Oceansize bleiben – hoffentlich? – ein ewiger Geheimtipp.

16) In Rainbows – Radiohead

Der Pop von Radiohead ist im Grunde einer, der sich nicht schert. Nicht um Verkaufszahlen, nicht um „Identifikationspotenzial“ oder Tanzbarkeit, ja nicht einmal um seine Fans. In Rainbows hingegen ist das wahrscheinlich ausgewogenste, leidenschaftlichste Album der Briten. Niemand kann die innovativen Aspekte von Kid A verleugnen, aber selbst in dieser Welt gibt es Sackgassen. Und manchmal zählt auf längere Sicht eben nicht das Extreme, sondern ein starker, zeitloser Song. Radiohead beweisen auf In Rainbows, dass sie nicht nur die Typen sind, die Britpop mit Pink-Floyd-Vibes und minimalistischem Elektro angereichert haben, sondern sich auch als Musiker mit Feingefühl und Wärme auszeichnen. Alleine das ätherische „Weird Fishes“, das krachende „Bodysnatchers“ oder das flehend-resignierte „All I need“ demonstrieren die Bandbreite, mit der Radiohead agieren. Die Instrumentierung wurde massiv reduziert, elektronische Effekte oder Samples schleichen sich nur noch dezent ein, Gitarren, Bass und Gesang stehen weit im Vordergrund – als würde „die Band im Wohnzimmer spielen“, wie manch ein Rezensent an dieser Stelle gerne schreiben würde. Alles setzt auf Zurückhaltung, um die Melodien für sich sprechen zu lassen. Und das bewegende „Reckoner“ ist für sich gesehen schon einer der besten Songs des neuen Jahrtausends.

15) Night is the New Day – Katatonia

Katatonia entdeckte ich während meiner Umbruchzeit nach dem Abitur. Die wohlige Kissenburg der Schule verlassend, in der Dämmerung zwischen altem und neuem Leben hängend, tauchte ich mit Genuss in den dunklen Soundtrack ihres achten Albums ein. Night is the New Day unterscheidet sich nämlich in einem entscheidenden Punkt von den Vorgängern: die pechschwarze Finsternis hat Sollbruchstellen. „Idle Blood“, „Onward Into Battle“, „New Night“ oder „Day And Then the Shade“ rücken das Album weg von der Nacht in ein wohlig-kühles Zwielicht. Es ist Anbruch, Ausbruch, Hoffnung, eine, die sich nach vorne kämpft. Katatonia schaffen dadurch wesentlich mehr Kontur und Tiefe als mit ihrer bisherigen Formel, die im Grunde Gothic Rock und Alternative Metal mit Anspruch vereint. Auf Night is the New Day machen die Schweden umfassenden Gebrauch von Synthesizern, Samples und breit angelegten Keyboard-Streichern. So wird das Album wahrhaftig zum Soundtrack einer schwach beleuchteten Zwischenwelt. Vom seichten Anathema- oder Antimatter-Niveau ist man aber meilenweit entfernt, denn „Forsaker“ oder „Nephilim“ laden zur Abwechslung schwere Doom-Geschütze. Night is the New Day – musikalisch reichhaltig, fantastisch produziert und geschrieben – ist in der Tat auf Silber gepresste Atmosphäre.

14) Seasons End – Marillion

Nennt mich einen Verächter, einen Verräter an der Progressive-Rock-Welt. Bewerft mich mit Tomaten, mit Gurken oder Zwiebeln (ich mach‘ eine Gazpacho draus!), denn: Steve Hogarth hat für mich wesentlich mehr Gänsehaut-Faktor als Fish. Und damit wären wir bereits bei Seasons End, dem ersten Marillion-Album mit dem neuen Sänger, der bis heute die Fans spaltet. Dabei legt Hogarth hier eine Performance auf’s Parkett, die viele andere Stimmen in eine winzige, dunkle Ecke verbannen könnte. Diese Kraft in den Höhen… Dabei ist Seasons End mehr als nur ein Beweis, dass es auch ohne Fish geht: Das Album verfügt über eines der besten Klangbilder, die ich von einer Rockband jemals gehört habe. Regler aufdrehen und „King of Sunset Town“ auf guten Boxen oder Kopfhörern durchlaufen lassen! Nick Davis lässt Progressive Rock so klingen, wie er sollte: klare Höhen, fetter Bass und kristalline Keyboards. Bei „Easter“ sind sich sogar Kostverächter über das schwindelerregende Gitarrensolo einig, und ja, ich mag auch die geradlinigeren „Uninvited Guest“, „Holloway Girl“ oder „Hooks in You“. Ihren Ruf als Meister der großen Gesten zementieren Marillion jedoch erst mit den dramatischen Nummern „Seasons End“, „Berlin“ und „The Space…“. Großartig bombastisch, herrlich kitschig. Und das „Neoprog“-Stigma ist zum Glück auch schon ein bisschen verblasst.

13) Deconstruction – Devin Townsend

Es scheint paradox, dass gerade das heftigste, lauteste Album des legendären Kanadiers eine so tiefgehende, emotionale Botschaft beinhaltet. Deconstruction, das dritte Album der Devin-Townsend-Project-Quadrologie, drückt das Gaspedal so weit nach unten, bis es mit dem Fuß durch den Boden bricht und versehentlich das Tor zur Hölle öffnet. Und so präsentiert sich der 70-minütige Brocken als reinste Achterbahn in den Wahnsinn. Devin Townsend zerlegt indes nicht nur sich selbst, sondern die gesamte Psyche der Metal-Szene sowie die Dämonen des Künstlertums im Allgemeinen. Er rechnet ab mit Narzissmus und Selbstmitleid, Egozentrismus und Größenwahn. Das Konzept von Deconstruction spricht mir vor allem als Autor direkt aus der Seele. Denn die hier beschriebenen Gefühlswelten sind für die meisten sogenannten „Künstler“ nichts als die nackte Wahrheit. Nach einem kurzen Anlauf springt Townsend direkt in das Chaos und eröffent uns Hörern die ganze, reinigende Wut gegenüber sich selbst, seinem Gehirn und der Welt, ohne Zurückhaltung oder Subtilität. Verpackt wird dieser Seelen-Striptease in eine kongenial umgesetzte Version seiner typischen Wall-of-Sound. Ein komplettes Orchester mit Chor, tonnenschwere Gitarren, Gastsänger, hemmungsloses Gekreische, Fäkalhumor – und eine theoretisch nicht mögliche dynamische Produktion.

12) Blackjazz – Shining

Mit Blackjazz zeigten mir die Norweger Shining entgültig meine Grenzen auf. Und das sah in etwa so aus – Phase 1: Ein gigantischer, pechschwarz glänzender Kubus schwebt wenige hundert Meter über der Erdoberfläche. Er wirft einen Schatten, der sich viele Meilen über die Landschaft erstreckt. Viele Stunden harrt das Objekt in dieser Position aus, nur ein schwaches Brummen ist in der Atmosphäre über uns zu hören. Phase 2: Der Kubus senkt sich herab. Erst in der letzten halben Stunde ist uns aufgefallen, dass er an Höhe verloren hat. So langsam, dass man es kaum mit bloßem Auge erkennt. Als er schließlich die ersten Baumwipfel und Dächer berührt, wissen wir, dass es kein Entrinnen mehr gibt. Phase 3: Der Kubus bewegt sich unaufhaltsam, mit konstanter, gemächlicher Geschwindigkeit nach unten. Er zerquetscht Gebäude, ebnet Hügel ein, knickt ganze Wälder um. Um uns herum ein schreckliches Bersten und Splittern. Wir gehen in die Hocke. Wir können nicht fliehen. Phase 4: Wir spüren sein Gewicht in unserem Nacken. Das kalte Metall schluckt alles Licht. Wir legen uns auf dem Boden. Phase 5: Langsam, ganz langsam erdrückt der Kubus unsere Körper, unsere Knochen und Lungen. Da vernehmen wir plötzlich einen eigenartig vertrauten Sound – King Crimson? Industrial-Metal? Als hätte jemand Glassplitter in einen Fleischwolf gestopft. Irgendwo kreischt jemand durch ein Megafon. Als die ganze Welt eingestampft ist und zwischen Kubus und Erde nicht einmal eine Haaresbreite mehr passt, ist die Musik endlich zur vollen Lautstärke angeschwollen. Willkommen an der Grenze.

11) Mezzanine – Massive Attack

Das Massive-Attack-Kollektiv aus Bristol verstand es bereits mit seinem ersten Album Blue Lines, wie man Zäune im kontemporären Pop, Soul und Hip Hop niederreißt. Was heute als Trip-Hop-Sound längst zu seinem eigenen Genre geworden ist, war damals neu, wagemutig und kantig. Allerdings sollte sich die Gruppe 1998 selbst übertreffen, mit einem Album, dass fast zwanzig Jahre später immer noch ein einzigartiges, unerreichtes Klangerlebnis darstellt. Mezzanine, das schon mit rätselhaftem, unterkühltem Artwork eine Duftmarke setzt, verblüfft nach wie vor Liebhaber von Elektro, Rap, Indie und Rock gleichermaßen. Schon allein der Opener „Angel“ ist ein gewaltiges, düsteres Stück brodelnder Atmosphäre – das brillante Musikvideo tut sein übriges. Massive Attack geben sich äußerst verschlossen. Der Text im klaustrophobischen „Risingson“ suggeriert Paranoia, Angst, Schizophrenie – „Teardrop“ hingegen ist zerbrechlich, schwebt blind über einem bodenlosen Abgrund. Mit jedem Titel überstreichen Massive Attack die klinisch weißen Wände mit Schichten aus schwarzer, dicker Farbe. Geschickt eingesetzte Samples, schleppende Beats, eine bass-betonte Abmischung, verschiedene Gastsänger und gelegentlich dröhnende E-Gitarren-Riffs schaffen einen tiefen, wohl strukturierten Sound, bei dem jede Note, jeder Effekt und jede Strophe Gewicht hat und zur Erschaffung dieses mechanisch-introvertierten Konstrukts beiträgt. Mezzanine gehört zu der Sorte von LPs, bei der der Erfolg unter Fans und Kritikern diametral zu seiner Komplexität und Dunkelheit steht. Dass dieses Album in meiner Liste andere etablierte Klassiker bei weitem übertrumpft, spricht, so denke ich, Bände über seine Qualität.

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