Die besten 110 Alben aller Zeiten: Top Ten (Plätze 8-7)

…wenn’s nach mir geht.

Eine musikalische Liste von Benjamin Feiner.

Was über viele Wochen dem [progrock-dt]-Forum auf Facebook häppchenweise vor die Füße geworfen wurde, gibt es nun endlich als neu aufgelegten Director’s Cut in einer brillanten Super-HD-Surround-Sound-3D-Remaster-Version – inklusive Poster, Schal und Murmel: die subjektivste Liste seit es Progressive Rock gibt.

Zu den Plätzen 10-9 gehts hier lang…

…und weiter mit den Plätzen 6-5 hier.

Viel Spaß!

TEIL IX

Plätze 8-7


8) The Perfect Element Pt. 1 – Pain of Salvation

Erscheinungsjahr: 2000

Label: InsideOut

„Falling far beyond the point of no return
Nothing to become and nothing left to burn “

-The Perfect Element

Eine hervorragende Band offenbart sich selten unmittelbar im Moment des ersten Hörens. Jeder Musikfreund kann von diesen langen Kämpfen berichten, mit Künstlern und Alben, die sperrig und seltsam sind, sich den Gehörgängen verwehren. Etwas hindert uns daran, dass Geniale sofort zu erspüren.

So ist es mir mit Pain of Salvation ergangen: Eine hervorragende Band – und viele Jahre konnte ich nichts mit dem Sound anfangen, denn andere Progressive-Metal-Bands wie Psychotic Waltz und Dream Theater stellten für mich die Schwelle zum Genre dar. Da wirkten die Schweden um Sänger, Gitarrist und Songwriter Daniel Gildenlöw eher wie Außenseiter. Heute kann ich mir das wesentlich besser erklären, was genau mich abgehalten hat: Pain of Salvation waren nicht Virtuosen, sondern Songwriter, und das in einer Stilrichtung des Progressive Rock, die von donnernden Gitarren und überquellenden Instrumentals bestimmt ist. Die Abmischung von Gitarren-, Bass-, Schlagzeug- und Keyboard-Spuren erinnerte an die 90er Jahre Progressive-Rock-Welle, an deren Spitze die Flower Kings, Echolyn und Spock’s Beard schwammen. Da gab es genug Raum, um Bombast, akustische Passagen und Gefrickel ohne Reibung nebeneinander zu stellen.

Im Nachhinein betrachtet ist diese Heterogenität des Pain of Salvation-Sounds ihr eigentliches Charakteristikum. Doch nicht nur hier spielt die Band ihre Stärke aus: Meine Vorliebe wurde erst durch ein genaueres Studium der Texte wirklich entfacht. Das 1998 erschienene One Hour by the Concrete Lake und das später kontrovers aufgenommene BE sind für mich Beispiele prägnanter, starker Songtexte ohne Abgleiten in Dadaismus oder esoterisches Gesäusel. Gildenlöw schöpft offensichtlich aus Erfahrung und genauer Beobachtung. Das gefällt.

Im Jahre 2000 legten die Schweden jedoch ein Album vor, das die genannten Talente in einem überlangen Konzeptalbum verband und daraus massive Songperlen webte: Jede Nummer auf The Perfect Element Part 1 ist in sich ein Höhepunkt, und die eher lose geknüpfte Story zweier Individuen im Prozess des Erwachsenwerdens bildet einen dramaturgisch wirksamen Rahmen.

Doch! – Bei allen Fähigkeiten und Komposition der Band ist der absolute und unbestrittene Star Daniel Gildenlöws Gesang. Wer mich kennt, weiß, wie sehr ich für gute Sänger schwärme, aber Gildenlöw gehört zu den gleichzeitig technisch unangreifbarsten und charismatischsten Vokalisten, die ich kenne. Daniel gestaltet mit seiner Stimme absolut perfekte, strahlende Spitzen, schroffe Wut, raumgreifenden Pathos, er rappt, er leidet, er reißt den Hörer ohne Gnade mit in die Emotionen. „Reconciliation“, lediglich eine „Brücke“ im Albumkontext, demonstriert am besten dessen Fähigkeiten. „Used“ und „Ashes“ sind weitere, hochdramatische Aufhänger, fungieren wie „Singles“, wenn man so möchte. Bei kaum einem Album fällt es mir schwerer, wahre Höhepunkte herauszupicken. Die Inzest-Tragödie „In The Flesh“, die veritable Progressive-Metal-Kraftmeierei „Idioglossia“, das alles niederschmetternde „The King of Loss“? Der aufwühlende Titeltrack?

This world is what we can give
Scarred from the way we lived
All those dreams we shared for you
How I wish they could come true

We dreamed of a world in peace
But killed for a life of ease
Now we leave the wounds for you
What else can the dying do?

Das sind nur zwei Strophen aus dem kurzen Zwischenspiel „Song for the Innocent“. Aber hier verdichtet sich bereits der gesamte, wenn auch manchmal etwas pathetische, so doch absolut bewegende Kern dieses Albums.

Für eine Band, deren spätere Diskografie so dermaßen ausfranste, sind die frühen LPs von Pain of Salvation umso besser gelungen. Die Gruppe mag sich aktuell reformieren und bald neues Material auf den Markt werfen. Für mich jedoch wird nichts mehr an diese emotionale Wucht heranreichen.


7) Metropolis pt. 2: Scenes from a Memory – Dream Theater

Erscheinungsjahr: 1999

Label: Elektra

„Now it`s time to see how you died. Remember that death
is not the end… but only a transition.“

– The Hypnotherapist

Als pubertierender Teenager nimmt man bestimmte, neue Reize mit einer unglaublichen Hellhörigkeit auf; Reize, die Teile des Seelenlebens aufwühlen, welche von den bisherigen Kinderprogrammen und ???-Hörspielen unberührt geblieben sind. Für mich war es dieser Moment: Schritte auf Kies in eine Wohnung, Grillenzirpen im Garten. Erleichtertes Ausatmen nach einer langen, kräftezehrenden Sitzung. Frieden mit sich schließen. Eiswürfel ins Cognac-Glas, eine Schallplatte auflegen, sich in den Schaukelstuhl setzen. Plötzlich fremde Schritte, die von hinten auf einen zukommen, „Open your eyes, Niklas“, ein Schreck fährt durch die Glieder, die Schallplatte rutscht aus. Dann: minutenlanges Rauschen.

Metropolis Pt. 2 – Scenes from a Memory ist für viele Kritiker der Gipfel dessen, was die amerikanische Progressive-Metal-Institution Dream Theater jemals geschaffen hat. Nach längeren Kämpfen um eine stabile Bandbesetzung nutzten Mike Portnoy, James LaBrie, John Myung, John Petrucci und Jordan Rudess den neu gewonnenen Freiraum in vollen Zügen aus. Denn die Fans hatten nach einer Fortsetzung des beliebten Fingergelenk-Brechers „Metropolis Pt. 1“ des Images & Words-Albums verlangt. Im Songtext war bereits der Konflikt zwischen „The Miracle“ und „The Sleeper“ angedeutet worden. Jetzt wollten Dream Theater die Geschichte zu einer veritablen Tragödie von 77 Minuten auswalzen.

Es gab eine Zeit, in der man als Progressive-Rock- und Metal-Fan nicht an Dream Theater vorbeigekommen ist. Maßgeblich prägend für den „klassischen“ Progressive-Metal-Sound der 90er und frühen 00er Jahre war das erwähnte Images & Words – sehr amerikanisch, extrovertiert, nicht darum verlegen, die musikalischen Muskeln in irrwitzigen Instrumentalschlachten spielen zu lassen. An allen Ecken und Enden blitzen Rush, Fates Warning, Watchtower oder Queensryche hervor, immer auch mit Balladen und Schmalz im Gepäck. Dream Theater waren schon immer eine Band der Größe und des Größenwahns.

Nun also Scenes from a Memory. Das Album ist strukturiert wie ein Theaterstück – und so fühlt es sich an, von der ersten bis zur letzten Note. Fantastisch spannungsgeladener Mystery, teils Kriminalgeschichte, teils Reinkarnations-Parabel. Die Musik transportiert das Erzählte mit überzeugender Dramaturgie. Und die lässt keine Sekunde locker: Scenes from a Memory wird somit von einem weiteren Rock-Oper-Entwurf zu einem ernstzunehmenden Hörspiel. Ich ertappe mich bei den Hördurchgängen immer wieder dabei, wie ich vor Aufregung die Sitzlehne umklammere. Das Album wird von den ersten drei Tracks eingeleitet und findet in „Fatal Tragedy“ und „Beyond this Life“ seinen ersten Höhepunkt. Am stärksten wird Scenes from a Memory jedoch ab der zweiten Hälfte. „Home“, nach wie vor einer der gelungensten Songs der Band, mit seiner Sitar-artigen Begleitung, geht über in „Dance of Eternity“, einem brutalen Gefrickel, in dessen Verlauf „Metropolis pt. 1“ auseinandergenommen wird. „One Last Time“ und „The Spirit Carries On“ sind Momente für die Tränendrüse, Erleichterung, das retardierende Moment in der Tragödie. Aber! Es folgt „Finally Free“, die Katastrophe, wenn die Hauptpersonen die Wahrheit hinter dem Schein aufdecken und sich mit ihrem Schicksal konfrontiert sehen. Schließlich wird der Hörer mit einem verstörenden, rätselhaften Ende hinausgeworfen. Dream Theater vermeiden glücklicherweise eine vollständige Auflösung, oder, noch schlimmer, ein gutes Ende.

Scenes from a Memory hat mich schwer beeindruckt als 15-jähriger. Es war nicht nur meine erste Platte mit „richtigen“ Metal-Gitarren, sondern auch eine emotionale Achterbahnfahrt, die mein Verständnis für Spannung und Dramaturgie nachhaltig beeinflusst hat. Darüber hinaus ist diese LP schlicht und einfach DAS definitive Progressive-Metal-Album und anno 2016 genauso unterhaltsam wie damals. Es hat den Standard so hoch gesetzt, dass damit im Grunde einem gesamten Subgenre das Grab geschaufelt wurde. Heute gehören Dream Theater zu den Altmeistern, den Epigonen, die aber mit ihren letzten Veröffentlichungen in kreative Lethargie verfallen sind. „The Astonishing“? Pah… ich bitte euch.

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