Die besten 110 Alben aller Zeiten: Top Ten (Plätze 4-3)

…wenn’s nach mir geht.

Eine musikalische Liste von Benjamin Feiner.

Was über viele Wochen dem [progrock-dt]-Forum auf Facebook häppchenweise vor die Füße geworfen wurde, gibt es nun endlich als neu aufgelegten Director’s Cut in einer brillanten Super-HD-Surround-Sound-3D-Remaster-Version – inklusive Poster, Schal und Murmel: die subjektivste Liste seit es Progressive Rock gibt.

Zu den Plätzen 6-5 gehts hier lang…

…und weiter mit Platz 2 hier.

Viel Spaß!

TEIL XI

Plätze 4-3

4) Lateralus – Tool

Erscheinungsjahr: 2001

Label: Volcano

„All this Pain is an Illusion.“

– Parabola

Jedes Album dieser Liste schätze ich als ein Stück guter Musik. Die Alben der Top 10 jedoch spielen in einer etwas anderen Liga. Erinnerungen hängen an jeder dieser für mich so wichtigen Platten wie Bündel schwerer, mit Gerümpel gefüllter Säcke. Überhaupt gilt: Hören wir Musik in emotionalen Situationen, bleiben eben diese Bilder auf ewig mit den Klängen und Melodien verknüpft. Seien es negative oder positive. Die Musik selbst tritt dann in einen Dialog mit den Gefühlen und erschafft durch diese Überlappung völlig neue Bedeutungen. Ebenso Lateralus, das dritte Album der amerikanischen Alternative-Prog-Metal-Band Tool, das mich damals, 2007, auf platonische Weise entjungferte…

Das auf Lateralus plötzlich Keyboards, eingängige Melodien und süßlicher Pathos komplett fehlten, störte mich als siebzehnjähriger, zartbesaiteter Genesis- und Yes-Fan überraschenderweise kaum. Tatsächlich waren die dicken, dröhnenden Gitarrensalven und die pumpenden Bass- und Schlagzeugverschränkungen eine völlig neue, aufregende Welt. Das war definitiv Progressive Metal! Der gab sich eben bei weitem nicht so exzessiv wie Dream Theater. Oh ja, das war spürbar direkter und härter, und diese neue Härte im Rückrat tat unheimlich gut. Und dann das: Das F-Wort! Maynard J. Keenan brüllt es auf „Ticks and Leeches“ ins Mikro, das man um seine Stimmbänder Angst bekommen könnte – das war für mich als pickeliger Teenager nichts weniger als die lang ersehnte, verdammte Medizin! Eine Befreiung! Anders kann man es nicht beschreiben.

Auch zehn Jahre nach meinem Erstkontakt mit Lateralus ist dieses Monster-Album (78 Minuten!) immer noch die perfekte Synthese aus ungezügelter Energie und intellektuellen Muskelspielen. Der Vorgänger Aenima hatte den Bonus des destruktiven Sarkasmus, Lateralus gibt sich schon gar nicht mehr besonders ironisch. Tool spielen ohne viele Spirenzchen all ihre Qualitäten auf den dreizehn Songs aus: ein im Grunge wurzelnder Sound, aus dem der letzte Rest Blues abgeflossen ist, komplexe Rhythmen, flächige Gitarrenriffs und mehrdeutige, mit sexueller Symbolik aufgeladene Texte. Okay, es gibt die „Hits“ wie „Schism“ und „Parabola“ mit den kultigen, surrealen Body-Horror-Musikclips. Mehr noch ist Lateralus aber eine Angelegenheit für den Kopfhörer und für eine konzentrierte Hör-Session. Es ist schlicht ein überaus gelungenes, von King-Crimson-Produzent David Bottrill hervorragend in Szene gesetztes Alternative-Metal-Album – eine süchtig machende Synthese aus Intelligenz und Intensität. Höchstens zwei Dinge gibt es daran zu rütteln: Man wird den Eindruck nicht los, dass es an manchen Stellen doch etwas zu sehr glattproduziert wurde, was aber der Qualität keinen Abbruch tut. Und dann ist da noch die leidige Geschichte mit den Tool-Fans. Wo wir bei einer wichtigen Lektion wären, die mich dieses Album gelehrt hat..

So musikalisch gehaltvoll Lateralus auch ist, so sehr dreht das Fan-Lager der Amis bei der bloßen Erwähnung des Namens Tool am Hysterie-Rad. Auf YouTube gibt es Zusammenstellungen und amateurhafte Überarbeitungen, die angeblich beweisen sollen, dass die Reihenfolge der Songs auf Lateralus eigentlich eine ganz andere sei, und dass sich dahinter eine geheime Botschaft befindet. Dass Tool sonst irgendwelche Informationen über Area 51 in ihren Texten versteckt haben. Dass man beim Hören einer zehnfach verlangsamten Version von „Disposition“ angeblich Trance-artige Zustände erreichen kann. Und unzählige andere, haarsträubende Verschwörungstheorien. Ach, ehrlich, Leute! Manchmal gefällt mir die Vorstellung, dass sich Danny Carey, Adam Jones, Maynard J. Keenan und Justin Chancellor alle zwei Wochen in ihrem Schuppen treffen. Über die alten Tage plaudern und sich dabei köstlich amüsieren über den Hype, den ihr seltsames Band-Projekt vor vielen Jahren ausgelöst hat.

3) Moving Pictures – Rush

Erscheinungsjahr: 1981

Label: Anthem / Mercury

„Quick to judge
Quick to anger
Slow to understand
Ignorance and prejudice
And fear walk hand in hand“

-Witch Hunt

Schenkt man den Erzählungen meiner Eltern Glauben, so hatte ich bereits als Dreijähriger ein Talent dafür, bei langen Autofahrten mit flehenden „Rush an!“-Rufen zu nerven. Es musste Roll the Bones sein, und es musste „Bravado“ sein, und es musste wohl oder übel immer die selbe Kassette bis zum Erbrechen durchgenudelt werden.

Überraschenderweise ließen mich Rush in meiner Progressive-Rock-Blütezeit kalt. Im Gegensatz zu King Crimson oder Gentle Giant waren mir die Kanadier teilweise einfach zu brav, zu glatt. Bis ich mit zwanzig Jahren – ich hatte erst kürzlich mit dem Studium begonnen – mein Zimmer strich. Und mir aus Langeweile sämtliche Schallplatten in unserer alten Sammlung reinzog. An jenem Abend, nach stundenlangem Möbelschieben und Abkleben der Schutzfolien, schaffte es auch Exit… Stage Left, das beliebteste Live-Album der Kanadier, auf den Plattenteller – und bließ mich völlig vom Hocker. Nach dem ersten, bewussten Hören des legendären „YYZ“-Instrumentals nahm ich alles zurück, was ich zuvor über Rush geglaubt hatte zu wissen.

Kunstwerke verleihen unserer Biographie Kohärenz, das Gefühl eines größeren Zusammenhangs. Nicht anders ist es zwischen mir und Rush. Warum aber habe ich mich für ein Einzelalbum wie Moving Pictures entschieden? Die Diskografie der Kanadier ist schließlich sehr umfang- und abwechslungsreich. Warum nicht Counterparts, 2112 oder Grace Under Pressure? Oder, um Gottes Willen, Roll the Bones, eine Platte, die ich persönlich liebe, aber unter Fans und Kritikern so oft verschmäht wird?

Dabei ist Moving Pictures nicht einmal ein besonderes oder außergewöhnliches Album für die Herren Geddy Lee, Alex Lifeson und Neal Peart. Es fügt sich in eine logische Entwicklung ein: Angefangen bei den Hardrock-Platten Mitte der 70er, später den Spirit der sich im Ausdünnen befindlichen Artrock-Welle aufgegriffen und in Glanzstücke wie Hemispheres zur Vollendung gebracht, war der Rush-Sound immer schon eine durch die nordamerikanische Linse gedachte Version des britischen Progressive-Rock-Konzepts. Das heißt: Weniger exzentrisch und experimentell, sondern tendenziell polierter, massenkompatibler und stark stilisiert. Progressive Rock nicht als gesellschaftliches Statement, sondern als Effekt.

Permanent Waves markierte bereits den ersten Schritt hin zur Entschlackung und Reduzierung auf das Wesentlichste. 1980 erschienen, war eine Nummer wie „Spirit of Radio“ überdeutlich beeinflusst von den damals hochaktuellen The Police und ihrem weißen Reggea-Rock. Permanent Waves ist zwar hochklassig, aber – in meinen Ohren – irgendwie roh und prototypisch.

Gut möglich, dass erst die Affinität der Band für neue Sounds den Nachfolger auf ein neues Level bringen konnte. Moving Pictures klingt beim ersten Durchgang unglaublich modern, druckvoll und klar, als hätte man jedes Staubkorn, jedes kleinste Rauschen von den Bändern entfernt. Weder krankt die Platte an den 80er-Jahre-typischen penetranten Höhen, noch leidet sie am dumpfen, zurückgenommenen Klangbild der 70er. Man hat sofort Lust, die Lautstärkeregler ordentlich hochzudrehen.

Doch Moving Pictures treibt nicht nur Audiophilen die Tränen in die Augen. Ich meine: „Tom Sawyer“! „Tom Sawyer“! Wenn mich jemand nach der Blaupause für den perfekten, rundesten Progressive-Rock-Song fragt: Bittesehr! Knallige, fette Synthesizer, kraftvolle Powerriffs von Lifeson, und Schlagzeugfiguren, die selbst Meister Peart selbst ins Schwitzen bringen. „YYZ“! Ziemlich beknackte Idee, den Morse-Code für den Flughafen in Toronto in ein Musikstück zu gießen; Rush machen daraus ein halsbrecherisches, orgasmatisches Fest, das dem Police-Instrumental „Behind My Camel“ beinahe den Grammy abgeluchst hätte. „Limelight“! Berührende, treffende Lyrics über das Leben im Rampenlicht, welche Peart als einen der intelligentesten Rock-Texter seiner Ära auszeichnen. „The Camera Eye“! Das letzte, richtige „Epos“ von Rush mit knapp 10 Minuten Laufzeit, unterkühlt und technoid. Man fühlt sich an kalte Augen erinnert, die das Großstadtleben aus unüberwindbarer Distanz emotionslos zur Kenntnis nehmen. „Witch Hunt“! Wieder massive Synthesizer-Wände und bedrohliche Gitarrenriffs; dieser Song ist eine Liebeserklärung an den Bombast. „Vital Signs“! Von den meisten unter den Teppich gekehrt, steht diese Nummer den Höhepunkten auf Moving Pictures in nichts nach. Ein erhebender Abschluss – Ich empfehle es besonders laut zu genießen. Lediglich „Red Barchetta“ zündet bei mir nicht immer. Eine Zukunft ohne Autos empfinde ich nicht als tragisch, sondern als wünschenswert. Aber wer weiß, mit welchem Augenzwinkern dieser Song eigentlich geschrieben wurde.

Man trifft gelegentlich auf Menschen, die behaupten, Moving Pictures sei das perfekte Rock-Album. Worauf die meisten verstummen, und nur langsam und wissend nicken. Ja, Moving Pictures ist ein (nahezu) perfektes Rock-Album.

Auf der anderen Seite gibt es Leute, die behaupten, die Erde sei flach. Tja.

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