Die besten 110 Alben aller Zeiten: Top Ten (Platz 2)

…wenn’s nach mir geht.

Eine musikalische Liste von Benjamin Feiner.

Was über viele Wochen dem [progrock-dt]-Forum auf Facebook häppchenweise vor die Füße geworfen wurde, gibt es nun endlich als neu aufgelegten Director’s Cut in einer brillanten Super-HD-Surround-Sound-3D-Remaster-Version – inklusive Poster, Schal und Murmel: die subjektivste Liste seit es Progressive Rock gibt.

Zu den Plätzen 4-3 gehts hier lang…

…und weiter mit Platz 1 hier! Endlich!

Viel Spaß!

TEIL XII

Platz 2

Dieses Album bringt mit sich so viele Fässer, dass eine einfache Rezension schlicht nicht mehr ausreicht.

Die kontroverse Rezeption und das spürbare Unbehagen, mit dem viele über diese LP sprechen, haben der nachträglichen Einordnung sowohl in den Bandkatalog als auch in die Musikgeschichte offenbar nicht sehr gut getan. Viele straften das Doppelalbum bei seinem Erscheinen als aufgeblasenes Monstrum ab, als Füller-Fest und als unnötig kryptische und geheimnistuerische Rock-Oper. Die Rede ist von The Lamb Lies Down on Broadway von Genesis.

Erscheinungsjahr: 1974

Label: Charisma

Ich will den Kritikern beileibe nicht ihre Argumente nehmen. Viele Punkte lassen sich nachvollziehen. Doppel-Alben hatten schon immer das Problem, nicht in eine „normale Hör-Session“ zu passen. Hätte man nicht einfach die Intermezzi und die kürzeren Songs streichen können und daraus eine einfache LP machen können? Klar. Aber dann würde The Lamb nicht mehr Platz 2 in meiner Liste belegen, sondern irgendwo zwischen Rang 50 und 60 auftauchen. Das sechste offizielle Studioalbum des Progressive-Rock-Flaggschiffs Genesis ist, mit allen seinen Schnitzern, seinen Kanten, seinen Längen und seinen Schnörkeln, perfekt imperfekt.

In der Bandhistorie ist The Lamb schon allein wegen seines schwierigen Produktionsprozesses eine verzwickte Sache. Unter anderem Rutherford und Banks äußerten sich in einem Video-Interview alles andere als wohlwollend über das Album. Auch Peter Gabriel scheint eher schmerzliche Erinnerungen mit dieser Zeit zu verbinden – litten seine Frau und er im Juli 1974 schließlich unter der schwierigen Geburt des ersten Kindes. Und während Hackett, Collins, Rutherford und Banks bei den Aufnahmen als instrumentales Quartett immer mehr zusammenwuchsen, distanzierte sich Gabriel mit seinem ausladenden lyrischen Konzept, dem die anderen nicht mehr folgen konnten und wollten, von der „Clique Genesis“.

The Lamb Lies Down on Broadway also als Produkt, hervorgegangen aus Frustration und Stress? Blickt man zurück in die Entstehungsgeschichte anderer, einflussreicher Werke in Kunst, Literatur und Musik, teilen sie alle die selbe Narbe – denn die Not beflügelt die Fantasie manchmal mehr als jedes Pülverchen und jedes Gras.

Was aber ist The Lamb Lies Down on Broadway? Erstmal das: ein Konzeptalbum. Eine Geschichte, in Musik gegossen, mit Musik begleitet, oder, wenn man zynisch ist, eine Geschichte, die auf Musik aufgepfropft wurde. Alles davon stimmt. In einem auf der LP (bzw. im Booklet) mitgelieferten, kurzen Prosa-Text, der das Geschehen in den Lyrics selbst widerspiegelt und kommentiert, lässt sich zudem die Handlung mehr oder weniger mitverfolgen. Die Geschichte über einen Puerto Ricaner mit Namen Rael ist fast ausschließlich eine Kopfgeburt von Peter Gabriel – der, wie man weiß, später in den 80ern mit „Sledgehammer“ einen gigantischen Hit landete, einem Song, der ausschweifend mit sexuellen Zweideutigkeiten spielt. Nichts anderes erwartet einen auf The Lamb. Eine surreale „Reise“ durch Szenerien, gefüllt mit allegorischen und mythologischen Gestalten, eindeutig beherrscht von undurchsichtiger Traumlogik. Der doppelte Boden ist spürbar. Rael durchlebt Schmerz, Enttäuschung, Euphorie, Trauer und Wut. Man wird den Eindruck nicht los, dass Gabriel hier seine eigene, emotionale Achterbahnfahrt dokumentiert hat.

Die „andere“ Seite, die musikalische nämlich, gehört mitunter zu den feinsten, kompositorischen und instrumentalen Leistungen, die Genesis als Band bis zu diesem Zeitpunkt abgeliefert hatten. Es gibt die großartigen, symphonischen Nummern wie „In the Cage“ oder „The Lamia“, wobei die Band jedoch an vielen Stellen ihre Komfortzone verlässt. „Counting out Time“ ist ein sehr geradliniger Pop-Song, „Back in N.Y.C.“ schriller, chaotischer Pseudo-Punk und „The Waiting Room“ reinste, verstörende Psychedelic. Die klangliche Qualität sticht dabei im Vergleich zu anderen, früheren Genesis-Alben heraus: The Lamb ist kühl, metallisch, futuristisch – das Schlagzeug ist mit deutlich mehr Hall unterlegt, Banks greift für seine Keyboards verstärkt auf flirrende Synthesizer-Sounds zurück. Ein Eindruck, der durch das schwarz-weiße, verstörende Artwork von Hipgnosis kongenial ergänzt wird.

Legt man die Schichten von The Lamb – Text, Musik, Artwork – übereinander, entsteht allerdings ein inkohärentes Gesamtbild. Als ob etwas nicht an seinem rechten Platz ist. Es finden sich überall Lücken, Ungereimtheiten und abrupte Übergänge: Eigentlich ist The Lamb dazu verdammt, nicht zu funktionieren. Jeder der beteiligten Akteure schien sich lediglich auskotzen und die ganze Sache hinter sich bringen zu wollen. Doch es ist eben diese Heterogenität, diese Zerrissenheit, die das Album am Ende zu einem polysemischen Ereignis werden lässt. Zerrissenheit kann auch einfach „bunte Wundertüte“ bedeuten; nicht nur eine mögliche Interpretation, sondern eine Vielzahl an Perspektiven, aus denen man The Lamb hören und verstehen kann.

Genesis kamen auf dieser Doppel-LP vom Pfad des Progressive Rocks ab, der schon 1974 zum Klischee geworden war. Rael ist kein Ritter und kein Raumfahrer. Er ist ein Punk, der sich im Schmutz der Großstadt suhlt und den „Progressive Hypocrites“ am liebsten in die Eier treten würde. Natürlich war die überladene Bühnenshow anno dazumal ein Desaster. Die Videoprojektionen fielen regelmäßig aus, die zahllosen Verkleidungen von Gabriel störten den Fluss der Performance und stellten den Rest der Band in den Schatten der Blitzlichter. Genesis wurden zu einem leidigen Beispiel überfrachteter Konzeptalben und -shows, obwohl The Lamb in seinem Kern eine Abrechnung ist: Der Progressive Rock, Ausdruck einer Generation, die an sexuelle Befreiung und politische Veränderung geglaubt hatte, schafft sich selbst ab.

Mit den Jahren habe ich gelernt, die Texte auf The Lamb mehr und mehr zu schätzen. Als ehemaliger Student der Germanistik und der Literaturwissenschaft kann ich bestätigen, dass sie einen nicht zu unterschätzenden, literarischen Anspruch aufweisen:

„Each empty snakelike body floats
Silent sorrow in empty boats.
A sickly sourness fills the room,
The bitter harvest of a dying bloom.“

Eine meiner Lieblingsstellen in „The Lamia“, ein Paarreim mit vierhebigem Trochäus, ist ein treffendes Beispiel für die Reichhaltigkeit der Bildsprache. „Silent sorrows“ und „Sickly sourness“ sind schöne Alliterationen mit dem S-Laut, während „bitter harvest“ und „dying bloom“ quasi Oxymora, Widersprüche, darstellen. Das Schlagzeug setzt zu dieser Strophe ein, die E-Orgel verstärkt die Dringlichkeit der Melodie eines Trauermarschs. „Looking for motion I know will not find“ bereitet das dramatische Finale vor, welches schließlich in „O Lamia, your flesh that remains I will take as my food“ als Welle über einen hinwegschwappt.

Die Exzellenz der Texte lässt sich auch auf inhaltlicher Ebene nachweisen. „Broadway Melody of 1974“ beispielsweise (auf der CD fälschlicherweise als Instrumental angegeben), das auf das bedrohliche Gitarrensolo in „Fly on a Windshield“ folgt, ist ein Kaleidoskop an Zitaten und Querverweisen. Lenny Bruce, Marshall McLuhan, die „Sirens“, Groucho, „In the Mood“, „cyanide wand“ und „peach blossom and bitter almonde“, Caryl Chessman, Howard Hughes, Winston… Der Track dauert gerade einmal zwei Minuten, fordert jedoch vom Hörer das Wissen einer ganzen Enzyklopädie. Unter Literaturwissenschaftlern spricht man hier von Intertextualität, also die Bezugnahme auf andere Texte und Diskurse. Peter Gabriel selbst soll einmal gesagt haben, dass The Lamb Lies Down on Broadway im Grunde nur aus unzähligen Nuggets und Hommagen bestehe, die man nur alle herauspicken müsse – darunter der Film El Topo von Alejandro Jodorowsky, Pilgrim’s Progress, die Werke Carl Jungs sowie die griechische Mythologie.

Für mich persönlich war The Lamb anfangs „nur“ eines von vielen guten Genesis-Alben, die ich in meiner Teenager-Zeit entdeckte. Zwar überwältigt von der hermetischen Story, konnte ich mir auf das Gesamtpacket noch keinen rechten Reim machen. Erst jetzt, mit der Reife und dem kulturellen sowie dem literarischen Wissen, kann ich mich langsam diesem Schinken annähern. The Lamb hat meine Beziehung zu Lyrik und Literatur jedoch schon im zarten Alter von 16 maßgeblich geprägt. Mir imponierte der Mut der Band – es zeigt, was geschehen kann, wenn man Risiken eingeht: Man schafft große Kunst, die erst verspottet und Jahrzehnte später mehr und mehr gewertschätzt wird. Es fühlt sich einfach richtig an, wenn ich bei „The light dies down on Broadway“ mit Rael mitfiebere, zu „Counting out Time“ frivol mitpfeife und ich bei „The Waiting Room“ Alpträume bekomme.

Dieser Mut ist nun, da ich selbst schaffend tätig bin, ein Vorbild für mich geworden. „The Lamb Lies Down on Broadway“ ist unterhaltsam, abwechslungsreich, spannend, jedoch auch ebenso komplex und herausfordernd. Eben das, was ich von Kunst erwarte.

Anmerkung: Für alle sowieso-schon-Fans des Albums möchte ich einen persönlichen Interpretations-Vorschlag machen, den jeder für sich selbst überprüfen kann. Angenommen Rael leidet an Schizophrenie – das heißt, die Wahrnehmung seiner Umwelt ist stark verzerrt – so ergeben die vielen, unklaren Elemente plötzlich Sinn. Denn Rael würde sich laut dieser Interpretation nach einem krampfartigen Anfall („In the Cage“) vom Broadway aus in das U-Bahn-System begeben („Carpet Crawlers“, praktisch die Rolltreppe), dort, völlig überfordert von den Menschenmengen („Chamber of 32 Doors“), vor einen Zug stolpern („The Waiting Room“), überrollt werden („Anyway“), und schließlich in seinem Unterbewusstsein Heilung durch Kastration („Colony of Slippermen“) erfahren. Aber das ist natürlich nur eine Vermutung…

Wer sich übrigens einlesen will in die Hintergründe und Querverweise, dem lege ich folgende Links ans Herz:

Eine sehr ausführliche Song-für-Song-Analyse von The Lamb

Ein Essay über The Lamb im New Yorker

Das Video-Interview, auf das ich mich im Text bezogen habe

Eine weitere Sammlung von Quellen, Videos und Materialien

Anscheinend gibt es auch ein paar Buch-Publikationen, die The Lamb in seiner Gesamtheit ausführlich analysieren

Eine Interpretation im Kontext des Filmskripts, das Peter Gabriel während der Aufnahmen zum Album verfasste

Zum Schluss eine sehr eigenwillige Interpretation von 2008

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