Über den Tellerrand gehört 03/2017

Der dritte Teil meiner genreüberschreitenden „Über den Tellerrand gehört“-Reihe dreht sich um Jazz, Fusion und Artverwandtes. Wohl keine andere Gattung kann sich so freimütig verschiedenster Einflüsse und Stilrichtungen bedienen um daraus stets etwas Neues zu schaffen wie der Jazz und so findet sich auch in dieser Liste eine riesige Bandbreite und Musikrichtungen wieder: Von klassischem Prog geht die Reise über Filmmusik, Weltmusik, Avantgarde zurück zur Rockmusik.

Apollo Suns – Each Day a Different Sun

https://apollosunswpg.bandcamp.com/album/each-day-a-different-sun

Los geht es mit der hochgradig spaßerfüllten Jazz-Fusion-Prog EP „Each Day a Different Sun“ der Apollo Suns. Die Songs sind echte Zehenkribbler und enthalten die ein oder andere augenzwinkernde Referenz auf bekannte musikalische Themen, beispielsweise in der wunderbaren Melange aus dem bekannten „Impossible Mission“ und einer James Bond Titelmelodie.

Shalosh – Rules of Oppression

https://shalosh.bandcamp.com/album/rules-of-oppression

Kreativ gecovert wird auch auf der „Rules of Oppression“ des israelischen Jazz Trios Shalosh (Eigenschreibweise „SHALOSH“, Anm. d. Red.). So gibt es etwa eine Jazzversion von The Human Leagues „Don’t You Want Me“ zu hören – wunderbar! Trotzdem überwiegen mitreißende und überraschende Eigenkompositionen, die höchstens noch ein paar Anleihen von bekannten Künstlern oder Musikstücken übernehmen. Durch Hinzunahme eines Streichorchesters können sich diese allerdings auch mal von intimer Kammermusik zu einem furiosen symphonischen Finale emporschrauben.

Eyot – Innate

https://eyot.bandcamp.com/album/innate

Eingängig und mitreißend geht es mit „INNATE“ (immer diese Majuskel-Schreiber, Anm. d. Red.) weiter, dem neuen Album des serbischen Jazzquartetts Eyot (bzw. „EYOT“). Die Band verwebt geschickt Jazz mit Ambient, Postrock und traditionelle osteuropäische Musik. Letztere kommt vor allem durch die überwiegende Verwendung von krummen Taktarten zum Ausdruck, die in der traditionellen Volksmusik auf der Balkanhalbinsel weit verbreitet sind.

Saagara – 2

https://instantclassic.bandcamp.com/album/2

Musikalische Welten vereinen sich auch auf dem Album „2“ des polnisch-indischen Orchesters Saagara. Jazz, vor allem repräsentiert durch das Klarinettenspiel von Bandgründer Wacław Zimpel, trifft auf traditionelle indische Rhythmik und Perkussion. Es entsteht ein einzigartiges, hypnotisches Album, fernab jeglicher orientalischer Klischeevorstellungen.

Nooumena – Controlled Freaks

https://etourneur.bandcamp.com/album/controlled-freaks

Weit weniger jazzig, dafür avantgardistischer und eher in Richtung Rock-In-Opposition geht es auf „Controlled Freaks“ von Nooumena zu. Die schon zu Beginn bedrohlich klingende Musik bewegt sich im Verlauf des Albums in immer surrealistischere, albtraumhaftere Sphären.

Sunstitutor (Max McCargar) – Failed State

https://maxmccargar.bandcamp.com/album/failed-state

Noch weiter entfernt von traditionellem Jazz ist das neue Album „Failed State“ des Jazzgitarristen Max McCargar. Wie bei einem Radio, das sich nicht auf eine einzelne Frequenz einstellen lässt, rauschen hier Klangfragmente unterschiedlichster Couleur vorbei. Mal empfängt es flirrende Noise-Fragmente, dann wieder strukturierte Kompositionen die wieder von Stimmfragmenten überlagert werden – es entsteht eine faszinierende Collage.

Tindergodz – The Emergence EP

https://kentays.bandcamp.com/album/the-emergence-ep

Zum Schluss kehren wir wieder in vertrautere Jazzrock-Regionen zurück. „The Emergence“ ist eher eine Demo-EP denn ein echtes Debüt der Gruppe TinderGodz (Binnenmajuskel, wie Neunziger! Anm. d. Red.). Doch sind hier schon so spannende Ansätze zu hören, dass man nur hoffen kann, dass die Band recht bald die Möglichkeit (und einen echten Drummer) findet, ein richtiges Studio-Debut aufzunehmen. Zu hören gibt es streckenweise recht harschen Jazzrock und mit „Inside the Grid“ eine spannende Coverversion von Tigran Hamasians „Out of The Grid“.

Bonus:

Kuhn Fu – Kuhnstantinopolis

https://kuhnfumusic.bandcamp.com/album/kuhnstantinopolis

Eigentlich sollte an dieser Stelle ein „Name Your Price“ Album stehen, doch Kuhnstantinopolis ist mit einem Preis von €3 für die Downloadversion nicht weit davon entfernt. Und dieses furiose Jazzrock-Album ist jeden Cent davon mehr als wert! Mit ihrem Debüt bringt das Quartett um den Kölner Jazzgitarristen Christian Achim Kühn kräftig frischen Wind in die Szene und macht neugierig auf das in Kürze erscheinende zweite Studioalbum.