Die besten 110 Alben aller Zeiten: Top Ten (Platz 1)

…wenn’s nach mir geht.

Eine musikalische Liste von Benjamin Feiner.

Was über viele Wochen dem [progrock-dt]-Forum auf Facebook häppchenweise vor die Füße geworfen wurde, gibt es nun endlich als neu aufgelegten Director’s Cut in einer brillanten Super-HD-Surround-Sound-3D-Remaster-Version – inklusive Poster, Schal und Murmel: die subjektivste Liste seit es Progressive Rock gibt.

Zu Platz 2 gehts hier lang.

Danke an alle, die sich bis hierher durchgekämpft haben – ohne Euch gäbe es diese Liste nicht!

Viel Spaß!

TEIL XIII

Platz 1

Die Leidenschaft zur Musik ist ein zweischneidiges Schwert. Musik kann Brücken zwischen Menschen bauen. Teilt man mit jemandem die Vorliebe für Bach, Metallica oder Whitney Houston, wirft man sich begeistert Lobhudeleien zu und findet schnell einen Weg in den Kopf und in das Herz des anderen. Jeder, der meiner Liste bis hierher gefolgt ist, dürfte deshalb einen guten Einblick in meinen Soundtrack des Lebens bekommen haben. Gut möglich, dass einige sich bereits ein Bild von mir gemacht haben.

Auf der anderen Seite gibt es musikalische Werke wie dieses. Platz eins. Die unangefochtene Platte für die einsame Insel. Der ultimative Schlüssel zum Kopf des Autors. Eigentlich der perfekte Zeitpunkt für hemmungsloses Fan-Geschmachte. Was aber, wenn das besagte Album sich hermetisch und unnahbar gibt? Was, wenn das Format der Rezension zu versagen, eine Lobhudelei ebenso unausweichlich wie unmöglich scheint?

Denn tatsächlich ist wohl kein Album, das ich kenne oder besitze, so schwer zu beschreiben und zu erklären wie Laughing Stock von der englischen Band Talk Talk.

Erscheinungsjahr: 1991

Label: Verve

Vielleicht lässt sich Laughing Stock am ehesten durch das beschreiben, was es nicht ist: kein energischer Metal, kein verschachtelter Progressive Rock, nichts zum Mitsingen und nichts zum Mitwippen. Für eine Kultscheibe steht sie zu weit im Schatten ihres Vorgängers Spirit of Eden, für einen LP-Hit gibt es nicht genug hooks, für ein Statement gibt es keine klare Aussage, für eine Innovation greift sie auf zu viele, bereits dagewesene Elemente zurück. Laughing Stock endet nicht in einem Paukenschlag, es gibt keine wirkliche Dramaturgie, keinen Spannungsbogen, kein Narrativ. Die einzelnen Songs kann man kaum als solche bezeichnen. Und eine Band im eigentlichen Sinne hat es zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr gegeben.

Die Band? Talk Talk, 1991 nur noch sporadisch bestehend aus Mark Hollis, Lee Harris und Tim Friese-Greene, wurden von EMI in den 80ern neben u.a. Duran Duran als neue Hoffnung des New-Romantics-Sounds verkauft. The Party’s Over und It’s My Life präsentierte die Gruppe als solide Hitmaschine mit Hang zur Melancholie. The Colour of Spring, ebenfalls zu finden in meiner Bestenliste, verfügte noch über genug Pop-Appeal, deutete zur gleichen Zeit aber in eine wesentlich ambitioniertere Richtung. The Spirit of Eden schließlich war für EMI eine herbe Überraschung. Hinter dem Rücken des Labels hatte die Band ein Album zusammengebastelt, das jedweder Erwartung an einer Pop-Gruppe dieses Formats spottete. Überwiegend beeinflusst von Miles Davis‘ In a Silent Way, King Crimsons Islands, John Coltrane und Can, erschufen Talk Talk die Blaupause für einen Stil, der ab den 90ern ähnlich gelagerte Bands hervorrufen sollte: den Postrock.

Hinter diesem Trendbegriff verbirgt sich nichts anderes als eine neue Art, Rockmusik zu konzeptualisieren und zu komponieren. Stellte der Progressive Rock in den 70ern die Grenzen zwischen den Genres in Frage, geht der Postrock noch einen Schritt weiter: Haben Dinge wie Rhythmus, Melodie und Text überhaupt eine Bedeutung?

Tom Fleming beschreibt in einem Zitat, zu finden im Artikel über Laughing Stock auf thequietus.com, die Musik auf dem fünften und letzten Album von Talk Talk folgendermaßen:

As I listen to it, I more and more get the sense that the whole album is a mutation of a single idea; that a song is an uncertain thing. I could never imagine the album to be carefully rehearsed and reproduced. Rather, it’s the sound of never-ending process. Not being a progression towards an ultimate end, the whole point is in the doing, of the present moment.

Als wolle man versuchen, feingliedrige Linien mit Wasserfarbe zu zeichnen, zerfließt das Album, bis einzelne Songs, bis Anfang und Ende der Platte eins werden. Die Musik auf Laughing Stock könnte ewig so weiterlaufen, man würde keinen Unterschied feststellen, selbst nach drei Stunden nicht merken, dass sie sich nie aufgehört hat zu drehen.

Während alles einem Endpunkt zustrebt, Filme, Bücher, Songs, und Serien, bleibt Laughing Stock stehen, ist statisch, in sich ruhend. Ich kenne mich nicht gut mit der Philosophie des Zen aus, kann mir aber vorstellen, dass dieses Album ihr schon sehr nahe gekommen ist.

„Myrrhman“ beginnt erst nach einer Minute vollkommener Stille. Die – eigentlich – sehr ruhigen und introvertierten Gitarrenakkorde brechen dadurch umso intensiver über einen herein. Unter Kopfhörern vermag man gar die Vibration der einzelnen Saiten zu spüren. Langsam, sehr langsam treten weitere Akteure hinzu. Klavier, Holzblasinstrumente, Kontrabass, zischelnde Perkussion, Mark Hollis flüstert mehr als er singt. Alles ist in sich vertieft, mit sich selbst beschäftigt, man unternimmt erst gar nicht den Versuch, sich vom Hintergrund der Stille abzulösen, nein, man färbt den unendlichen Raum mit ruhigen, beinah zufälligen Nuancen.

„Ascension Day“ atmet Jazz, und wenn Hollis inbrünstig die wenigen Zeilen intoniert, klingt es wie weißer Soul. Das Lied treibt geschäftig voran, die Gitarre kracht atonal, sie liefert keine Melodie, nur pure Lautstärke. Abrupt wird der Song abgeschnitten und unmittelbar von „After the Flood“ abgelöst. Sachte wird man in ein Meer aus Hammond-Orgeln und warmen, impressionistischen Gitarrenlicks eingetaucht. Lee Harris‘ Schlagzeug steht weit in der hintersten Ecke des Raumes, schreitet monoton voran, ohne jede Andeutung rhythmischer Variationen. Verschlungene Harmonienwendungen spannen sich labyrinthisch über die Bass-Linien hinweg. Alles öffnet sich, alles schaut auf, wenn Mark Hollis schließlich singt:

„Shake my head
Turn my face to the floor
Dead to respect
To respect to be born
Lest we forget who lay„

Die Andeutung eines Refrains, einer hookline. Talk Talk verlieren sich nicht in selbstverliebtes Avantgarde-Gezwurbel, sie schreiben immer noch ergreifende Songs, wenn diese sich auch in etwas völlig anderes, fremdartiges verwandelt haben.

„Taphead“ scheint hingegen von bedrohlicher Stille verschluckt zu werden. Man tut gut daran, bei diesem Song aufzustehen und den Lautstärkeregler einfach aufzudrehen – bis man von einem plötzlichen atonalen Ausbruch aus der Konzentration gerissen wird. Der zuvor so vorsichtig aufgebaute Schwebezustand erfährt in dieser Nummer seinen harten Kontrapunkt.

Dann aber wieder „New Grass“: Ein verträumter, entrückter Groove, nicht unähnlich dem in „Ascension Day“ oder „After the Flood“, verspielte Gitarrenfiguren, gänzlich unaufgeregt, nur marginal variiert von Bläsern, Streichern und Klavier – „New Grass“ ist wie eine Erlösung, wie ein kühler Bach nach einer langen Wanderung.

„Runeii“ findet schließlich kaum mehr die Kraft aufzustehen. Die Lyrics werden von Mark Hollis nur noch gemurmelt, eine Gitarre verschwindet allmählich im Nichts. Der alte Mann ist auf seinem Stuhl eingeschlafen, für immer. Talk Talk kehren dorthin zurück, wo jede Band, jeder Künstler letztendlich beginnt: In der absoluten Stille.

Es widerspricht der romantischen Vorstellung einer genialisch-aufmüpfigen Band, die sich im Studio trifft, um ihr kratzbürstiges Meisterwerk einzuspielen. Laughing Stock entstand in mühseligster Kleinarbeit. Detailversessen setzte Hollis die unzähligen Schnipsel zusammen, die von den Gastmusikern in mehreren Improvisationen eingespielt worden waren. Laughing Stock wäre unmöglich ohne die digitale Technologie Anfang der 90er, unmöglich ohne das Vertrauen des neuen Labels Verve und ohne den finanziellen Backup, den die Hit-Singles der 80er Jahre stellten. Die gesamte Karriere von Talk Talk scheint sich in diesen einen Punkt erfüllt zu haben. Es ist zweifellos eine der faszinierensten Metamorphosen, die je eine Pop-Band durchlaufen hat.

Eigentlich müsste an dieser Stelle ein längeres Schlusswort von mir folgen. Eine Erklärung, ein Fazit, warum ich dieses Album liebe, vielleicht eine humorvolle Abrundung, ein Blick in die Zukunft, ein Dankeswort an meine Leser, ein Rückblick auf die Liste, das, was mich zum Musikliebhaber gemacht hat, ein intelligenter Kommentar, Persönliches, Objektives.

So kompromisslos wie auf Laughing Stock Unabgeschlossenheit und der Mut zur Stille umgesetzt werden, will ich jedoch auch meine Liste der „110 besten Alben aller Zeiten“ schließen: unabgeschlossen und schweigend.

2 comments for “Die besten 110 Alben aller Zeiten: Top Ten (Platz 1)

  1. 3. April 2017 at 22:08

    Danke für diese interessante und ausführliche Darstellung „der besten 110 Alben aller Zeiten“. Ich habe sie mit großem Interesse und Begeisterung verfolgt. Ich höre seit nunmehr über 40 Jahren leidenschaftlich anspruchsvolle Rockmusik (nicht nur Prog). Bin ich doch durch diese Liste auf mir völlig unbekanntes, teilweise geniales gestossen. Sehr gefreut habe ich mich über Deine Bewertung der Seasons End von Marillion, dachte ich doch bis dato, ich wäre der einzige, der diese Platte großartig findet. Also nochmal ein herzliches Dankeschön für diese Fleißarbeit. Gruß Matthias

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