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Gefährdet, bedroht, abgesagt - Progevents in Deutschland

Nachdem die Night of the Prog im letzten Jahr nicht der Publikumsmagnet war, den sich alle - Bands, Veranstalter und Fans - erhofft hatten und kürzlich Charly Heidenreichs bange Äußerungen zur Zukunft des erregendsten deutschen Schrägrockfestivals die wenigen Anwesenden ebenso bang aufhorchen ließen, hat gestern das Progurgestein The Enid - immerhin eine echte Legende - sämtliche Deutschlandkonzerte abgesagt: zu wenige Karten verkauft.
In Deutschland gibt es einige sehr engagierte Progaktivisten, die landauf, landab eine ganze Reihe großer und kleiner, aber durchwegs sehr feiner Events organisieren, mit großartigen, zum Teil etablierten, zum Teil sehr jungen und umtriebigen Bands, die alle auf ihre Weise versuchen, den Prog weiterleben zu lassen. Es wäre sehr schade, wenn sich diese Entwicklung fortsetzte und solche Events der Szene nach und nach verlorengingen. Das NEARfest ist bereits tot.

Hohe Steuern, böse GEMA, da müssen Bands einfach höhere Gagen verlangen, um eine Deutschlandtour zumindest nicht mit roten Zahlen zu beenden. Und diese Gagen können sich rührige kleine Konzertveranstalter eben nur in den wenigsten Fällen leisten. Traurig, aber wahr - Großevents im Progbereich werden wohl künftig zu einer aussterbenden Art.

Hier geht es ja nicht um Gagen... sondern das keiner die Karten gekauft hat, bei The Enid nicht (wobei "Legende", na ja, eher ne Nischen-Band, oder?), beim NEARFest nicht und in Würzburg auch nicht... wenn es keine Fans gibt, die die Konzerte sehen wollen, dann braucht es doch auch keine Konzerte (mal überspitzt und bewußt provokant ausgedrückt).

...ach ich will dazu nix sagen. Mein Herz-Kreislaufsystem...

Es ist wirklich frustrierend. Aber was meint Ihr, könnte man tun? Mehr Werbung machen? Mit den Events in die großen Städte gehen? MFGs gründen?

Sind wir doch mal ehrlich. Wir befinden uns in einer Nische. Der durchschnittliche Musikhörer kennt doch allenfalls die Speerspitze der aktiven Bands der Szene. Das zeigt ja auch die enttäuschende Besucheranzahl auf der Loreley 2010.

Ein Grund dafür ist sicher die hiesige Medienlandschaft mit Formatradio, Privatfernsehen etc. pp. Irgendwie scheint diese Situation den Hörer unterschwellig zu konditionieren. Vergleicht man mal die Charts aus Deutschland mit denen aus anderen Ländern, dann hat man den Eindruck, dass (wohlgemerkt im Mainstream) hierzulande wirklich fast nichts was vom Trend abweicht in den Charts auftaucht. Das ist in anderen Ländern (z.B. bei unseren Nachbaren aus Holland, Polen, oder Frankreich), aus welchen Gründen auch immer, nicht so deutlich ausgeprägt. Ergo glaube ich, dass sich dieser Zustand natürlich auf negativ auf musikalische Nischen auswirkt. Wenn selbst eine Band wie "Elbow" in Deutschland ein absoluter Insider Tipp ist, wer bitte geht dann auf ein Konzert von der kroatischen Progband XY.

Das ist sicher nur ein Aspekt.

soweit
st64

Weil du die Loreley grad ansprichst: Klar, der eine oder andre mag eine lange Anreise haben oder morgens noch arbeiten müssen. Aber nicht alle. Warum zahlt man einen Haufen Geld für ein Festivalticket und kuckt sich dann nur den Headliner an? Was ist mit dem Preis-/Leistungsverhältnis (immerhin ein Lieblingswort der Deutschen)? Ich glaube, ein Punkt ist der Unterschied zwischen den Bandfan und dem Genrefan. Das sind zwei Gattungen, die sich sehr selten mischen. Ein Marillion-Fan kennt Big Big Train nicht unbedingt und nicht jeden würde die interessieren. Warum auch? Es gibt ja genug Stoff von Marillion. Yes, ELP, King Crimson, die ganzen großen machen das ebenso. Ich denke, Leute wie Portnoy haben es kapiert: Die Nebenprojekte machen's, davon profitieren alle Beteiligten, einschließlich ihrer Bands. Vielleicht sollte man mal damit anfangen, die alten Herren der ersten Generation zu solchen Projekten einzuladen.

Ein zweiter Punkt scheint mir die Publicity zu sein: Wie oft habe ich schon Sätze gehört wie "ja, in den Siebzigern, das war was! Aber solche Musik macht ja heute niemand mehr" oder "Yes? Schade, dass die sich vor 20 Jahren aufgelöst haben". Damit wären wir bei deiner Medienlandschaft, Starfish. Die Filter sind das Problem. Die Information erreicht nicht die, die etwas mit ihr anfangen könnten. Wenn die kroatische Progband XY besser ist als das gerade verfügbare Yes-Lineup, gehe ich zehn mal lieber zu XY - nur wollen die Filter das leider nicht.

Ich habe keine Lösung und auch keine Idee... aber: die einzigen Leute, die Prog hören und gelegentlich auf Konzerte gehen, die ich kenne, seid IHR. In meinem ganzen "normalen" Bekanntenkreis (also Leute, die ich nicht wegen / über der Musik kennengelernt habe) interessiert sich kein Mensch für Progressive Rock. Selbst gestandene Rockmusik-Hörer in meinem Bekanntenkreis, die Musik nicht nur als Berieselung wahrnehmen, finden die meisten Progressive Rock-Sachen, wenn ich sie ihnen mal vorspiele (oder sie aus freundschaftlicher Verpflichtung heraus meine Radiosendung durchleiden), nervig, anstrengend und unattraktiv. Ergo reden wir hier von einer sehr kleinen Minderheit als Zielgruppe (war uns klar, oder?), der gegenüber eine erstaunliche Anzahl an Festivals und Konzerten steht. Das wird wohl nicht funktionieren, da niemand jede Woche auf ein Konzert gehen kann (zumindest nicht, wenn er in ein normales Berufs- und Familienleben eingebunden ist). Und dann gibt es natürlich noch Veranstalter - wie unser aller geliebter Charly -, der bewusst keine Kompromisse macht und damit die möglichen Gelegenheitskunden geradezu kategorisch ausschliesst.

Außerdem nehme ich noch die Tendenz wahr, dass immer mehr Menschen (jetzt eher bezogen auf den musikalischen Bekanntenkreis) eine gewisse Prog-Überdrüssigkeit verspüren und sich anderen Musikrichtungen zuwenden bzw. eine deutliche Konzertüberdrüssigkeit zeigen (wo war denn der "harte Kern" bei der Freakshow dieses Jahr?). Da ist doch geradezu noch ideal, wenn die Fans sich Festivalstickets kaufen und sich dann nur eine Band ansehen. Der Veranstalter ist doch damit zumindest auf der sicheren Seite.

Ich glaube, wir erleben eine dieser Wellenbewegungen, gegen die man schlecht angehen kann... in den 70ern war Progressive Rock hip (wenn auch vielleicht bei weitem nicht so, wie wir das heute so glauben mögen), dann gab es in den 90ern wieder einen gewissen Aufschwung, der jetzt eben wieder deutlich abebbt. Pessimistischerweise glaube ich nicht, dass es an mangelnder Information oder Werbung liegt (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel). Ich könnte mich jetzt auch nicht erinnern, dass in den 70ern, wo ich noch viel Radio gehört habe, soviel Progressive Rock im Radio gelaufen wäre... sorry, dass mir keine positiveren Gedanken einfallen.

Ich gehe z.B. auch längst nicht mehr auf Prog-Konzerte und das obwohl ich Prog Vielhörer und auch Ab-und-Zu Rezensierer auf den BBS bin.

Hauptgrund für mich (außer Entfernung) ...mir ists zu langweilig. Hab mir einige Prog DVDs besorgt und finde sie durch die Bank total langweilig. Die Bands spielen ihr Repertoire runter wie mans kennt. Es passiert nix mit den Songs, da wird nix verändert, umarrangiert, improvisiert, alles das was Livemusik spannend macht und von der Konserve unterscheiden sollte. Dazu gibts meist nicht mal irgendein Showelement oder ne interessante Bühnengestaltung, so dass man sich wenigstens daran noch mit den Augen festhalten könnte.

Wenn also musikalisch das passiert was ich eh schon hier habe und optisch kein Mehrwert ist, warum dann ins Konzert ? Konzerte waren für mich immer aufregend wenn die Musiker mich mitgerissen haben, aber das passierte nur wenn sie mit ihrer Musik dort droben auch arbeiten und nicht sklavisch reproduzieren.

Vielleicht bin ich damit alleine, aber evtl. gehts ja dem einen oder anderen Prog-Interessierten oder auch nur potentiell Prog-Interessierten auch so.

Prog Live da reichen Live CDs für mich, obwohl die auch meist nicht das Gelbe vom Ei sind, störts da aus unterschiedlichen Gründen nicht so.

Ich kann völlig verstehen, wenn Jürgen die -zigste Prog-DVD aus dem Wypsianski Theatre in Kattowice langweilig findet. Das ist aber kein Vergleich zu einem Konzert z.B. in Uwes Bergkeller. Zwar ist Reichenbachs Prog-Kultkneipe auch nicht größer als manches Wohnzimmer, die Atmosphäre dort aber wohl um Längen besser als beim Anschauen einer DVD daheim.

Uiuiui, hier gehts ja ganz schön ans Eingemachte, deshalb schonmal DANKE NIK, daß Du das Thema angesprochen hast!

1. Ist unbestreitbar, daß es - natürlich - auch innerhalb des Prog einen breitenakzeptierten und v.a. auch -diskutierten Mainstream gibt. Wer sagt denn, daß jeder Prohhörer stets begierig sabbernd auf der Suche nach neuen Höreindrücken sein muß? Schön wärs zwar, ist aber nicht so.
Das Problem sind hier Erwartungshaltungen, sei es bzgl. der alten Granden oder neuerer Bands, die letztlich aber auch nix grundlegend anderes machen im Vergleich zu ihren Vorbildern. Ich denke da an diverse Diskussion wie sie jüngst wieder in Form dieser Yes-Coverband-Geschichte stattgefunden hat.

Wer Neues finden möchte, wird dies - dank Internet früher oder später erst recht (denn die BBS sind bei den einschlägigen Bands auf deren Wiki-Eintrag verlinkt - so bin seinerzeit auch ich auf die BBS aufmerksam geworden) - tun. Ein Konzertbekannter von mir, der kein Internet benutzt, findet z.B. regelmäßig den Weg von Hamburg zur FreakShow nach Wü, einfach weil er weiß, daß Charly nie Schrott auf die Bühne bringt, oder auch in den lieblichen Odenwald zum Finkenbach Festival. Weil ers wissen will und sich nicht zurückzieht hinter seine alten, ach so verehrten Granden oder vorurteilende Befangenheit .

Was mich i.Ü. auch stutzig macht: ich dachte immer, Prog-Hörer seien von sich aus neugierig auf Neues, sonst hätten sie sich doch vom vielverschmähten Radiopop nicht abgewandt. Aber ich kanns nachvollziehen: trotz zweier phantastischer FreakShow-Konzerte anno 2009 (UZ und 2 Foot Yard) hab ich - in kompletter Unwissenheit und Unkenntnis der Szene - damals mehrere Konzerte von jüngst wieder auf dem FreakShow-Festival aufgetretenen Bands nicht besucht. - Nur um dann mit dem Besuch der Herbst-FreakParade 2009 entgültig Blut zu lecken. Einfach mal hingehen - trotz dem, daß man nicht weiß, was kommt - und vielleicht ein Aha-Erlebnis mitnehmen, das ist vielleicht schon des Rätsels Lösung.

2. Dieses Festival im Herbst 09 ist übrigens auch ein guter Punkt, um ein bißchen Defiziten in der Vermarktung nachzuspüren, da hier exemplarisch der Auftritt der Three friends genannt sein kann: Die Halle war plötzlich voll! - Und ich glaube nicht, daß Charly da mehr die Werbetrommel gerührt hat als sonst auch. Aber so n fast-GG-Revival, das zieht, das läßt die Erinnerung an die Jugendzeit hochkommen, macht für 1, 2 Stunden n gutes Gefühl und dann ists auch wieder gut.

Und natürlich die großen Namen!

Denn: täusch ich mich oder waren bei der letztjährigen Frühjahrs-FreakShow selbst zwischen den zwei Tagen Unterschiede im eh schon nicht zahlreich erschienenen Publikum zu sehen? Könnts dran gelegen hab, daß am SA Indukti bzw. als Ersatz Beardfish gemeldet waren und am SO nur so popelige Jazzrock-/Avantbands? Ganz zu schweigen vom Gegensatz dieses Festivals zum darauffolgenden Herbstfestival mit Aranis, Magma und (oioioioi!) SGM als die Halle wieder voll war?

Thomas hat ganz recht: wenn nicht der harte, hier engagierte Kern bereit ist, Hörherausforderungen anzunehmen, wie will er den Prog dann glaubhaft als hörens- und entdeckenswert nach Außen verkaufen? Das ist ne sehr schwache Überzeugtheit!

3. Ist der monetäre Aspekt von Prog-Konzerten ein eher schwaches Argument. Betrachtet man sich mal FreakShow und Night of the Progs, dann kommt man da auf etwas mehr als 6,50 Euro respektive knapp 10 Euro (inkl. Camping und Parken) pro Band. - Für Progbands, die selten nur zu dritt anreisen, sehr gute Preise. - Da ist jedes Klassikkonzert vom örtlichen Oratorienchor teurer.

Dirk spricht von Atmosphäre und nennt Uwes Bergkeller in Reichenbach als Beispiel. Und damit trifft er für meine Begriffe genau ins Schwarze. Progressiver Rock fristet sicherlich ein Nischendasein - das sollte doch eigentlich dann auch Grund genug sein, Progfans bei Gigs etwas mehr zu 'hofieren'. Was passiert erfahrungsgemäß häufig? Man lässt die Besucher bis zur letzten Minute vor dem Venue warten, obwohl drinnen an der Theke schon das eine oder andere Vorab-Bier getrunken werden könnte (Umsatz!), man gibt sich oft wenig Mühe mit dem Soundcheck und der Hallenakustik, man muss (wenn's gut besucht ist) lange auf sein überteuertes Getränk in Plastikbechern warten, weil die Theke unterbesetzt ist und/oder wird oft direkt nach Ende des Konzerts hinauskomplimentiert, weil die Jugend schon vor der Tür auf ihre direkt nach dem Konzert angesetzte Wochenend-Disco wartet (hab' ich alles schon erlebt!). Der Bergkeller in Reichenbach und auch der Colos-Saal in Aschaffenburg sind da meiner Erfahrung nach positive (und deshalb auch gut besuchte) Ausnahmen; sehr positive Erfahrungen habe ich in dieser Hinsicht auch mit Hallen in den Niederlanden (Boerderij, De Pul, De Mortel) gemacht. Für mich als Konzertbesucher ist nicht nur die Band auf der Bühne, sondern auch das 'Drumherum' wichtig - die Atmosphäre muss halt stimmen und man sollte das Gefühl haben, willkommen zu sein.

Sorry, aber die Logik erschließt sich mir nun gar nicht. Warum sollten sich Hallenbetreiber ausgerechnet bei einer Musik, die bekannterweise nur wenige Leute anzieht, besonders viel Mühe geben, es diesen Leuten recht zu machen? Erst kaum in nennenswerten Mengen aufkreuzen und dann noch spezielle Ansprüche stellen? Irgendwie seh ich nicht, wie das der richtige Ansatz sein kann.

Bei dieser Gelegenheit mal "Danke!", dass du diese Diskussion angestoßen hast, Nik. Ich plane gerade selbst ein Prog-Festival in Nürnberg und die zahlreichen Kommentare bzgl. der NEARFest-Absage find ich in der Hinsicht ziemlich nützlich für unsere Planung. Ähnliches von deutschen Prog-Fans ist natürlich noch besser.

Insgesamt kann ich viele oft genannte Kritikpunkte gut nachvollziehen. Zu obskure Bands aus einem eh schon obskuren Genre ziehen nun mal wenige Zuschauer - jeder, der schon mal Leute zu vergleichsweise bekannten Prog-Bands mitschleppen wollte, weiß wie schwierig das ist. Wenn eine Band so unbekannt ist, dass selbst auf den BBS noch kein Eintrag zu finden ist, wird die Sache natürlich noch wesentlich schwieriger. Und Experimentierfreude ist eine Sache, aber meine Erfahrung ist nun mal, dass mich nur vergleichsweise wenige Künstler wirklich begeistern können. Die Chance, dass Auftritte mir völlig unbekannter Künstler zufällig so gut sind, dass sie mich begeistern, ist relativ gering - denn das passiert schon bei Künstlern, die ich sehr schätze und die definitiv das Material für einen großartigen Konzertabend hätten, denkbar selten. Ich weiß nun mal, dass schon eine unglücklich zusammengestellte Setlist mir einen Konzertabend kaputtmachen kann. Das gilt für völlig obskure Bands ebenso. Wenn ein Besuch ihrer Konzerte zudem noch mit längeren Fahrten, hohen Ticketpreisen und später Heimkehr oder gar Hotelkosten verbunden ist, überlege ich mir sowas natürlich doppelt und dreifach. Neue Musik entdecken kann ich letztendlich auch deutlich billiger von daheim aus!

Mal zu einem anderen Thema: Wenn ich mir das Lineup vom NEARfest so anschaue, wundere ich mich wirklich nicht, dass da nicht innerhalb kurzer Zeit die üblichen 1000 Leute zusammenkamen. Weder aus Sicht des 70er-Prog-Fans noch aus Sicht des modernen Prog-Fans sind da die ganz großen Knaller dabei gewesen, von daher find ich's unangebracht, wegen dieses Flops gleich den Tod der Prog-Konzerte herbeizureden.

Ein wichtiger Punkt, der hier schon genannt wurde, ist der Nostalgiefaktor - der war's meiner Meinung nach, der die früheren NF-Ausgaben getragen hat. Er ist es, der die Leute dazu bringt, die (heftigen!) NF-Ticketpreise plus Unterbringung und Anreise zu zahlen (in sehr vielen Fällen per Flugzeug!). Klar spielen da immer auch unbekanntere Bands, aber machen wir uns nix vor: Die sind für die meisten Besucher bloß ein willkommener Bonus zu Eddie Jobson, PFM, VdGG, Magma oder Banco del Mutuo Soccorso. Aber zum einen haben dieses Jahr die großen Namen aus den 70ern gefehlt und zum anderen kann man nun mal nicht ewig auf die selben alten Künstler setzen. Das Publikum von vor 40 Jahren schrumpft nun mal mit der Zeit und wenn die Festivals am Leben bleiben wollen, müssen sie zwangsweise auch ein jüngeres Publikum ansprechen. Das wurde bei früheren NEARFest-Ausgaben durchaus gut gemacht, aber gerade in der Hinsicht fand ich das Lineup diesmal enttäuschend. Der moderne Prog-Fan kennt von den geplanten Bands vermutlich nur Karmakanic (vielleicht grade noch so Umphrey's McGee) - und die ziehen in den USA nie im Leben auch nur annähernd 1000 Leute zu einem Konzert.

Beim Night of the Prog ist nach der Nostalgie-Show vom Vorjahr diesmal ja auch ein deutlicher Wechsel zu moderneren Bands zu sehen (DT, Haken...), eine lobenswerte Entwicklung. Klar, die Eloy-Fans werden damit weniger glücklich werden, aber die sind nun mal nicht die Zukunft solcher Festivals und kommen vermutlich zum großen Teil nur wegen "ihres" Headliners, wie hier schon jemand so treffend meinte. So läuft's nun mal - gerade die alten Bands ziehen Leute an, die oft gar keinen großen Kontakt zur Szene haben und entsprechend keinen Plan davon, wer diese ganzen anderen Bands auf dem Programm sind. Und sobald da das erste Metal-Riff ertönt, sucht ein großer Teil der Truppe eh das Weite.

Und da ist noch eine Sache, den ich erwähnen möchte: Wo sind die lokalen Bands? Meiner Meinung nach sollten Festivals, die größere Namen eines Genres buchen, immer auch versuchen, regionale Bands zu fördern, die musikalisch ins Programm passen. Das verbessert zum einen die Promotion vor Ort und stärkt die Zugkraft dieser Bands für die Zukunft, falls man sie irgendwann wieder buchen sollte. Und das gilt nicht nur für Festivals: Ich find's immer wieder traurig, wenn Progbands auf Tour gehen und dann solo ihre 2,5-bis-3-Stunden-Sets spielen, anstatt als Vorband auch mal jüngere Künstler vor größerem Publikum spielen zu lassen. Das ist eine echte Unart. Gerade heutzutage sollte es doch ein Leichtes sein, eine gute, musikalisch passende regionale Band als Opener für jeden Gig einer Tour zu finden, und so sowohl die Szene insgesamt als auch konkret die lokale Promo für den jeweiligen Gig zu stärken.

Und sollte es an unserer Faulheit liegen, dem kann ja auch abgeholfen werden: Irgendwo gibt's ja immer nen Progfan, mit dem man mitfahren kann. Ich zum Beispiel nehme immer gern die Ameise mit nach Würzburg - und wenn im Rhein-Neckar-Raum noch jemand ist, der nicht selbst fahren mag, sich aber zum Mitfahren hinreißen lassen würde, ist sicher immer ein Plätzchen frei. Daran soll's nicht scheitern!

Ja, das mit den Mitfahrgelegenheiten ist wirklich ein guter Punkt. Ich denke, wir werden versuchen, das über die Festival-Website zu fördern und interessierte Leute aus weiter entfernten Ecken des Landes miteinander in Kontakt bringen.

Du sprichst oben etwas an, das sich tatsächlich problemlos umsetzen ließe, nämlich die Unterstützung durch die BBS. Das gibt es ja wirklich öfter als man denkt, Konzerte von Bands, die die BBS nicht erfasst haben - und das, obwohl wir immerhin 17621 Rezensionen zu 11272 Alben von 4257 Bands haben (angeb). Das könnten wir wirklich stärker ins Auge fassen. Andererseits ist die Notwendigkeit dazu wieder gar nicht so stark gegeben, kann man doch heute die Musik eines jeden Nachwuchsfuzzis auf Myspace bis zum Abwinken kennenlernen.

Ich denke, die meisten Leute gehen eben doch lieber zu Bands, die sie kennen und deren Fans sie sind. Und das ist in Ordnung so, immerhin kosten Konzerte Geld. Aber man könnte die Vernetzungen noch verbessern: Das gezielte Aushängen von Konzertplakaten in szeneaffinen Plattenläden ist ne gute Idee, das Schreiben von Rezensionen zu Bands, die gerade touren auch, ich denke aber auch, dass Projekte wie die von Portnoy, die Musiker verschiedener Bands zusammenbringen, viel bringen und auch eine kluge Auswahl von (bekannten und weniger bekannten, stilverwandten und -fremden) Bands für die Festivalbühnen noch mehr Potenzial haben könnte als jetzt schon.

Ja, das mit dem "Toursupport" durch die BBS ist eine gute Idee. Durch zeitlich abgepasste Reviews oder gar "Tipp des Monats"-Auszeichnungen (natürlich nur da, wo sie auch gerechtfertigt sind!) könnte man sicher einiges an zusätzlicher Publicity für eine Tour oder ein Festival erreichen. Auch Vorabberichte in Magazinen und v.a. lokalen Zeitungen können da wertvoll sein, daher find ich's immer etwas blöd, dass die in der Regel viel mehr Wert auf Nachberichte legen - da hat doch letztendlich sowohl der Künstler als auch der für Konzerte offene Leser weniger von, oder seh ich das falsch? Lieber informiere ich mich doch über all das, was mir zur Wahl steht, als nachher zu lesen, was ich alles verpasst habe. Hmmm...

Zu deinen anderen Anmerkungen: Was man Portnoy vor allem nicht hoch genug anrechnen kann, ist der Support für kleinere Bands - da versagen die ganzen Altmeister fast durch die Bank (meist gibt's gleich gar keine Vorgruppe), während 'ne Tour im Vorprogramm von DT für so manche jüngere Band den Durchbruch bedeutete. Man schaue sich nur mal an, was heute die größeren Namen des modernen Prog sind und wer so um die Jahrtausendwende herum mit DT auf Tour war: Spock's Beard, Porcupine Tree, Pain of Salvation... das ist kein Zufall!

Spannend wäre natürlich auch ein Netzwerk von kleinen aber feinen Plattenläden (insbes. in Großstädten) die der Szene helfen, indem sie Poster aushängen und wo die Chance besteht, daß die Werbung dort auf fruchtbaren Boden fällt.

Evtl. hülfe es auch, sich veranstaltungsübergreifend ne Art gemeinsame graphische Identität (mein Verkehrsminister hat gesagt: keine Anglizismen! :) ) zuzulegen um so ein Gütesiegel zu schaffen.

Die Besucherzahl des letztjährigen Night of The Prog Festivals fand ich gar nicht so schlecht.
Es hätten zwar ein paar Leute mehr sein können, aber so verloren, wie man nach den obigen Kommentaren meinen könnte, kam ich mir dann doch nicht vor.
Eine positive Erfahrung habe ich letzten Sonntag bei dem "Pendragon"-Konzert in Oberhausen gemacht.
Vor drei Jahren, anlässlich des 30-jährigen Bandjubiläums, kamen in die gleiche Lokalität ca. 150 Leute.
Dieses Mal waren es ca. 450 Besucher.
Wie ich finde eine schöne Steigerung.
Ich bin übrigens gerade kurz vor der Abfahrt zum "Pallas"-Konzert in die Zeche Carl in Essen.