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Keith Emerson gestorben

Wieder ist ein großer Musiker abgetreten: Keith Emerson, Gründer von The Nice und Emerson Lake & Palmer, ist am 10. März im Alter von 71 Jahren im kalifornischen Santa Monica gestorben. Eine Todesursache wurde noch nicht bekanntgegeben, laut dem Artikel wird Selbstmord nicht ausgeschlossen.

Es ist bestätigt: Das Santa Monica Police Department sagte, der Tod sei durch einen Kopfschuss eingetreten, den Emerson sich selbst zugefügt hat.

Mit Keith Emerson starb heute einer der Begründer unseres Genres Progressive Rock: Emerson gehörte einer der ersten Progbands der Geschichte an: The Nice. Schon diese Band wies all jene Charakteristika auf, die den Prog bis heute prägen: Musikalisches Können, das den Musikern, allen voran Emerson, nicht nur virtuoses Spiel erlaubte, sondern auch das durch immense Abenteuerlust und Experimentierfreude geprägte Durchbrechen der (damals wie heute engen) Grenzen der populären Musik. Zum Beispiel durch das Komponieren von Longtracks (Five Bridges, Tarkus, Pirates, The House of Ocean Born Mary), durch strukturelle, harmonische oder metrische Komplexität (in Tarkus allein gibt es mehr Metren als im Gesamtwerk Neal Morses), durch das Aufgreifen anderer, rockfremder Musiken (Jazz in Hang on to a dream, Klassik in Ars Nova Vita Brevis, Avantgarde in Toccata und Iron Man, Minimal Music und indischer Raga in Infinite Space, Filmmusik in Pirates Music-Hall und Konky Tonk in The Sheriff, Benny the Boucer oder The Gambler) oder das Verwenden neuer und neuster Instrumente und sonstiger Technik, die neue Klänge und neue Hörerfahrungen ermöglichten.

Emersons Anliegen war dabei eine ernsthafte, aber immer humorig-ironisch reflektierte Auseinandersetzung mit seiner musikalisch-stilistischen Vor- und Umwelt. Sicher suchte er nach Möglichkeiten zur Aufwertung der eigenen Musik, und auch der Rockmusik insgesamt durch den Anschluss an diese anderen Musikrichtungen, aber auch das Spiel mit (selbst)referenziellen Verweisen, intertextuellen Bezügen und (manchmal durchaus platter) Humor waren ihm nicht fremd.

Emerson brachte mit Hilfe dieses Durchbrechens von Hörgewohnheiten (die übrigens immer noch die Hörgewohnheiten auch jüngster Pop- und Rockhörer sind) uns Proghörern bei, Musik nicht einfach passiv auf uns einwirken zu lassen, sondern sie aktiv, aufmerksam und interpretierend zu hören. Wir waren dadaurch beeindruckt von seinem Können und der Virtuosität, von seiner ungewöhnlichen Kühnheit und Fortschrittlichkeit - und sind es bis heute. Wir bekamen aber auch etwas beigebracht: Emerson eröffnete uns Wege in die Klassik, in die Avantgarde, in den Jazz, er zeigte uns, was man mit Musik, mit Rockmusik alles machen kann - nämlich alles, wenn man's denn kann. Und Emerson führte uns vor, dass Können nicht uncool sein muss, sondern auch einem Rockmusiker erst die Möglichkeit gibt, all seinen Ideen, auch den komplexesten, Ausdruck zu verleihen.

Doch Emerson war mehr als das. Auch wenn viele heute den Progressive Rock mit einem bestimmten Sound assoziieren, einem 70er-Jahre-Sound, so war der Progressive Rock doch nie zeitgebunden oder gar nostalgisch. Ganz im Gegenteil: Echter Prog war seit den Anfangsjahren immer zukunftsorientiert. Die ersten Progmusiker, allen voran Keith Emerson selbst, nutzten jedes neue Equipment, oft sogar noch bevor es auf den Markt kam: Keith Emerson besaß einen der ersten Moog-Synthesizer und stand in engem Kontakt mit Robert Moog, wenn es um die Weiterentwicklung des Instruments ging. So benutzte er als einer der ersten den Moog Apollo, den ersten polyphonen Synthesizer der Welt und regte die Entwicklung der von Moog eigens konstruierten Synth-Drums an. Emerson war auch der erste, der den Moog-Synthesizer auf der Bühne, bei Konzerten einsetzte - dafür war er nämlich eigentlich gar nicht gedacht gewesen. 1977 präsentierte Emerson das damals teuerste Keyboard der Welt, den Yamaha GX-1. ELP waren zudem Pioniere der Quadrophonie.

Doch sein Fokus richtete sich nicht nur auf die technische Aufrüstung. Nach den Beatles und zusammen mit Leuten wie Jon Lord oder den Moody Blues war er einer der ersten, die mit einer gewissen Ernsthaftigkeit versuchten, Rock und Orchestermusik miteinander zu kombinieren. Frühe Beispiele sind Ars Nova Vita Brevis und Five Bridges, spätere sind Pirates und Three Fates.

Keith Emerson war aber nicht nur Rockmusiker. Seine Versuche als Komponist von Orchestermusik sind ebenso umstritten wie legendär, allen voran das Piano Concerto No 1. Er schrieb aber auch Filmmusik, darunter der großartige Soundtrack des Horrorfilms “Inferno”, die Musik zu dem Stallone-Film “Nighthawks” und die bis heute viel zu unbekannte Musik zu einer Iron Man-Zeichentrickserie, die erneut seine Vorbilder aus der klassischen Musik aufscheinen ließ - diesmal Bartók, Strawinski und Holst.

Keith Emerson war einer der Erfinder des Progressive Rock, ein Pionier der musikalischen Technologie, ein Pionier der Klassik/Rock-Crossover-Projekte, Virtuoser Pianist und Keyboarder, er erweiterte die Grenzen der Rockmusik, er war Rocker, Honky Tonk Pianist, Filmmusiker, Jazzer und klassischer Komponist, vor allem aber war er eines: Ein Link aus der Vergangenheit in die Zukunft: Seine musikalischen Wurzeln reichten zurück in die Barockmusik, in die englische Spätromantik und in die klassische Moderne, er griff mit Minimal Music und Stücken etwa von Ginastera Musiken seiner Gegenwart auf, er wies aber auch weit über sich und die 70er Jahre hinaus: Er prägte dem Progressive Rock seine starke Orientierung an moderner Technik ebenso auf wie seinen Blick in die Zukunft, und er prägte und prägt bis heute den Sound und den Stil vieler junger Bands. Darunter sind, um nur einige zu nennen, Niacin, Pär Lindh Project, Ars Nova, Jordan Rudess, The Tangent, After Crying, Ruins, Wobbler, Steamboat Switzerland, The Psychedelic Ensemble, Kotebel, Don Airey, Oozing Goo, Accordo dei Contrari - und ganze Generationen italienischer Bands.

All das sollte man nicht vergessen, wenn in den nächsten Tagen vornehmlich von Dolchen, rotierenden Konzertflügeln und "Lucky Man" die Rede sein wird. Ruhe in Frieden, Keith.

Wow, Nik, danke.

[13.03.2016] Nun, ob diese umfangreiche Darstellung von Emersons Schaffen und Wirken hier wirklich helfen kann und soll, zu erkennen, wieviel Musikgenuss man ihm verdankt, mhm? Vielleicht. Vielleicht nur in Details. Die immense Bedeutung von KE und keineswegs nur seine Virtuosität sind seit Jahrzehnten deutlich und kaum bestreitbar; zumindest unter Leuten, die hier lesen und schreiben. Sogar, wenn sie wie ich mit Emerson bzw. ELP nie richtig warm geworden sind.

Sicher werden sich einige jetzt wieder einiges von KE anhören, Tarkus etwa; wenn man's schafft, mit und ohne konkrete Wahrnehmung der vielen Metren. Ja, Nik als m.E. bedeutenster Emerson/ELP-Verehrer und -Erklärer hier und auf den BBS, wird dabei ein Rolle spielen. Musik hört sich immer mal wieder anders an, nachdem man Niks Ausführungen verarbeitet hat.

Mir fällt es aber schwer, mich dem doch recht un-progressiven 'Ruhe in Frieden' anzuschließen. Nicht nur, weil das impliziert, dass da noch jemand existiert, der Ruhe und Frieden genießen kann und will. Auch weil das letztlich sehr oft - gewollt/bewusst oder nicht - die Bedeutung hat: 'Ruhe und lass mich in Frieden!'. Und ich finde, da sind auch noch einige Fragen offen, zumindest möglich; u.a.:
Was war da los? Wieso hat er sich erschossen? Wie hat er seine Bedeutung in den letzten ca. 20 (35?) Jahren erlebt? Und wie bedeutsam war das für ihn? Ging's ihm sau-schlecht; "nur" wegen der schlimmen Hand? Wäre was zu ändern gewesen? Wie? Geht's anderen Prog-Urgewalten - und davon war KE fraglos eine der größten -, von denen man nicht mehr viel (relevantes) erfährt, schlecht? Wer von denen - inkl. KE - findet "Ruhe in Frieden" erstrebenswert, würde das in seinem Nachrufen lesen wollen? Wem könnte evtl. wie geholfen werden? Phil Collins vielleicht? Wie geht's Nik jetzt, der mit soviel Aufwand und m.E. Leidenschaft KE/ELP erschlossen, erklärt und verfochten hat?

Also ich hoffe, dass einige dieser oder ähnlicher Fragen noch beantwortet werden. Das kann sehr wohl helfen, KE und seine Musik neu zu verstehen und (er)neu(t) zu erleben sowie erbaulich ins große Ganze einzuordnen. (Sicher mögen es sehr viele Künstler, wenn viele sie und ihre Werke in ihr großes Ganzes einordnen.) Und weil mich damals Zappas Tod doch ziemlich angeschlagen hat, hoffe ich, dass alle, denen Keith Emerson ein großes Idol war, natürlich auch alle, die ihm richtig nahe waren, nicht allzu lange allzu sehr leiden.

Tut mir übrigens leid wegen der ganzen Fehler in dem Text. Ich hab ihn morgens um 7 geschrieben... Wie dem auch sei: Er ist gelockt und ich kann ihn nicht mehr überarbeiten.

Hallo Nik! Zminz mich haben da keine Fehler gestört. (Evtl. muss ich mir aber noch eine Tüte Deutsch kaufen. Die soll ja schon vielen gehelft haben.) Dein 7-Uhr-morgens-Text hat m.E. alle die Qualitäten, die zumindest Deine ernsten Texte/Rezen grundsätzlich haben - wasserdicht recherchiert sowie schlüssig und mit Aha-Momenten formuliert. Dieser hier taugt m.E. sogar gut zur Einführung in die Musik von KE und ELP. Evtl. wäre er als 7-Uhr-abends-Text näher bzw. betroffener am/vom schlimmen Ereignis ausgefallen. Was aber diesen Tod von Emerson für wirklich betroffenene nicht unbedingt leichter gemacht hätte. Daher, wie Du's öfter zusammen fasst: Bassd scho.

Danke Nik! Mehr kann/soll man im Moment nicht sagen. Danke!

Mittlerweile gibt es mehr Informationen.

Emerson hatte keine leichte Zeit gehabt. Er litt an einer Herzkrankheit und an Alkoholismus, der bei ihm auch noch eine Depression ausgelöst hatte. Die chronischen Nervenschäden in seiner Hand wurden in letzter Zeit wieder schlimmer - ausgerechnet kurz vor einer neuen Tournee. Emerson muss sich mit großen Sorgen gequält haben, so seine Partnerin Mari Kawaguchi, die auch seinen Leichnam entdeckte. Er hatte Angst, seine Fans zu enttäuschen:

"His right hand and arm had given him problems for years. He had an operation a few years ago to take out a bad muscle but the pain and nerve issues in his right hand were getting worse." sagte sie. "He didn't want to let down his fans. He was a perfectionist and the thought he wouldn't play perfectly made him depressed, nervous and anxious." Und weiter: “He had concerts coming up in Japan and even though they hired a back-up keyboard player to support him, Keith was worried. He read all the criticism online and was a sensitive soul. Last year he played concerts and people posted mean comments such as, ‘I wish he would stop playing.’ He was tormented with worry that he wouldn’t be good enough."

Die Tour war Emerson wichtig gewesen, es sollte seine letzte sein. Er hatte vor, sich danach zur Ruhe zu setzen.

Inzwischen hat Carl Palmer angekündigt, dass es später im Jahr ein Tribute-Konzert geben wird, das er organisiert: "This I feel, is the very least I can do to honour Keith's talent and musicianship in the best way I know."

Lass es donnern, Carl.