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"Progressive Rock. Die Ernste Musik der Popmusik" in neuer Auflage


(Aktuelle) Literatur zu Progressive Rock ist fast noch wundersam seltener als die Musik selbst, zumal in deutscher Sprache. Das jüngste Buch von Bernward Halbscheffel ("Progressive Rock") ist in der ersten kleinen Auflage bereits verkauft, obwohl es von der allgemeinen Presse (wie ja der Prog meistens) komplett ignoriert worden ist.

Mittlerweile gibt es einen durchgesehenen Nachdruck, in dem einige Versehen und Druckfehler beseitigt wurden. Das Literaturverzeichnis ist neu geordnet worden. So können nun also auch jene Interessierten zum Zug kommen, welche die erste Auflage glatt verpasst haben.

Eine ausführliche Rezension zum Buch ist auf den babyblauen Seiten erschienen (einfach den Link bei "Quelle" benutzen).

Ich habe wohl noch eines der letzten "alten" Exemplare bekommen. Den historischen Abriss und das Kapitel über den "anhaltende[n] Ton" habe ich mit Interesse gelesen und freue mich darüber, dass da mal jemand etwas intensiver an das "Phänomen Prog" herangeht. Da habe ich die vielen orthographischen Mängel gerne in Kauf genommen.

Besonders scharf allerdings war ich auf die Analysen der klassischen Progsongs. Angefangen habe ich mit "Supper's ready" - und war schon nach den Ausführungen zu "Lover's leap" angenervt. Man könnte sicherlich darüber streiten, was eine Analyse leisten soll / kann. Ich persönlich finde einige Ausführungen von der Zielsetzung her nicht ausreichend klar, an einigen Stellen hätte ich Vertiefung erwartet, während andere Ausführungen m.E. überflüssig / wenig zielführend sind. Aber: Da sind leider inhaltlich auch richtige Fehler drin. Da stimmen z.B. Taktzahlen / -arten und Notenwerte nicht. Seitdem ich das bemerkte, liegt das Buch nur noch rum. Ich hatte wirklich gehofft, dass da mal jemand richtig was Anregendes rausschält.

Weiß jemand, ob bei den Analysen noch was Lohnenswertes dabei ist? Und ob da inhaltlich vor dem Nachdruck auch noch Korrekturen vorgenommen wurden?

Hi Townman!

In der Neuauflage wurden lediglich Tippfehler korrigiert und das Literaturverzeichnis umgestellt. Inhaltliche Änderungen gibt es da keine (s. auch meine BBS-Rezension).

Was die Fehler angeht: Wer etwas macht, macht Fehler, klar, andererseits sind gerade Dinge wie Takt oft Ermessensfragen. Ich denke, einen 600seiter aus der Hand zu legen, weil in einem Kapitel ein paar Fehler sind, ist ein bisschen überzogen. Aber sag doch mal, wo siehst/hörst du denn diese Fehler? Ich seh's mir gerne mal an.

Na ja, also wenn ich schon beim ersten Part des ersten Songs einen schlechten Eindruck gewinne, dann macht das nicht gerade Lust, seine Zeit damit zu verbringen, die Analyse erstmal zu korrigieren, bevor dann klar wird, dass Halbscheffel sowieso gar nicht so viel Gehalt daraus zieht.
Damit ich nicht falsch verstanden werde: Das sind keine Vorwürfe. Dass da jemand so viel reinsteckt, ist mir absolut sympathisch und freut mich. Aber es zeigt erneut, wie wenig Anspruch im Rockbereich hinsichtlich der Analyse musikalischer Beschaffenheit des publizierten Gegenstands zu finden ist.

Im Einzelnen (ich beziehe mich auf S.454ff.):

1.Die Takteinteilung des Refrains geht ab der Mitte klar an den wirklichen „Einsen“ vorbei. Eine solche ist unzweifelhaft auf dem Wort „true“. Bei Halbscheffels angenommenen Vierteln = 66 bedeutet das für den Refrain: Takte 1-2 im 4/4, T.3 im 3/2, T.4-6 im 4/4 (die letzten beiden Takte würde ich dabei gar nicht mehr dem Refrain zurechnen, weil es eine deutliche Hinwendung, also eine Überleitung, zur 2. Strophe ist). Es wären demnach ein 4-taktiger Refrain + 2 Takte Überleitung. (S.454)

2. Beim 2. Refrain übersieht Halbscheffel, dass die Überleitung hier fehlt („Takte 5-7 nur instrumental“ gehört gestrichen). (S.454)

3. Die nachfolgende Bridge umfasst nicht 5, sondern 6 Takte (S.455 oben).

4. Halbscheffel nimmt an, Gabriel könne eventuell die „I’ve been so far from here“-Zeile nicht selbst gesungen haben. Dafür gibt es klanglich für mich überhaupt keinen Anhaltspunkt. Ich halte es schlicht für falsch. (S.455 unten)

5. Die im Notenbeispiel (S. 456) angeführte Keyboardfigur besteht nicht aus Sechzehnteln, sondern eindeutig bei den von Halbscheffel angenommenen Vierteln aus 1/32steln.

6. Halbscheffel nimmt an, Tony habe kurz vor Beginn von Part 2 mit dem Mellotron einen „verrauschte[n] Klang beigefügt“. Davon ist jedenfalls mit meinem äußerst bescheidenen Equipment nichts zu hören. Vielmehr erscheint an dieser Stelle eine (eingeblendete?) Akkordgitarre als neues Element. Sofern mir hier kein 5.1-Junkie glaubhaft macht, dass vielleicht doch auf irgendeinem Kanal ein leises Mellotron zu hören ist, sehe ich diese Zuordnung als klangliche Verwechslung an.

Für gerade mal 3 Buchseiten sind mir diese Fehler eindeutig zu zahlreich. Da müsste der Anspruch auf Genauigkeit und Gründlichkeit – finde ich – höher sein.

Darüber hinaus gibt es aber eben auch noch inhaltliche Fragwürdigkeiten (z.B. hinsichtlich der Analyse von „Syllabik“ und „Melismatik“ auf S.457) und letztlich bislang bei mir auch die Irritation, welche Zielsetzung Halbscheffel hier verfolgt. Für meine Begriffe schmeißt er hier – etwas pointiert gesagt – einzelne Analyseaspekte zusammen, ohne dass sie eine überzeugende inhaltliche Stringenz aufweisen. Es wirkt eher willkürlich aufzählend als planvoll strukturierend.

Hi Townman!

Puuuh, das sschaffe ich nicht. Melde dich doch einfach direkt bei Halbscheffel, der ist sehr nett und schreibt Dir sicher zurück. Einfach über seine Website, da erreichst du ihn.

Gruß,

Nik

Ich habe das nur geschrieben, da du zuvor Interesse signalisiert hattest. Was meinst du denn mit "schaffe ich nicht"? Ich dachte eigentlich, dass du einfach nur drauf gucken wolltest, welche Art von Fehlern da zu finden sind. Oder was hattest du noch damit vor?
Halbscheffel zu kontaktieren, sehe ich wenig Veranlassung. Der wird doch nicht noch einen Nachdruck machen lassen, oder hältst du das für möglich?

Ich meinte, ich würde dem gerne nachspüren, aber zur Zeit lässt meine Zeit das nicht zu. :-( Und an Halbscheffel habe ich dich verwiesen, weil der halt einfach der kompetenteste Mensch ist, was sein Buch angeht. Eine Disku mit ihm ist ist immer interessant!

Gruß,

Nik

Nach langer Zeit dann doch noch eine Antwort darauf: Da ich mich das erste Mal im Leben intensiver mit King Crimson beschäftige und andere daran auch teilhaben lasse, habe ich doch noch einmal Halbscheffels Buch bemüht.
Ich kann mir nicht helfen, aber mir scheint u.a. sein Vorhaben von der Masse des zu Bewältigenden her zu groß gewesen zu sein. Ich stolperte gestern erneut nach wenigen Zeilen. So schreibt er zu "In the court of the crimson king": "(...) selbst das Cover, so beeindruckend es ist, zeigt keinen Bezug zu der auf der LP enthaltenen Musik." (S. 74f.)
Ich weiß: Man muss es ja nicht so sehen, dass der "21st century schizoid man" auf dem Cover prangt. Aber es gibt ja zumindest Internetquellen, die den Umstand schildern, die Band selbst habe sofort genau (!) diese Verbindung zwischen Barry Godbers Bild und dem Song gesehen. Dazu kommt, dass der "Wahnsinn" im Sinne von (geistiger) Verwirrung und Desorientierung ja fast schon leitmotivischen Charakter für zumindest die erste Seite des Albums hat. Das Gesicht kann ja sogar gut begründbar als Personifikation derjenigen Gegenwartskrise gesehen werden, die in den ersten drei Songs (ich würde noch weiter gehen) deutlich thematisiert ist. Ich finde Halbscheffels Aussage hier ein weiteres Mal zu leichtfertig getätigt.

Weshalb ich das schreibe: Ich werde deinem Hinweis nun doch folgen und eine Nachricht auf der Website hinterlassen, wenn es geht. Sonst bekäme ich doch ein etwas merkwürdiges Gefühl, wenn ich erneut an dieser Stelle nur herummäkele. Mich stört, wie gesagt, nicht ein Fehler an sich, aber eine Menge Fehler und unbegründeter / fragwürdiger Aussagen auf engstem Raum dann schon.

Schlechter Stil, dass ich mir selbst antworte. Nee, ist keine Antwort, sondern nur eine Ergänzung. Ich möchte noch zwei Dinge relativieren: Zum einen wurde der "Supper's ready"-Abschnitt mittlerweile in den neueren Ausgaben des Buches offenbar gegen eine korrektere Fassung ausgetauscht. Zum anderen möchte ich hier betonen, dass es sich bei Halbscheffels Buch womöglich um das ambitionierteste publizistische Unterfangen in deutscher Sprache über das 'Phänomen Prog' handelt. Ich kann natürlich nicht ermessen, was es bedeutet, so ein umfang- und inhaltsreiches Buch im Eigenverlag herauszubringen, aber es nötigt mir von daher schon einmal viel Respekt ab.
Meine Kommentare zum Buch sollten keine Gründe für jemanden sein, es nicht zu erwerben. Wie gesagt, es dürfte den hiesigen Bereich so umfassend wie kein zweites behandeln und weist sicherlich eine Reihe von Stärken auf. Wer dafür empfänglich ist, sich auf der Basis einer gesunden Quellenlage und sehr vieler konkreter Beispiele mit dem "Wesen" von Prog zu befassen, der hat hier wirklich viel Stoff.