Progparade 1 - Bonn, Klangstation
04.12.1999
Scythe - Brightness Falls - Zenobia - No Name

Als sich vor einem guten halben Jahr ein paar Progfans im Netz zur Progrock-dt-Mailing list zusammenfanden, schlug jemand vor, man könne doch ein gemeinsames Festival organisieren. Natürlich waren alle (wie auch ich) sofort Feuer und Flamme, doch wahrscheinlich dachten alle andererseits auch (wie ich), daß das eh nichts wird...

Nun, die Planungen begannen trotzdem, und als dann schon vier Bands aus den Reihen der Liste sich bereiterklärt hatten, für einen Hungerlohn zu agieren, als Sponsoren (Mitglieder von Progrock-dt - Privatpersonen!) aus dem Nichts erschienen, als plötzlich auch ein Veranstaltungsort gefunden wurde, da wurde die PROG PARADE doch immer wahrscheinlicher - und so fanden sich am 4.12. in Bonns Klangstation vier Bands und ca. 150 Zuhörer ein.

SCYTHE begannen um 19.00 Uhr mit einem Set, der zur Hälfte aus dem Material ihres Debuts "Each Other" bestand, zur Hälfte aber auch neues Liedgut beinhaltete, das auf der nächsten CD zu hören sein wird. Enthusiastische Reaktionen aus dem Publikum begleiteten jedes Stück, und mit ihren "vertrackten, aber melodiösen und immer absolut stimmigen Kompositionen" (Alex Fischer / Zenobia) sorgten die Trierer für wahre Begeisterungsstürme. Als Höhepunkte in einer überzeugenden "Mannschaftsleistung" sollten wohl Udo Gerhards virtuos-jazzige E-Piano-Improvisationen ("Weight of the Wind", "Run") und der Funk-Fingers-Bass von Ingo Roden ("Discussed") genannt werden. Beim magnum opus "One Step Further" brachte dann ein Gastauftritt von Sängerin Kathrin Widmann das Publikum vollends außer Atem: Die Operndiva colorierte Improvisationen zwischen Maria Callas und Aretha Franklin über die von den SCYTHEies z.T. a capella dargebotenen Refrains - nicht nur ein Mund stand im Auditorium weit offen. Ein sehr gelungener, mitreißender Auftritt des "Geheimtips der Szene" (Sal Pichireddu)!

Es folgten BRIGHTNESS FALLS, die vor allem durch ihren Fripp-geschulten Gitarristen und Sänger Gerd Weyhing zu einem improvisatorischen Erlebnis gereichten. Oft wachsen bei der Alzeyer Band Soundscapes in Songs, oft sind Strukturen nur angedeutet, um dann in einen Niagarafall aus Emotionen aufzugehen, immer wieder zusammengehalten von Weyhings eindrücklichen, sich nicht um technisch-theoretische Richtlinien kümmernden Vocals. Höhepunkt ihres Sets war aber trotz allen musikalischen Eigentalents sicher ihre Killer-Version des Crimson-Klassikers "Starless", bei dem man keinen der blutroten Könige auf der Bühne vermißt hat. Auch BRIGHTNESS FALLS sollte Kultstatus in der Szene sicher sein, und, wie ein Besucher bemerkte, es war der Skandal der ProgParade, daß von ihnen kein Demo-Material erhältlich war.

ZENOBIA aus Berlin brachten uns nach den eher düsteren Klängen ihrer beiden Vorgänger zurück auf die Sonnenseite des Progs. Mit melodiösen, lebhaften Songs in teilweise sehr überraschender Struktur (Wer rechnet denn mit einem Reggae mittendrin?!) und mal witzigem, mal druckvollem Arrangement brachten sie das Publikum zum Mitgehen. Uwe Haaß' Stick hierbei sorgte nicht nur für optischen Hochgenuß; sein Solo im Titellied der letzten CD "October" rundete dieses melancholische Stück zu meinem Lieblingspart eines geschlossenen und souveränen Gigs ab. Hier kamen vor allem Freunde eines an melodiöser Eingängigkeit orientierten, aber nicht auf Wiederholung alter Klischees ausgerichteten und nach allen musikalischen Seiten hin offenen SymphoProg auf ihre Kosten.

NO NAME als TopAct hatte es schwer, die vorangegangenen Bands tatsächlich zu toppen, und so darf es als Kompliment für die Luxemburger "Alten Hasen" gelten, das hohe Niveau des Abends gehalten zu haben. Musikalisch ganz klar dem Neoprog verhaftet, erfreuten NO NAME ihre Fans mit Kompositionen, die man als Kreuzung zwischen IQ, Jadis, Marillion und Arena bezeichnen könnte. Besonders Patrick am Mikrophon war immer wieder Mittelpunkt des Interesses und wußte mit seiner charismatischen Bühnenshow das Publikum zu fesseln. Überhaupt schienen die Jungs Spaß an ihrer Musik zu haben, den wegen doch schon arg fortgeschrittener Uhrzeit nicht mehr ganz so viele Zuschauer miterleben konnten. Trotzdem gab es hier einen würdigen Abschluß einer großartigen Veranstaltung zu erleben.

Man darf die erste PROG PARADE also uneingeschränkt als Erfolg bezeichnen; an dieser Stelle soll aber auch nicht unerwähnt bleiben, daß dieser nur möglich war durch die freundliche Unterstützung durch Artikel und Promomaßnahmen in den einschlägigen Zeitschriften. Und so steht die PROG PARADE jetzt als Beispiel dafür da, was möglich ist, wenn die Szene weiterhin der Tendenz zu allgemeiner Solidarisierung und gegenseitiger Hilfe nachgibt: Ein toller Abend mit hervorstechend guter Musik, gut gelauntem und sehr dankbarem Publikum, organisiert von Fremden via Internet, die durch das Ziehen am gemeinsamen Strang inzwischen zu Freunden gereift sind.

Thomas Thielen, 12.12.99

 

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