Progparade 2 - Darmstadt, Glaskasten der Uni
09.12.2000
Gerd Weyhing - Scythe - Esthetic Pale - Sfumato

Ja, ist denn schon ein Jahr vorbei? Zum zweiten Mal veran-staltete die deutschsprachige Mailing List zum Thema Prog, die [progrock-dt] ihr eigenes Festival mit Bands aus dem progressivem Underground. Nach Bonn '99 traf man sich also dieses Mal an der FH in Darmstadt, genauer gesagt im Glaskasten dieser, einer großen, hohen Location mit erstaunlich guter Akustik. Möglich gemacht wurde diese Veranstaltung, dieses wie letztes Jahr, durch den persönlichen und finanziellen Einsatz einzelner Listenmitglieder, nicht zuletzt durch unseren rasenden Konzertreporter und Interviewer Sven Schmidt, der durch seinen unermüdlichen Einsatz vor Ort wesentliche organisatorische Aufgaben erledigte und so nebenbei nur haarscharf an einem mittelschweren Nervenzu-sammenbruch vorbeischrammte. Unfassbar, was nicht alles in letzter Sekunde passieren kann und unglaublich, dass alles dann doch so vorzüglich geklappt hat.

Zum Warm-Up spielte Gerd Weyhing, seines Zeichens exzellenter Virtuose an der e-Gitarre (sein Soundscapes-Debüt „The Inside World" fand zu Beginn des Jahres einige Beachtung), einige Soundscapes, (virtuell) begleitet von osteuropäischer Chormusik. Nervosität und Abstimmungsprobleme machten sich sofort bemerkbar, doch Weyhing biss die Zähne zusammen. Einmal die Soundprobleme überwundern, steigerte er sich in ein immer hypnotischeres Spiel. Weyhing, der im letzten Jahr auf der ProgParade ein umjubeltes Konzert mit seiner Band Brightness Falls gegeben hatte, hatte aber noch eine Überraschung auf Lager. Er verließ das Terrain der Soundscapes (die wohl ohnehin für ein spezifischeres Publikum geeignet sind) und spielte, quasi im Alleingang (mit vielstimmiger Midi-Unterstützung) den Longtrack "ContraFlow" ein, ein orgiastisches, sich ins Unendliche steigernde Stück, dass – man kann es kaum glauben – viele Jahre in Weyhings Schublade herumlag, weil sich seine Bands stets geweigert hatten, ein Stück mit solch orchestralen Ausmaßen zu spielen. Die Skeptiker, die gelangweilt bei den Soundscapes ihr Heil in der Theke suchten ("is` mir echt zu kompliziert, so `was kapiere ich nicht"), beeilten sich nun wieder an die Bühne zu kommen, so unglaublich war das, was der Tüftler da mit wenigen Mitteln produzierte.

Als erste richtige Band des Abends betraten wiederum alte Bekannte der ersten Ausgabe der ProgParade die Bühne. Scythe steht derzeit kurz vor der Veröffentlichung ihres Debüts "Divorced Land" und haben im vergangenen Jahr hart an sich gearbeitet. Viel professioneller und ausgereifter wirkt die Band um Frontmann Thomas Thielen nun, dieser selbst wirkte auf der Bühne souverän, charismatisch, ein ganz großes Talent in der deutschen Szene. Das Konzert des Quartetts war superb und das Publikum reagierte strecken-weise geradezu euphorisch. Scythe ist wie vielleicht keine zweite Band mit der [progrock-dt] verbunden und so nutzte die Band diesen Heimvorteil aus, um befreit aufzuspielen. Der besondere Reiz der ProgParade, das gemeinsam von Fans und Musikern organisierte Festival, hatte längst die meisten Anwesenden erfasst (hinterher sollten sich ein paar notorische Nörgler finden), schaute man sich im Publikum um, so waren alle gebannt von den Sensemännern. Zurecht, denn ohne jeden Zweifel, war das, was die Jungs produzierten, allererste Sahne. Longtracks wie "One step further", "Am I really here?", das unglaublich – sorry den Ausdruck – groovende "Run", vor allem aber ihr Meisterwerk "Denied" erzeugten beim Zuhören (vielleicht auch beim Spielen) eine Gänsehaut. Der in der Vergangenheit nicht unumstrittene Thielen an den Lead Vocals konnte vollends überzeugen, mehr noch, er bewies (denjenigen, die Ohren haben, um zu hören, um zu verstehen), dass er zu den technisch versierten und ausdrucksstarken Sängern der New Wave of Prog hier in Deutschland gehört. Schwer einen der Instrumentalisten besonders hervorzuheben, waren doch alle in Topform (der unglaublich klug agierende Tastenmann Udo Gerhards etwa, der den Sound der Band nicht in wakeman'scher Tradition mit Synthetik zukleistert, sondern seine Sound klug in die Komposition einbettet – ebenfalls grandios Martin Walter am Drumkit, der geradezu furios aufspielte... ach glaubt mir, sie waren alle mehr als gut, Ingo Roden am Bass ebenso wie Thomas Thielen an den Gitarren). Nach einer guten Stunde verließen die Jungs die Bühne und sie hatten es den nachfol genden Bands sehr, sehr schwer gemacht, auf diesen Set noch `was draufzupacken.

In Wirklichkeit spielten zwar alle Akteure exzellent, doch die Magie Scythes konnte nicht mehr überboten werden – dafür glänzten Scythes Nachfolger Esthetic Pale durch maximale Professionalität und einer einzigartigen Mischung aus fantastischem, zweistimmigen, hochmelodischem Gesang (geilo-meilo: Melanie Auer und Katarina Nonhebel) und der kantigen Gitarre des Kopfes Matthias "Petrucci" Ibelshäuser. Die Songs, die zum Großteil von ihrem neuen Album Hope stammten, wurden mitreißend dargeboten – die Stimmung, die Pale produzieren konnten, war nicht zu überbieten. Besonders im zweiten Teil des Sets (als die Band das Publikum mit seiner Musik verzaubert hatte) war ein grandioses Erlebnis. Fans der in der Pfalz beheimateten Band skandierten Pe-tru-cci-Pe-tru-cci – Sprechchöre und feuerten den Saitenmeister Ibelshäuser an. Die erste Reihe tanzte und headbangte am Ende des Gigs gleichermaßen – wer hat so etwas schon einmal auf einem Prog-Konzert gesehen?

Den Abend beschloss die hessische Formation Sfumato um Drummer (und rasenden Konzertreporter und Interviewer) Sven Schmidt und dem exzellenten Sänger Marcus Dörr. Wegen der üblichen Verzögerungen konnten die Sfumatisti erst zur Geisterstunde loslegen, doch sie meisterten ihre Aufgabe mit Bravour und verstanden es die vielleicht schon etwas müden Fans mit einem überzeugendem Auftritt noch einmal so richtig wachzurütteln. Schade, dass am Anfang des Konzerts die Keyboards den Sound der Band zukleisterten (Warum muss sich Marcus Dörr hinter den Keyboards verstecken? Ich bin sicher, dass er auch nur mit einem Mikro in der Hand überzeugen könnte). Später wurde der Sound der Band dann ausgewogener. Höhepunkte gab's reichlich, die wunderschöne Ballade "Spleen" etwa, das treibende "Wrong!" oder das epische "Jake, the Grain" (Ein unglaublich ausdrucksstarker Dörr mit seinen stärksten Vocals und ein fantastischer Roger Klambauer am Bass). Überhaupt muss man sagen, dass die Band sich seit ihrem "Demo 1999" stark weiterentwickelt hat. Ohne jeden Zweifel hat sich Sfumato damit für weitere Heldentaten empfohlen.

Fazit: Ein sehr erfreulicher Abend unter Freunden, leider mit mäßigem Publikumszuspruch (immerhin 80 zahlende Gäste plus knapp 2 Dutzend Band- und Staffmitgliedern) und der Gewissheit, dass es auch 2001 eine ProgParade geben wird. Die Planungen laufen schon. (Quelle: Progressive Newsletter)

 

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