Kurzrezension

Le Maschere di Clara - L'alveare

Das Reisebüro Le Maschere di Clara bietet mit seinem jüngsten Album L'alveare eine 45-minütige Reise durch die musikalischen Zeiten bzw. in die tiefsten Tiefen eines an musikalischem Honig reich befüllten Bienenstocks (denn genau das ist ein "alveare") an, bietet dabei einen – auf sehr selbstverständlich wirkende Weise – aufs Engste verzahnten Musikeklektizismus: Geballt wird musikthematisch immer wieder Anleihe genommen an den Zeiten des Barock, was vielleicht auch am Einsatz der Violine liegen mag, deren helle Töne oft genug den ziemlichen Tiefen, die sich im Verlauf des Albums immer wieder auftun, einen Gegenpart entgegensetzen. Hierbei hält sich die Band ebenso an das leichte Fliegende jener Zeit wie an das schwer Bepuderte.
In Stereotypen gleiten Le Maschere di Clara dennoch nicht ab, vielmehr kombinieren sie auf L'alveare in unüberhörbaren Reminiszenzen ihre Hochachtung vor jener Epoche mit avantgardem Rock, der immer wieder den Jazz im Hinterkopf trägt, ohne damit hausieren gehen zu wollen, und jener vokalen Dramatik, wie sie vielleicht nur die italienische Sprache zu erzeugen vermag. Die Musik ist dabei oft so dicht gestaffelt, daß es erstaunlich ist zu erfahren, daß hier nur drei Musiker zuwerke gehen*.

Ende Kurzrezension :-)

Mal treibt die Band die musikalische Handlungsfäden bei dieser Symbiose auseinander, um sie später wieder zu vereinen (wie im folgenden noch genauer betrachteten "Se questo è un uomo"), mal übernimmt sie die Thematik direkt und spinnt sie über die Dauer des Stücks hinweg weiter (sehr schön umgesetzt in "Il fu Mattia Pascal").

Insgesamt spannen Le Maschere di Clara auf diesem Album den Bogen weit, aber sehr selbstverständlich von den Zeiten Händels in die Jetztzeit. Von Händel nämlich konkret stammt das musikalische Einleitungsthema von "Se questo è un uomo", die Arie "Lascia ch'io pianga" aus "Rinaldo". Das Stück stellt diese zu Beginn vornan, um dann in einen grummeligen E-Baß und die Worte "automatismo de la perversion" überzuleiten. Es eignet sich sehr schön dafür, den Bogen nachzuvollziehen, den die Band auf diesem Album schlägt:
In Ermangelung von Italienischkentnissen entzieht sich mir im weiteren Verlauf zwar die genaue textliche Bedeutung des Stücks, aber ich halte es für gut möglich, daß der Titel desselben - wenn schon keinen direkten Bezug nehmend - zumindest gedanklich auf den gleichnamigen autobiographischen Bericht des Holocaustüberlebenden Primo Levi abstellt. Die innere Zerrissenheit des Stücks, der weh- (oder vielmehr: an-?) klagende mehrstimmige Gesang in Verbindung mit der über weite Strecken des Mittelteils hinweg stark verzerrt gespielten E-Gitarre und der zum Ende des mittleren ("E"-)Teils des Stücks sich zunehmend steigernde, voller Betroffenheit und auch Wut vorgetragene Monolog, der schließlich in die abschließende Reprise der wiederaufgenommenen Einleitung "Lascia ch'io pianga" ("Laßt mich weinen") mündet, lassen durchaus eine Projektion auf diesen Hintergrund zu. Die Trauer von einst spannt den Bogen zur Trauer der Gegenwart; die Musik von einst spannt den Bogen zur Musik von heute.

Und auch wenn "Se questo è un uomo" für diese ineinandergewobene Verschmelzung auf unterschiedlichen Ebenen sicherlich ein sehr gutes Beispiel darstellt: das, was Le Maschere di Clara auf L'alveare machen, darf durchaus insgesamt nicht ohne Grund als Progoper bezeichnet werden. Dieser Begriff sei jedoch weniger in einer Haltung zu sehen, mit der sich Queen in den 70ern dieser Thematik näherten, sondern vielmehr in einer sehr modernen Form derselben, die den klassischen Struktur- und Melodiebezügen moderne, voneinander lernende Strukturen gegenüberstellt, die weniger Gegen- als vielmehr Miteinanderstrukturen darstellen.

Zugegeben, ich habe einige (bewußte) Anläufe gebraucht, damit die Musik ihre Assoziationen wecken konnte, aber es lohnt sich wirklich. Denn dann stellt sich L'alveare als überaus musikalisches Album heraus.




* Eine Tatsache, die mir beim Schreiben nicht bewußt war und daher nicht in die Betrachtungen dieses Texts einfloß; das Album lag mir lediglich als (Promo-)MP3 vor, daher auch die Mutmaßungen über den textlichen Inhalt.