Kurzrezension

Musiktipp für den Silvesterabend: Anthurus d'Archer - Phallus Impudicus

Wenn eine Band für gewöhnlich pflegt, ihre Musik 'hinzukotzen', wenn sich ob eines erlebten Konzerts ein Rezensent dazu veranlaßt sieht, dem Konzertveranstalter ewige Dankbarkeit zu zollen und wenn dann auch noch der bandnamensgebende Pilz einen penetranten Aasgeruch in Tateinheit mit der Optik vergammelnden Fleisches und biologisch zersetzender Wirkung hat. Dann, ja, dann fühle ich mich trotz aller widersprüchlichen Gefühle angesprochen, dieser Band Aufmerksamkeit zu schenken und sei es nur, um sagen zu können, daß die Musik hingekotzt wurde, riecht wie Aas, aussieht wie vergammelndes Fleisch - und bei mir was zersetzen tut.

Die seit ungefähr sieben Jahren marodierenden Franzosen (Frankreich, das Land der unbegrenzten Musikmöglichkeiten) von Anthurus d'Archer machen es mir leicht einen ersten Eindruck zu bekommen und bieten ihr irgendwann nach 2007 erschienenes Album Phallus Impudicus zum Gratisdownload auf ihrer optisch minimierten 8-bit-look-alike-Homepage an.

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Was wird geboten? Newtechnoidretroprognoiseavantoverblastodrive-Freakout!

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Auch wenn Phallus Impudicus mein erster Kontakt zu Anthurus d'Archer ist, ich deshalb die Vorgängeralben nicht beurteilen kann, so möcht ich aber dennoch eines behaupten: weder klingt das Album krank-abartig, noch vertonen die Jungs hier einen "eklig-roten Penispilz". Im Grunde schießen sie einem 'nur' in 35 Minuten die volle Ladung Bilder, Ideen, Stile, Einflüsse an den inneren Augen vorbei. - Von der glockenklaren Flötenmelodie, über verzerrten Gitarrenrock, bis zu wild-noisigen Tonexperimenten - und noch viel mehr.

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Wer will kann noch etwas weiterlesen:

Musik, wie sie Anthurus d'Archer machen, stellt eine gute Gelegenheit dar, sich ein Stück weit mental von sich zu lösen und so, in sicherer objektiver Distanz einen Blick auf sich zu werfen und sich die Frage zu stellen, was über die Jahre aus einem geworden ist ("wieso find ich dieses abgebrochene Zeug gut?!").
Zumindest in musikalisch-rezipierender Hinsicht: wie geht man mit dem Gehörten um, wie reagiert man hierauf? Denn Phallus Impudicus, so massiv hier auch sexuelle Obszönität beschworen wird, durchdringt, zersetzt hier allenfalls Hörgewohnheiten. Das allerdings mag für manchen Hörer obszön und anmaßend sein.

Wäre aber schade, wenn man es bei dieser Betrachtung beließe, denn Anthurus d'Archer kombinieren hier auf so vielfältige Art und Weise Dinge, die 'normalerweise' (was ist denn im Prog 'normal'?) nicht kombiniert werden (können). Wo manche Avantrock-Bands v.a. in Verbindung mit starken Jazzeinflüssen dabei oft dem Freejazz näher ist als dem ProgROCK, da lösen sich die Franzosen wie selbstverständlich von dem ohnehin nie so richtig dagewesenen Kurs Richtung der rasend immer schneller näherkommenden 'Weißen Wand', obwohl eine Kollision mit dieser doch so unausweichlich hätte sein müssen.

Anthurus d'Archer blubbern aber eben nicht am Eisberg der dudeligen (Un-)Gefälligkeit ab, lassen den Hörer nicht an der übereifrigen Ernsthaftigkeit (zwanghaft) avantgarder Klangideen zerklatschen, sondern bieten über die angebotene stilistische Vielfalt eine bunte, faszinierende Klangkollage, die es dem Hörer überläßt, was er im Kopf damit macht; die ihm nicht reindrückt, was er zu denken, zu empfinden hat. - Ist nicht eben das auch mit ein Stück der Magie 'unserer' Musik?

Super, muss ich mir gleich mal holen! Hatte schon befürchtet, die Band gäb's nicht mehr.

Bunt wie Silvestergirlanden. - Viel Spaß!

Geilomeilo. Danke für den Tipp! *saug*

die band, wie sie beim FREAKSHOW und auch dem BURG-HERZBERG-FESTIVAL aufgetreten ist, gibt es auch wirklich nicht mehr, leider...aber chef HUGUES ANDRIOT bietet unter dem gleichen namen ein akustisches trio mit zwei asiatinnen feil....wer übrigens die früheren tonträger von ANTHURUS noch haben möchte, einfach ne mail an freakCha@aol.com schicken, ich hab noch ein paar....

freakCha

Obs zön is? Und ob das zön is! Sehr zön sogar!

Edit fürn Nik: Ist das nicht eigentlich genau die Art Musik, die Deinem Kopf als pornographischem Organ ordentlich was zu beißen gibt?

Ansonsten bleib ich dabei:
Welch bezaubernde Glissandi der Flöten!

Ist die hübsch? Die Edit? Dann jederzeit gern!