Termin

Capillary Action, Würzburg, 02.05.11

Titel:Capillary Action
Art:Konzert
Am: Mo, 02.05.2011
Im: Cairo
In:Würzburg, Bayern
Link:Konzertinfos

Auf den US-Multiinstrumentalisten Jonathan Pfeffer zurückgehendes Ensemble, das sich als Gemüsepürierer des Progressiven betätigt und dieses zu einem reichhaltigen Multivitaminsaft vermixt: Indie dient ebenso als Ingredienz wie Postrockiges sowie Math- und Jazzrock, welche zu einer spannenden Mischung komponiert werden.

Zum MySpace von Capillary Action

Das Konzert beginnt um 20.30 h.

5

Circa ein Achtmillioneneinhundertsiebenundsiebzigtausendachthundertstel der deutschen Bevölkerung, ausgehend von einer geschätzten Einwohnerzahl von 81,778 Mio. Einwohnern Ende 2010, war an diesem Abend anwesend bei einem Konzert, daß sich der digitalen Schwarz-Weiß-Malerei entzog, vielmehr in dem dazwischenliegenden Unschärfe- (Fuzzy-) Bereich lag und bestenfalls grob schemenhaft zwischen den zwei Polen Pop und Jazz(Rock) changierte.
Technische Einheit war die Einheit CA (für Capillary Action), die zumeist in mCA angegeben werden kann und die kontinuierliche Dauer einzelner harmonischer Passagen mißt, die zwar vorkamen, aber nie hinreichend lange für befriedigende Wirkung andauerten.

Als "Gemüsenpürierer des Progressiven" hatte ich Capillary Action beschrieben und muß dies zurücknehmen, denn der Pürierer macht aus allem einen homogenen Matsch. Was einer Band, die sich namentlich auf den kapillaren Aufstiegseffekt beruft nicht verwunderlich wäre. Vergegenwärtig man sich jedoch, daß Capillary Action eben nicht pürieren, sondern die Zutaten rohkostgleich ganz lassen, und dies dem Zuhörer in Gänze in die Hörgänge pressen, ergibt dies ein ziemlich martialisches Bild. Denn Capillary Action hantieren vielmehr furios virtuos mit unterschiedlichen, scheinbar nicht zusammenpassenden Bauklötzen, kombinieren große Steine mit kleinen aus Plastik mit Holzbausteinen; irgendwie eine wackelige Sache, die aber nicht umstürzt.

Zumindest rumpelts nicht – es schlägt! Wusch! Zack! Didelidu. Wusch! Zack! So geht praktisch das ganze erste Stück wobei ich die kurzen geraden ‚Didelidu’-Passagen gar nicht schmähen möchte, aber wie die Band diese furchterregenden Unisonoschläge von Schlagzeug, Kontrabaß und Klampfe hinbekommt, ist schon ein bemerkenswertes Merkmal.

Wie hält das nun denn zusammen? Bauklötze unterschiedlicher Form, Größe, Stecksysteme werden kombiniert, die nun auch noch wackelnd schlagende Geräusche von sich geben... Mit einem guten, einem sehr guten 2-Komponenten-Klebstoff. – Und der ist in Anbetracht des bis hierhin Beschriebenen allemal sehr bemerkenswert, da so nicht zu erwarten: das 100 Prozent natürliche Klebeharz waren Geschichten aus dem Leben des Jonathan Pfeffer, der sich nicht nur als wahrer Frontmann mit seiner Akustikgitarre, diversen Rhythmusinstrumenten und vor allem seiner Stimme etablierte, sondern auch konzertantischer Solofels in der Brandung: zur Halbzeit des Konzerts war er es allein, der den Übergang vom ersten, mehr Jazzrock-lastigen Teil zum zweiten, deutlich a Capella-lastigeren Teil vollzog und abschließend auch die Zugabe gab. Als Härter wirkte… Latin. Jau! Unterschiedlichste Spielarten des Latin: Samba und Salsa waren hierunter wohl die zwei herausstechendsten und es waren diese Passagen, die einem die Mundwinkel auseinanderzogen wie ein Gummiband, wenn der sonst freejazztrötende Trompeter die Schlegel in die Hand nahm und sich voller Inbrunst als Mitglied einer inoffziellen Sambatruppe à la Brasil outete (um nur ein Detail zu nennen).

Was genau machte die Musik nun aber aus? Wenn ich das wüßte! So ganz erfaßt habe ichs nicht, aber Charly hatte vor Beginn wohl mal in den Proberaum gelauscht und schon vorab berichtet: während Gentle Giant zwar komplexe, gegenläufig arrangierte Strukturen gehabt hätten, wären diese jedoch immer noch wohlgefällig gewesen. Capillary Action hingegen würden mit polyphonem 12-Ton-Gesang aufwarten können. – Nun, so schlimm kam es dann zwar nicht, aber Charly hatte in der Tendenz schon ganz recht: das war wirklich erste Sahne verzwickt komponiert. Zwischen swingendem Pop und jazzrockigen Kanten tendierte eine Musik, bei der es permanent wechselnd an unterschiedlichen Ecken der Bühne plingte, plongte, trommelte, raschelte, brummte, schlug – und durchaus auch rockte. In der Regel aber schrägrockte es, daß zumindest beim Schreiberling zum Ende der ersten Hälfte das Bedürfnis, die regelrechte Sehnsucht nach Harmonien oder zumindest dem etwas längeren Aushalten dieser nur kurzen, selten länger als 10 mCA dauernden Momente aufstieg. Nicht, daß Zs hierfür verantwortlich gemacht werden könnten: die haben konsequent Brutalo-Schräges zum Besten gegeben. Capillary Action aber ließen immer wieder auf gemeinste Weise durchblicken, daß da hinter diesen wilden, chaotisch anmutenden Kompositionen Kerls stecken, die sehr wohl wissen, was Geborgenheit, Nähe, Heimat, Liebe bedeutet (etwas, von dem ich mich erdreiste, es z.B. Zs – musikalisch betrachtet – abzusprechen). Aber Capillary Action wollten den paritätischen Kompromiß nicht. Sie wollten zeigen: schaut her, das Schöne existiert dort draußen, ist aber so wenig, daß es sich im Ohr des Zuhörers erst seinen Platz verschaffen muß, wahrgenommen werden will. Eine ungemeine Herausforderung, aber gleichzeitig entstehen durch diese Herangehensweise auch Werke, sich trotz gegebenem Platitüdenanflug sehr gut umgesetzt zeigen: da war ein Stück über eine sieben Jahre ältere Liebe. Eines über Pfeffers Heimat Pennsylvania gleitet gleich zu Beginn von einem eh schon nicht so hohen Ton weit nach unten, verharrt dort und wird doch immer wieder durch aufkeimende, swingende Lebensfreude zum Leben erweckt. Extremer geschah das Ganze im musikalischen Thema zur Weltfinanzkrise 2008/09: beginnend mit einer dumpfen, getragenen Grundstimmung erfolgt der Schlag. Stille. Hektische Vermischung der Stimmen. Keiner weiß genau, was nun der Grundtonus sein soll. Chaos herrscht. Der Düsternis folgt die totale musikalische Verlorenheit.

Quasi nebenbei outet sich Pfeffer als klassischer Gitarrenspieler mit einem nicht zu überhörenden Hang zu Singer-/Songwriterlinien. Nicht verwunderlich, daß Capillary Action vor Jahren mal mit The Season Standard durch deutsche Lande getingelt sind – Ähnlichkeiten in der kompositorischen Philosophie zeichnen sich ab.

Zu bedauerlich, daß die Band mit dieser schlicht als extravagant zu bezeichnenden Spielart von progressive Rock zwischen allen Stühlen sitzt und Pfeffer so nur mit Bedauern erzählen konnte, daß sie darum beispielsweise auf dem RIO-Festival keine Chance hätten: sie seien eine Pop-Band.

Liebe Zappanale-Macher, merkt euch Capillary Action!!