Termin

Cheer-Accident, Würzburg, 08.06.11

Titel:Cheer-Accident
Art:Konzert
Am: Mi, 08.06.2011
Im: Immerhin
In:Würzburg, Bayern

"Cheer-Accident waren das 'Post' des Post-Punk. Als in Chicago Mitte der 90er eine Art moderner Renaissance emporwuchs, waren Cheer-Accident schon da und fragten: Auch schon da?" So profiliert sich die Band auf ihrem MySpace und dies lässt durchhören, dass hier eine Band zu Werke geht, die mehr wollte. Herkömmliches neu machen. Unterschiedliche Stile zusammenführen:
Cheer-Accident "fühlen sich in der NOISE-ALTERNATIVE-RIO ecke zuhause: musikalische einflüsse von HENRY COW über SONIC YOUTH, MUSIQUE CONCRETE bis KC und ZAPPA..." schreibt Charly Heidenreich im Bandprofil auf den BBS und Jochen Rindfrey in der Besprechung zu "What Sequel?": "Statt Rock in Opposition nun also Pop in Opposition? Auf jeden Fall ein Beispiel für die Wandlungsfähigkeit dieser Band." Mit ihrem 2009er Album "Fear Draws Misfortune" wiederum sind sie in kammerproggigen Gefilden angekommen.

Zum MySpace von Cheer-Accident

Beginn: 21 h

4

Eigentlich ist man es als FreakShow-Jünger ja gewohnt, in aller Disharmonie wie eine Trüffelsau nach etwaigen Harmonien zu suchen, um dann – bei erfolgreicher Suche – still vor sich hinzulächeln und sich zu denken, wie ausgefuchst diese oder jene Komposition doch mal wieder war.

Bei Cheer-Accident läuft das alles etwas anders; die schmieren dem – in meinem Fall cheer-accidentisch unbeleckten – Hörer erstmal ein buntes Potpourri als Opener aufs Brot, in dem der Baß zunächst pseudo-zeuhlig vor sich hingrummelt, abgelöst durch angefrippte Gitarre wird, danach Baß und Gitarre irgendwelche irren, deutlich angejazzten Läufe vor sich hinperlen und während allem diesen im Hintergrund das Schlagzeug scheppert.
So weit, so gut.
Doch dann packen sie das Ahornsirup aus und schmieren dem Hörer 4/4-ler, süß-klebrigen Gesang und was weiß ich im Nachhinein noch für eingängige Ingredienzchen in die Ohren, daß nicht nur das Zuhören seinen Reiz verliert, sondern man sich auch irgendwie fragte: das sind die Cheer-Accident, die irgendwo mal mit Henry Cow, KC, Zappa und anderen Helden des (avantgarden) Schrägrocks genannt wurden?
Auch wieder so weit, so gut.
Bis… Bis irgendwann C.-A.-Schlagzeug-Urgestein Thymme Jones seinen Platz hinter den Trommeln (bei laufendem Stück; aber derlei Umzüge waren nichts Besonderes wie sich noch herausstellen sollte) verließ, Keyboarder Dudley Bayne on-the-fly ablöste und begann, irgendsowas Liebliches (wie lieblicher Müller-Thurgau… brrrr!) samt Gesang anzustimmen.
Paßt bisher ins Bild, doch…
Nach Minuten des Trällerns und frrrröhlichen Musizierens nahm er dann doch wieder hinter dem – man muß es ja fast zärtlich erwähnen – altgedienten, dunkelblauen FreakShow-Drumset Platz und… das eigentliche Konzert begann. Ach Du Sch….!! Wo hat der Kerl denn auf den paar Metern zwischen Keyboard und Schlagzeug diese Spannung aufgebaut, um aus den klebrigen Niederungen, in denen das Konzert wenig zuvor noch dümpelte, derart brachial loslegen zu können?!
Und ab da war nichts mehr so wie vorher: die Band hatte alle Nettigkeit weggelegt, schmiß einem unbarmherzig Brot, Butter, Belag samt Messer an den Schädel: ‚schmiers Dir doch selber!’. Da wechselten sich Passagen, die nur aus repetitiv wiederholten Schrabbelläufen von Baß und Gitarre samt ebenso wiederholter Akkordfolgen des Pianos – das Ganze unterlegt mit zwar nicht über die (FreakShow-)Maßen komplex, aber dennoch variabel, sehr präsent und immer wieder auch gut heftig gespieltem Schlagzeug – ab mit unterschiedlichen, mal ein-, mal mehrstimmig gesungenen, geflüsterten, gebrüllten Vokalminiaturen; mal gabs Trompete, die, mal einfach mal zu zweit gespielt, erklang und ebenso schnell wieder verschwand. –Und ebenso plötzlich tauchte auch ein vollsynthetisch nach besten alten 80ern effektuierter Baß auf, was soll das denn? Hm? Mein werter Sitznachbar lacht? Und da stach mir der Gesang endlich ins Ohr dazu: ‚tainted love’ – eine Schrägrock-Verballhornung des Soft-Cell-Klassikers.

Spätestens zur Hälfte des gut 1,5 stündigen Konzerts war klar, daß nichts klar war. Daß stilistisch irgendwie alles kommen konnte, was sich instrumentell in dieser Besetzung realisieren ließ. Daß die Band auch nach 26 Jahren jung wirkt, als ob sie sich gerade erst gefunden hätte, daß hier ohne Weiteres Gründungsmitglieder (Jones und Jeff Libersher, Gitarre) mit jüngeren (Alex Perkolup am Baß) und erst nach der ersten Cuneiform-Aufnahme 2009 dazugekommenen (Keyboarder Bayne und Carmen Armillas, bisher unerwähnt mit tollem Gesang) zu einer sehr souverän agierenden und miteinander vertrauten Einheit verschmelzen.

Auf die Frage, wie es die Band denn anstelle, in scheinbar unvermittelt auftauchenden Breaks, deren Dauer beliebig lang zu sein scheint (es hatte nicht den Anschein, daß es exakt nach soundsoviel Sekunden weitergehen müsse; Jones scherzte einmal sogar nebenher mit dem anwesenden Fotographen Lutz Diehl), perfekt getimed weiterzuspielen, antwortete Jones nur, das sei etwas Unbeschreibbares, das Gefühl für diese Musik, das jeder der Fünfen in sich trüge. Ich lachte, meinte, etwas Magisches wohl? Und da mußte er auch bejahend lachen.

Hey, schön, dass es doch noch mit einem Bericht geklappt hat! Da kann ich mich ja beruhigt zurücklehnen, so gut hätt ich den eh nicht hinbekommen ;)

Ach komm!

Naja, danke! :)