Termin

FreakShow Artrock Festival 2011, Würzburg, 26.03.11-27.03.11

Titel:FreakShow Artrock Festival 2011
Art:Konzert
Am: Sa, 26.03.2011 - So, 27.03.2011
Im: Kulturhaus Cairo, Fred-Joseph-Platz 3
In:Würzburg, Bayern
Link:FreakShow-Homepage

FreakShow Artrock Festival 2011 – Part I*

SAMSTAG, 26.3.
Einlass: 15 h
Beginn gegen 16 h

Line-Up:

  • Benoît Martiny Band (Lux)
  • Oozing Goo (De)
  • Yugen (It)


  • SONNTAG, 27.3.
    Einlass: 11 h
    Beginn gegen 12 h
    Ende ca. 19 h

    Line-Up:

  • Brewed By Noon (USA)
  • October Equus (Es)

  • Humble Grumble (Be)
  • Tickets und Preise:
    Festivalticket: 50.- Euro
    Ermäßigt (bis 21, Hartz IV): 40.- Euro
    Tagesticket Samstag: 30.- Euro
    Tagesticket Sonntag: 30.- Euro
    Ticketbestellung per E-Mail: freakCha@aol.com
    Direktverkauf im H2O, Karmelitenstr. 28, Würzburg (Tel. 0931/572611)

    ACHTUNG!
    Ticketanzahl aufgrund des Platzangebots im Cairo auf 150 Stück begrenzt!

    * Part II folgt im Laufe des Jahres

    5

    Auch das diesjährige Frühjahrs-FreakShow-Festival stand, wie schon im letzten Jahr, wieder ganz im Zeichen der eher schrägen Gangarten des Prog im Spannungsfeld zwischen Jazz und Rock und wieder lag der Fokus bei der Bandauswahl auf, selbst Szeneinsidern unbekannten, Namen.
    Vertreten war somit wieder ein internationaler Sechserhaufen, der massenweise neue Eindrücke mit sich brachte. Ein dicker, fetter Dank geht daher gleich mal wieder in Richtung unseres lieben Charlys, ohne den diese Entdeckungen regelmäßig nicht möglich wären.

    Man kann nur hoffen, daß sich die vor Festivalbeginn von Charly beschriebene Zukunft der FreakShow nicht derart gestalten, und es auch nach dem nächsten, für den 1.10.11 geplanten Herbstfestival weitergehen kann. Wer also einen Mäzen in seiner Bekannt-/Verwandtschaft weiß oder selber einer ist, der gern auch für Spartenkultur Gutes tun möchte, dem sei die Unterstützung der FreakShow wärmstens ans Herz gelegt.

    BENOIT MARTINY BAND
    Die fünfköpfige Gruppe, deren einziges luxemburgisches Mitglied Benoît Martiny am Schlagzeug darstellt, kam mit einem leichtfüßigen Jazzrock daher, der die Vorliebe der Band zum Rock’N’Roll der 50er Jahre nicht verstecken wollte und der daher dem Spaßfaktor und der knackigen Kompaktheit der Stücke mehr Aufmerksamkeit schenkte, als Komplexität in den Kompositionen und ausschweifenden Passagen. Zentrale instrumentell-melodische Elemente waren neben eher gewöhnlichen Gitarrensoli auch improvisiert klingende Saxophonläufe, die in ihrer Ausgelassenheit durchaus auch an Saxophonparts in Jazzcorebands erinnerten – allerdings bei halber Geschwindigkeit.
    Insgesamt war die Benoît Martiny Band ein guter, launiger Einstieg in das Festivalwochenende. Hat Spaß gemacht!

    OOZING GOO oder die Fragen: Kann reines Zuhören einen Orgasmus auslösen und wenn ja wieviele?
    Wer Oozing Goo vor diesem Konzert nicht kannte, dürfte nachhaltigst beeindruckt gewesen sein. Wer sie schon kannte und sich intensiver mit ihren üppigen 10-Minütern beschäftigt hatte, der wurde durch die schiere Intensität, mit der die Band ihre schon auf den CDs wahnsinnig (sic!) dichte, enorm keyboardlastige Musik spielte, in ein emotionales Paralleluniversum katapultiert. Denn was die Herren Neumann, Drescher und Rastig hier ablieferten war gelebte Intensität, war – was vor allem für Rastig an den Keyboards gilt – Hingabe für das Instrument, für die Musik, für den Augenblick. Oozing Goo packten einfach alles, was sie zuvor – ghostbusterartig in den Container verbannt – auf CD gepreßt hatten, im Würzburger Cairo wieder aus und dies dehnte sich aus und aus und aus… Es vibrierte (sic!) sich in die Gehörgänge hinein, daß es eine fast schon erschreckende Freude war mit anfühlen zu können, wie diese Musik Kontrolle über einen ergriff. – Machte man zwischenrein doch mal die Augen auf, bot sich vor den Augen das physische Pendant zu dem, was sich im eigenen Kopf mental abspielte: die Band gab alles! Drescher drosch auf sein Schlagzeug ein, daß bereits nach wenigen Augenblicken klar war, warum er sich schon vor Konzertbeginn seines Oberteils entledigt hatte, Neumann steuerte einen knackigen, zwar eher unauffälligen, aber sehr kompakt-präzisen und unprätentiösen Baß bei… Und Rastig, der war das Gegenteil von unprätentiös, der beackerte sein Tasteninstrumentarium in einer Geschwindigkeit und Kontrolle, als gelte es, schleunigst einen in Havariegefahr geratenen Atomreaktor abschalten zu müssen. Der Mann (ver-)bog sich, sich allen Gesetzen der Schwerkraft (wo hat der Kerl seinen Körperschwerpunkt?!) widersetzend, kniete sich vor seinen Instrumenten nieder, sprang von einer Seite der Boards zur anderen, blickte, mal rechts, mal links, wie ein vom Teufel Getriebener um sich, wirkte insgesamt wie Lichtjahre entfernt, von allem (menschen-)irdischen Rationalismus entrückt, ganz mit sich, seiner Band, seinen Instrumenten allein.

    Gitarrenunterstützung durch Max-Appeal gabs leider – krankheitsbedingt – keine, tat dem Allen aber keinen Abbruch an Intensität.

    Der Preis für die intensivste Band des Festivals geht an… OOZING GOOOOOOOO!!!!!

    YUGEN
    Noch immer gut durchnäßt durch die ‚Strapazen’ des vorherigen Konzerts waren Yugen ein wunderbarer Abschluß für einen sehr gelungenen ersten Festivaltag und es sollte sich im Verlauf des Konzerts herausstellen, daß den eingeladenen Bandgästen ein System innezuwohnen scheint. Denn nach Univers Zéro und Présent (beide 2009), Aranis im September des vergangenen Jahres waren Yugen ein weiterer großer, in Würzburg konzertierender Name im Reigen ambitionierter Kammer…band. Doch während einen Présent tief in die Betriebs- und Maschinenräume menschlichen Seins und der damit verbundenen Emotionen führten, UZ und Aranis im großen Konzertsaal auf dem D-Deck streng klassich inspirierte Werke spielten, boten Yugen im Palmengarten auf dem Bootsdeck sehr modernen, deutlich jazzlastigen Kammerrock, also feinsten Kammerjazzrock, der teilweise fast schon leicht-verspielt daherkam und auch so manche Soundscapes bot, die als sphärisch dahingleitendes Gegengewicht den Gegenpol zu den parallel verlaufenden Avantpassagen dienten.
    Aber eben auch nur teilweise leicht-verspielt, denn zwischen all dem Schrägen, den abgebrochenen Takten, gegenläufig verlaufenden Melodiebögen, Harmonisches zu suchen und letztlich zu finden, war – bei Weitem nicht unmöglich – doch sehr spannend, wollte man keine Details verpassen, sollten auch solche Dinge – stellvertretend für die Fülle an kompositorischen Ideen der Band - wie das ziemlich unperlend gespielte Fender Rhodes plus dessen zahlreiche Unisonopassagen mit dem weiteren Tasteninstrumentarium sowie die quirligen, in ihrer Lebendigkeit an den zuvor aufgetretenen Herrn Rastig erinnernden Keyboardeskapaden Paolo Bottos (war doch Botto, oder? Nicht, das ich da jetzt den falschen Namen bemühe) nicht der Aufmerksamkeit entgehen.
    Yugen boten ein Konzert voller gut unterhaltender Spannung, mit gut eingesetztem Spiel zwischen Avantgarde und klassischem Jazz, bei dem trotz der Schwerpunktsetzung auf ihr erstes und letztes Album nicht auffiel, daß ein Großteil der an diesen Aufnahmen beteiligten Musiker nicht auf der Bühne stand, so homogen (diss- ;) )harmonisch musizierten die sieben beteiligten Italiener.

    BREWED BY NOON
    Ich weiß nicht – das wird die Zukunft zeigen –, welches Detail der hier als Dreiercombo auftretenden Brewed by Noon bei mir hängenbleiben wird: wird es der Camouflagekilt des Masterminds Sean Noonan oder dessen güldener Satinboxmantel, mit dem er die Bühne betrat, sein? Werden es diese Anblicke sein, ihn blitzartig von seinem Schlagzeug aufspringend, wie einen Wahnsinnigen über das Instrument gebeugt, dort weitertrommelnd und dabei wild grimmassierend zu sehen? Oder wird es, von musikalischer Seite her betrachtet, die Reise um die Welt sein, auf die er uns schickte, die er, bei gleichzeitiger Bearbeitung seiner Trommeln, mit den entsprechenden Dada-Texten unterlegt erzählte? Oder doch die Lautmal-Due(ll/tt)e zwischen ihm und seinem Gitarristen, der zuweilen ein höhnisches Lachen Noonans aufschnappte oder jenem melodisch die Zunge raus- oder sonstwas entgegenstreckte?
    Gleichzeitig ergibt sich aus diesen Dingen bereits die Quintessenz des Konzerts: alles kann, nichts muß. Die Band konnte irrsinnig schnell, dann wieder spannungsgeladen verhalten, swingt sich bisweilen metalbeladen durch die besuchten Länder, improvisierte in bester The-Waiting-Room-Tradition, stampfte laut rhythmisch, einen Dampfhammer nachahmend – und plötzlich einen 4/4-Takt in bester Volksliedmanier anzustimmen. Dazwischen immer wieder Angejazztes, aber insgesamt nicht dominierend.
    Was genau nun die Unterschiede waren, die mich letztlich dazu bewogen, mir bei dieser Gelegenheit zwar ein Album des Herrn Noonan, aber keines von Humble Grumble, trotz konzeptioneller Ähnlichkeiten, zuzulegen, weiß ich selbst nicht so genau. Vermutlich war das Konzert von Brewed by Noon einfach stringenter, straffer. Allein schon die Reduzierung auf nur drei Mann und der Verzicht auf optische Gimmicks (Noonan mal ausgenommen) tat dem Dargebotenen gut und überforderte nicht.
    Ein rundum ausgewogenes Konzert im angesprochenen Jazz-Rock-Spannungsfeld, das, mal heftig-krawallig rockend, mal dezent jazzend stets eine gute, unterhaltsame Balance zwischen den Polen fand.

    OCTOBER EQUUS
    Irgendwas mit Retroprog las ich da zuvor beim Überfliegen von Rezension der ersten beiden OE-Alben. Und dann standen da plötzlich sechs gut instrumentierte Spanier und eine Spanierin vor mir auf der Bühne, deren Instrumentarium, bestehend u.a. aus Cello, Baß-, Sopran- und Tenorsaxophon nicht so ganz nach retro aussah.
    Die Musik war es dann auch nicht, im Gegenteil: getrieben von dem kräftigen, stets gut präsenten Baß von Amanda Pazos Cosse intonierte die Gruppe ein Zusammenspiel der einzelnen Instrumente, das beim Autor schnell den Verdacht als beste Band des Festivals aufkommen ließ. Zu gut war einfach das Timing zwischen den sehr oft auf zwei oder drei Instrumente aufgeteilten Melodiegruppen, deren Notationen – oft gegenläufig versetzt – mit der Präzision eines spanischen Uhrwerks ineinandergriffen und trotz aller bestehender Komplexität in den Kompositionen sehr viel Spaß machten und sich nur sehr selten wirklich den Anschein von Anstrengendem gaben.
    Denn die musikalische Mischung, die im Wesentlichen auf den Grundsubstanzen Jazz und Rock basiert, war durch die Virtuosität, durch die individuelle Klasse jedes der beteiligten Musiker derart lebendig, derart abwechslungsreich, derart originell und dadurch mitreißend, daß es geradezu elektrisierend war, Parallelen zwischen der musikalischen Intensität von Oozing Goo mit ihrem Elektrogewitter und den filigranen, klassischen Strukturen von October Equus zu ziehen. Da war der auch für die Kompositionen verantwortliche zeichnende Ángel Ontalva, der es tatsächlich verstand, sich jeglicher E-Gitarren-Klischee-Attitüden zu entziehen und sein meist clean gespieltes Instrument harmonisch-unprätentiös einzugliedern in das musikalische Konzept der Band. Da war Víctor Rodríguez an seiner Keyboardmauer, der er, vergleichbar mit Ontalva, ebenso oft knackige, perlende Läufe abgewinnen konnte. Da war der Motor der Band, Vasco Trilla, an den Drums, der, nie angestrengt wirkend, eine unheimliche Spielfreude ausstrahlend, über die Konzertdauer hinweg gleichsam ein Schlagzeugsolo machte, das die volle Bandbreite zwischen Jazz und Rock abtastete. Da war Pablo Ortega am Cello, dessen behende, oftmals im Unisono mit Rodríguez gespielte Bogenstriche leider oftmals nur ersichtlich, aber nicht erhörbar waren; aber wenn doch, war klar, daß dieses Instrument unbedingt weiter nach vorne hätte gemischt werden müssen und in den Kompositionen durchaus noch mehr Platz in Anspruch hätte nehmen dürfen.
    Und dann war da die Zweier-Mini-Boygroup an den Blasinstrumenten, die sich ebenso wie alle anderen Musiker eingliederte in (darf ich das schon den October-Equus-Sound nennen?) die musikalische Richtung der Band, ohne im Vordergrund zu stehen und ohne dem Zuhörer das Gefühl zu geben, daß die jazzwärtige Seite dieser Musik auf Blasinstrumenten basierte.

    Die Spanier haben mit diesem Konzert mehr als deutlich gezeigt, daß sie sich vom Retro-Sound verabschiedet, sich sehr ambitionierten Zielen zugewandt haben und bereits jetzt schon auf einem guten Weg sind, zu einer festen Größe im Reigen hochklassiger Avantgardebands zu werden.

    Der Preis für die beste Band des Festivals geht somit an: OCTOBER EQUUS!!

    HUMBLE GRUMBLE
    Bis hierhin war ich mir sicher, daß der Preis für die witzigste/abwechslungsreichste Band an Brewed by noon gehen würde. Was dann aber die Herren und Damen von Humble Grumble auf die Bühne brachten, war FreakShoweskes im besten Sinne dieses Wortes, ein wahrhaftiger FreakOut nach allen Regeln der Musikkunst und sich dermaßen konsequent allen Klischees und Schubladierungsversuchen entziehend, daß der Auftritt dieser Band – mitsamt ihrer Leoparden-Marquis-Bettelmönch-Dandy-Pettycoat-Dadaoptik – zum Abschluß dieses ein weiteres Mal denkwürdigen Festivals als großer, faszinierender Paukenschlag angesehen werden kann. Musikalisch wurde eine unüberschaubare Menge an Einzeleinflüssen geboten, die, zu einem Gesamtkunstwerk verwoben, als Einzelbestandteile gar nicht richtig herauszufischen waren: der Baß funkte slappig (endlich! endlich! endlich!) über weite Teile des Konzerts, die zwei Saxophone tröteten in bester Freejazzmanier, der Metallophonist metallophonierte à la Gary Burton, über allem standen Maître Humble Gabor an den Gitarrensaiten und Schlagzeuger Callens, die das Grundgerüst und die Marschrichtung vorgaben und dazu gab es als Bonus zwei adrette, wunderhübsch anzuschauende Mädels, die musikalisch zunächst nicht viel beizutragen hatten außer ein paar Aaas und Oooos, sich aber über komplexere Harmonien, die zuweilen an modernere Strömungen des Zeuhl (ich dachte da an Magister Dixit) erinnerten, bis hin zu tragenden Songeinlagen zu festen Bestandteilen der Stücke aufschwangen.

    Ich will mir gar nicht den Anschein verpassen, ich hätte auch nur den Hauch eines Schimmers, was exakt da, wenn auch nur ein paar Meter, vor mir passierte, denn es war einfach etwas viel für mich. ;) Sollte das aber sein, was bisweilen als ‚Zappaesk’ kategorisiert wird, dann war es wohl so etwas.

    Der Preis für die witzigste/abwechslungsreichste Band geht an: HUMBLE GRUMBLE!