Termin

FreakShow-Festival 2012, Würzburg, 19.10.12-20.10.12

Titel:FreakShow-Festival 2012
Art:Konzert
Am: Fr, 19.10.2012 - Sa, 20.10.2012
Im: Cairo / Felix-Fechenbach-Haus
In:Würzburg, Bayern
Link:FreakShow-Festivalseite

Auch für die 2012er-Ausgabe des zuletzt immer wieder totgesagten Würzburger FreakShow-Festivals konnte dessen Initiator Charly 'freakCha' Heidenreich acht zumeist unbekanntere Acts der Schnittstelle zwischen Rock und Jazz finden, die das Line Up um die Retroprog-Headliner Wobbler aus Norwegen nicht nur ergänzen, sondern veredeln.

Unter anderem werden neben dem vom letztjährigen Publikum hochgelobten und bei diesem Begeisterungsstürme auslösenden Jazzcore der Franzosen Jean Louis die Jazzmetaller von 7for4 und das japanische Avantjazzrock-Trio Le*Silo, das allein schon durch den Umstand, den Baß durch Keyboard zu ersetzen zum Staunen anregen dürfte, die Gehörgänge der Zuhörer mit frischen Sounds durchwehen.

Freuen kann man sich jedoch ebenso auch über Geheimtips wie das Schweizer Lucien Dubuis Trio, das Jazzrock in all seinen Facetten bietet: vom knüppelig groovenden Rock mit vertrackten Jazzelementen hin zum waschechten Jazz mit erdigen Rockelementen, langweilig wird es bei den dreien nie.

A propos Geheimtip: als Line Up-Bereicherung spielen am Samstag die Belgier Sh.Tg.N ihre Interpretation von Metal from FreakHell!

Seine Abrundung findet das Line Up durch den (aktuellen) September-BBS-Tip des Monats, Guillaume Perret & The Electric Epic, die hier die Chance erhalten, aus dem Schatten der (sehr gutheißenden) Rezensionen, hinaus ins Bühnenlicht zu treten und zu untermauern, was die BBS-Jungs feststellen: berauschende Musik, "schräg alles in allem, dabei aber doch relativ rund und zugänglich" (Achim Breiling).

Das Line Up sieht aktuell folgende Bands vor:

Freitag, 19.10.

Ort: Cairo

Beginn: 17 h (Einlass: 16 h)

Samstag, 20.10.

Ort: Felix-Fechenbach-Haus, Grombühl

Beginn: 12.30 h (Einlass: 11.30 h)


Eintritt:
Festivalticket 70 Eur
Tagesticket Freitag 40 Eur
Tagesticket Samstag 40 Eur

5

Vorwort

Seit dem letztjährigen FreakShow-Festival am 1. Oktober hatte ich noch eine Rechnung offen, die ich zwar im Nachhinein auch nicht mehr 1:1 begleichen kann, die zumindest aber ersatzweise zu egalisieren mir das diesjährige, ursprünglich ja als On-Demand-Festival mit Änglagård als Headliner geplante Festival anbot. Denn letztes Jahr schien es fast so, als ob ich während des Festivals immer noch am Grübeln gewesen wäre ob des von mir nicht so recht verstandenen (wertgeschätzten triffts auch gut) Konzert von Aranis/Présent/UZ in Carmaux; leider ging dann auch das Festival in Würzburg etwas an mir vorbei.
Dieses Jahr war die Birne aber wieder frei, die Vorfreude auf Charlys ‚Privatparty im etwas größeren Stil’ war groß und ich hatte richtig Bock, mich in das, was der Zampano uns Zuhörern dieses Jahr um die Ohren knallen würde, reinzustürzen.

Das Schöne – und das bot auch dieses Festival in den meisten Fällen – an FreakShow-Bands ist Mal um Mal das Phänomen, trotz allen musikalisch-intellektuellen Anspruchsdenkens den Zuhörer bei der Stange zu halten, ihn durch die Art der musikalischen Konzeption (oder auch der visuellen Präsentation auf der Bühne) eben nicht zu nötigen, sich für die Dauer des Gigs eine weiße Wand zu großer Kunst denken zu müssen. Den (bandeigenen) Anspruch nicht um seiner selbst Willen präsentiert bekommen, sondern verbunden mit dem Quäntchen (jetzt kommts, das böse, böse U-Wort) Unterhaltung, um als Zuhörer hinterher sagen zu können, daß es auf unterhaltsame Weise horizontweitend war. Weiße Wände sind fad und Künstler, die sich zu ernst nehmen, auch.

Und üppig ging es diesmal zu: statt der an Zweitagesfestivals üblichen sechs Bands hatte Charly diesmal ganz achte geladen, also achtmal die volle Dröhnung mit dem Verwöhnarschoma (der mußte grad irgendwie sein), um wirklich jedem der anwesenden Zuhörer den abgesagten Auftritt dieser obskuren, ungreifbaren schwedischen Band vergessen zu machen Und ich kann eines vorwegnehmen: Charlys ‚Geister’austreibung hat funktioniert.


Freitag

Das Festival begann mit einem eigentlich so gar nicht vorgesehenen Deluxe-Opener, dem französischem Avantrock-Trio Jean Louis. Diese waren am Festivalfreitag gerade auf der Durchfahrt Richtung Osteuropatournee und kamen (und das Publikum dazu) zum Vergnügen, hier spielen zu können. Konzeptionell ist die Band ihrem Anarcho-Look treu geblieben: die Instrumente sind allesamt ebenso patiniert wie die Musik. – Was freilich in beiden Fällen nicht heißen soll: überkommen oder altbacken. Sondern vielmehr: nicht die (vermeintliche?) Sexyness des Perfekten, Makellosen verströmend. Und ganz passend zu Musik- und visuellem Konzept war dann auch der Auftritt, der – anderes als bei ihrem regulären Auftritt gut ein Jahr zuvor – deutlich rauer, weniger groovig war, weniger Elemente des Mitgehens bot. Diese kamen diesmal schon auch vor, aber noch viel deutlicher experimentierten Jean Louis diesmal mit unterschiedlichen Melodie- und Rhythmuselementen, und arrangierten diese wiederum zu komplexeren Einheiten, die thematisch dann die Stücke ergaben. So setzte Aymeric Avice am Gebläs (dies dieses Mal zumeist aus einer ‚clean’, ganz in Eingedenk symphonischer Klänge, gespielten Trompete bestehend) deutlich weniger das orale Doppelgebläs ein, spielt oftmals in filigraner Weise in Läufen auf, wirkt insgesamt (irgendwie stellvertretend für den gesamten Gig) weniger wuchtig, weniger brachial. Dies macht sich auch am Kontrabaß bemerkbar, in dessen Linien einige schöne neue (Retro-)Elemente Einfluß fanden: magmaeske Tiefbaßläufe waren ebenso herauszuhören, wie Reminiszenzen an die frühen Présent (um nur zwei markante Stellen zu nennen). Natürlich gab es auch ansonsten wieder Kontrabaßspiel der (für Jazzverhältnisse) unkonventionellen Art: wenig gezupft, viel wuselig-gestrichene Läufe; Joachim Florent macht hier Dinge am Kontrabaß, die beweisen, daß dieses Öltankerinstrument ebenso grazil manövrierfähig ist, wie ne Sportyacht – vielleicht sollten Jean Louis mal über Tuba als Ergänzung nachdenken. Zusammenpassen würden diese beiden Instrumente – geil gespielt – auf jeden Fall! Der ‚Rest’ war pure Rockpower: Francesco Pastacaldi hat stete Präsenz, treibt kraftvoll voran, nutzt dabei aber nur sparsam sein Metall, die Drums sind sein Ressort, weshalb ich Jean Louis auch ganz klar in der Avantrock-Ecke sehe. Freilich angereicht um alle möglichen Elemente aus Jazz und und und. Eben was ganz eigenes.

Danach spielen die Münchner Enhanced-Hardrocker 7for4 auf. Manch einem Konzertbesucher mögen sie in Anbetracht der in den vergangenen Jahren bei FreakShow-Festivals gebotenen Line Ups vielleicht zu berechenbar gewesen sein; andererseits hörte ich auch Stimmen, wie schön es doch war, auch mal ne Band ohne Saxophon dabei zu haben. Wie auch immer: meiner Beobachtung nach hat das Konzert insbesondere im ersten Drittel viel gute Laune verbreitet. Markus Grützner im zentralen Bühnenbereich war mit seinem Baß immer schön zur Stelle, hatte viel Drive dabei und bot in Form von wechselnden Unisonopassagen mit entweder Schlagzeug oder sogar auch Gitarre echte Hinhörer. Hätte man diese Elemente über das Konzert gesehen häufiger genutzt, wäre es ein über die Dauer wirklich spritzig-erfrischender Gig gewesen; so stand im weiteren Verlauf Wolfgang Zenk mit seinen Gitarrensoliausflügen zu oft im Kern des Geschehens, was eben im Hinblick darauf, was die Band ganz offensichtlich im Zusammenspiel leisten kann, verschenktes Potential war. Trotzdem: mir hats viel Spaß gemacht!

À propos verschenktes Potential.
Die nachfolgenden Schweizer des Lucien Dubuis Trio waren in den vergangenen Jahren immer mal wieder für FreakShow-Einzelkonzerte und auch -Festivals im Gespräch gewesen. Leider hatte es dann letztlich nie geklappt, allerdings verschaffte dieser Umstand der Band auch die Möglichkeit, sich aus der ziemlichen Unbekanntheit ins Gespräch zu bringen. So kannte ich im Vorfeld eines ihrer beiden frühen Werke, Tovorak, das es, da es Out-Of-Print ist, als kostenlosen Download auf der Homepage der Band gibt und das mit kickendem Rockfundament und einer sympathisch-schrägen Gebläsenote aufwarten kann. Entsprechendes hatte ich also auch für diesen Gig erwartet, ist die Besetzung über die Jahre hinweg doch dieselbe geblieben.
Doch leider wurde nur sehr wenig von dem übernommen, was mich im Vorfeld so heiß auf dieses Konzert gemacht hatte: Lucien Dubuis demonstrierte zwar auf eindrucksvolle, aber letztlich ziemlich technisch-kalte Weise die klanglichen Möglichkeiten seines Instrumentenarsenals (Tenorsaxophon, Baßklarinette, Kontrabaßklarinette), während die Rhythmusfraktion – die aus dem zumeist an der E-Gitarre (und leider viel zu selten am Baß) spielenden Roman Nowka und Lionel Friedli am Schlagzeug bestand – zu wenig zwingenden Rhythmus mit einbrachte. Fast hatte es mitunter den Anschein, als seien hier zwei mehr oder weniger unabhängige Teile am spielen; was hier fehlte, war die Verknüpfung, war die enzymatische Aufdröselung für den Zuhörer durch die entscheidende Verbindung beider Teile mittels Groove, Melodie oder beidem. – Gab es doch mal eine gemeinsame melodische Linie, fiel die Wahl hierbei auf Reggae. Warum?! Ich mein, das kann man mal machen, aber doch nicht in drei, vier Stücken! Dazu hat diese Band doch viel zu viele Möglichkeiten! Es wird wohl ihr Geheimnis bleiben, warum sie nicht mehr aus diesem Gig gemacht haben. Denn daß das ‚eigentliche’ Lucien Dubuis Trio, für mich jenes von Tovorak, den Wumms hat, der die schrägen Töne Dubuis mit der Rhythmusfraktion verbindet und der das Publikum im Sturm erobern kann, bewiesen die drei dann doch noch, leider erst am Ende ihres dann laut bejubelten Auftritts. Ein Konzert mit durchaus hervorstechenden Höhen, aber halt auch viel unnötigen Niederungen.

Den Freitag beschlossen, ben, qu’est-ce que c’est francophone cette année!, das französische Jazzrock-Quartett Guillaume Perret & The Electric Epic. Im Dunkel gestartet, leuchtete einem das innenbeleuchtete Saxophon Perret’s bedrohlich rot immer dann entgegen, wenn der Mann Gas gab (und das tat er häufig). Fiebrig spielte sich die Band, getrieben vom pumpenden Magma-Basser Philippe Bussonnet, Yoann Serra an den Drums und Gitarrist Jim Grandcamp in einen Endless-Stream-Rausch, der von Perret, nein, nicht gekrönt, sondern vielmehr pointiert abgerundet wurde. Denn herausstechend war hier eigentlich keiner so recht, denn das Feeling, das die Band hier generierte, stellte sich als Art Psychedelic-Jazzrock dar: Das Trio um diesen rauschhaften, pumpenden Baß, dazu Schlagzeug und Gitarre, erzeugt diese fiebrige, nicht zur Ruhe kommende Stimmung, abseits der Gewöhnlichen, aber weitem auch nicht in den Tiefen unverständlicher Schrägheit, die einen gefangen nimmt. Ein großartiger Abschluß eines tollen ersten Festivaltags.

Samstag

Am Samstag war irgendwo in der Stuttgarter Gegend Stau. Normalerweise denkbar uninteressant, Stau soll vorkommen. Wenn dieser Stau aber gegen 13 h, äh, existiert und sich in diesem Stau der Keyboarder der ansonsten in Würzburg bereits anwesenden, (mal wieder französischen) Neozeuhl-Band Scherzoo befindet, muß das für uns Anwesende leider interessant sein: das Konzert konnte nicht beginnen.

Doch Gelegenheit macht Gig. Chato Segerer, junger Gitarrist mit offensichtlich ausgesprochen tiefgehender Zappa-Affinität und bereits Gewinner eines Zappa-Cover-Wettbewerbs, nutzt seine Chance, auch in Würzburg live von sich reden zu machen, schnappt sich die Gitarre von Scherzoo-Gitarrist Mignot, schließt seinen MP3-Player als Bandersatz an – und legt los: komplett ungeplant. Aber bei weitem nicht ungeübt, denn was folgt, ist ein 45-minütiger Solotrip durch zappaeske Gefilde mit viel Laune, mit viel Engagement – und mit richtig gutem Feeling für die Musik! Ein super Lückenfüller, der im übrigen im Frühjahr 2013 in England mit einigen anderen Künstlern auf dem, auf die Initiative von Zappa-Head Idiot Bastard zurückgehenden Zappa-Coveralbum „On Broadway: Covers of Invention“ zu hören sein wird. Vielen Dank, Chato!

Wer dann in Grombühl ankam, war jedoch nicht der vermißte Scherzoo-Keyboarder, sondern SH.TG.N, die ja eigentlich erst nach Scherzoo, wohl gegen 14.30 h ran sollten. Stattdessen hieß es für sie nun: so schnell wie möglich aufbauen, Sound checken, loslegen. Und check: es wurde so schnell es ging aufgebaut, Sound gecheckt und – losgelegt. UND WIE!! Unwetterartig öffneten die Belgier im Saal einen Vorhof zur (Freak-)Hölle. Sängermann Fulco Ottervanger, stimmlich größtenteils (er kann auch clean) irgendwo zwischen AC/DC und Guns’N’Roses angesiedelt, kreischt immer wieder wunderbare Noisestafetten in die rockgeschwängerte Luft, während er wie ein vom Dämon Besessener drollige Moves auf der Bühne macht. Musikalisch bietet sich Very-Very-Hard-Rock, mit gelegentlichen Metalanleihen. – Aber was sollen diese Genreschmeißereien, wenn bei alledem die Keyboards angejazzte Läufe spielen und immer wieder das Vibraphon perlende Läufe beisteuert? – Und die Band dann das macht, was ich bei Gary Burton auch gern mal machen würde: reinschreddern! Ebenso werden Taktbetonungen zerschreddert, jedoch ohne die Musik sperrig-unzugänglich und den Hörer verständnislos, vereinsamt inmitten dieses höllischen Feuerwerks zu hinterlassen, sondern ihn dabei mit auf diesen Höllenritt zu nehmen. SH.TG.N sind ne echte Entdeckung! – Keine typische FreakShow-Band irgendwie (aber was ist das schon? Und nur, weil sie kein Saxophon dabeihaben?) – aber wo anders sollte so eine Band andererseits idealerweise schon auftreten? :) Klasse! – Ich votiere für ihr Debutalbum als BBS-Tip des Monats im November.

Irgendwann, im Laufe des Nachmittags, waren dann auch Scherzoo komplett und das Konzert der nach Neom anno 2010 nächsten Soleil Zeuhl-Band konnte beginnen. Angesiedelt zwischen relativ berechenbarem Jazzrock und Zeuhl der sanften Gangart, stand bei ihrem Konzert vor allem Saxophonist Renaud Vernet im Zentrum der Musik. Daneben wirbelte Keyboardmann Jérémy Van Quackebeke mit seinen Läufen umher, während Antoine Maury einen zwar zeuhlig-inspirierten, stets präsenten, aber irgendwie unoriginellen Baß beisteuerte. Zu unzwingend war das für Zuhörer, zu wenig fesselnd waren Saxophon und Gitarre einerseits, das Saxophon andererseits, vereint zur Rhythmusgruppe. Ich nehme an, von der Band hätte bedeutend mehr kommen können. Fakt ist, daß nach Erscheinen des zweiten Albums im Sommer dieses Jahres fast die gesamte Besetzung gewechselt hat; ich weiß nicht, ob man hieraus etwas für die Liveperformance ableiten kann. Ein wenig aussagekräftiges Konzert.

Retroprog ist bei mir ein ziemlich unbeschriebenes Blatt Papier. Von Wobbler hatte ich zuvor noch nie einen Takt gehört, aber allem Anschein in Äußerungen in Besprechungen & Co. nach muß es ja wohl deutlich talentlosere und/oder v.a. unkreativere Bands dieser Richtung geben. Entsprechend hatte ich gar keine Erwartungen. Zum Glück! Denn Wobbler machten Breitwandmusik mit bombastischem Ton und Licht (ha! Tolle Gelegenheit die inoffiziellen Mit-Bandmitglieder an den Reglerpulten dickstens zu loben!). Ich weiß schon, ich müsste hier jetzt irgendwas mit Yes schreiben. Yes und immer wieder Yes war auch hinterher allenorten zu hören. Fand ich nicht, für mich gibt es ‚den’ Yes-Sound nicht, dazu hatte die Band zu unterschiedliche kompositorische Elemente und Themen. Für mich stach hingegen viel deutlicher die Melodiesprache der alten Genesis heraus. Nicht penetrant-fortwährend. Aber dennoch stellenweise so deutlich, daß ich dann doch erstmal am Überlegen war, welches Stück, welche Stelle von Genesis… Dennoch erreichen Wobbler zumeist nicht die melodische Magie jener Klangsprache, wie sie mich ab den ersten Tönen von Watcher of the Sky fasziniert. Aber was solls? Einen mitreißenden Gig liefern Wobbler auch so ab! Begeistern mit formatfüllendem, analogem (oftmals als Mellotron daherkommendem) Tastensound, dickem, grummeligem Baß und gutem Gesang, der offenbar manchen Zuhörer an Jon Anderson denken ließ. Neben viel Material vom aktuellen Album Rites at dawn spielen Wobbler natürlich auch Stücke der vorangehenden Alben und eines dieser zwei Stücke von jenem 20-minütigen Demo, das ihre Nachfolgerschaft der damals inaktiven Änglagård untermauern sollte und das insbesondere aufzeigt, daß Wobbler von Anfang an keine Verlegenheitslösung fürs Festival-Line Up waren und mit Änglagård vermutlich ein hervorragendes Gespann abgegeben hätten. Als Retroprog-Solitär stehen sie auf jeden Fall in der Tradition symphonischer Progbands in Würzburg, die über die Flower Kings, Änglagård und Liquid Scarlet nun Wobbler zum zweiten Mal hierher geführt hat. Schönes Konzert! – So solls sein!

Es ist immer dasselbe, wenn Japaner hier sind: Schweißgebadete, ächzend-stöhnende Menschen (oder das, was noch von ihnen übrig ist), orgasmiert, außer sich vor Euphorie und Hingabe für die Musik; am Ende ihrer Kräfte. Was vor drei Jahren zuletzt Koenjihyakkei in dieser Intensität geschafft haben, schaffen nun Le*Silo als würdige Orgasmizer-Nachfolger. Orgasmize me!!! SchnAAk, Jean Louis… Le*Silo! Avantrock in unterschiedlichsten Ausprägungen. Und hier finden wir: Manga-Avantrock! – Und ähnlich wie beim Koenjihyakkei’schen Manga-Zeuhl dürfte es auch hier schwer fallen zu beschreiben, was genau da passiert ist. Etwas weniger intensiv (zumindest anders) als ihre Landsleute, brettern die drei Japaner stets mit Vollgas in die Gehörgänge des bis zum Ende immer weiter zunehmend enthusiasmierten Publikums. Obwohl sie eigentlich nichts viel anders machen als auf ihren Alben, ist das live doch alles nochmal ne ganze Ecke krasser. Frontfrau Miyoko Kanazawa am Keyboard feuert dabei immer wieder als Baßlinien angelegte Akkordstafetten in den Zuschauerraum, während Michiaki hinter seinen Trommeln des Yoshidas Nachfolger mehr als respektabel gibt und unablässig ein ganzes Gewitter herrlich unrunden Drummings auf uns eindrischt. Dazu Sitzgitarrist Yoshiharu Izutsu, der mit seinem oft flächig angewandten, dabei aber komplex gestalteten Riffing ebenso viel dazu beiträgt, die Band als ein dem Wahnsinn verschriebenes Ganzes, ohne einzelne Einheiten zu betrachten. Bevor dann nach einem schon zu diesem Zeitpunkt frenetisch gefeierten Auftritt die von Kanazawa – die im Übrigen sehr schön und sehr souverän zur Musik passende Ausführungen auf Englisch, Japanisch, Deutsch und Französisch zum besten gibt – angekündigte Zugabe steigt, gibts tatsächlich noch eine Runde ‚Muß I denn zum Städtele hinaus?’ von der Band. Auf Deutsch. Klasse! (Ich wüßte zu gern, was die Band als ‚Rausschmeißer’ bei ihrem Paris-Konzert am Tag zuvor zum besten gegeben hat!)
Die Zugabe schließlich führte dann vollends zu den anfangs beschriebenen Zuständen: Freakdancing war angesagt, das Zeug war tanzbar und wo Guillaume Perret’s Truppe ‚nur’ fiebriges Jazzrockfeeling generierten, da trieben einen die Japaner nun mit ihrem Herzinfarkt-Rockinferno bis kurz vor den totalen Kollaps! Spitze! Eine waschechte FreakShow-Band und der ideale Abschluß zweier mal wieder wunderbarer Tage voller Entdeckungen und schöner menschlicher Begegnungen!

Ein dickes Dankeschön an Dich, Charly!

P.S. Das Cairo war wie immer ein wunderbarer Konzertort. Aber auch das Felix-Fechenbach-Haus gab gerade am mit ca. 150 Leuten gut besuchten Samstag eine ideale Umgebung ab: nicht zu groß, nicht zu klein, konnten sich hier Schall und Luft, ebenso wie die Menschen angenehm verteilen.