Termin

FreakShow Festival Part One, Würzburg, 12.04.08

Titel:FreakShow Festival Part One
Art:Konzert
Am: Sa, 12.04.2008
Im: Jugendkulturhaus Cairo
In:Würzburg, Bayern
Link:http://www.artrock-festival.de

FREAKSHOW ARTROCK FESTIVAL 2008

"KLEIN, ABER FEIN"

unter diesem motto startet das dieses jahr relativ kurz angesetzte FREAKSHOW FESTIVAL mit einem line-up, das an obskurität diejenigen der letzten jahre noch übertrifft. und der musikalische bogen wird noch etwas weiter gespannt, denn diesmal ist zum ersten mal eine "jazzcore" formation mit von der partie. diese seit einigen jahren vornehmlich in italien, frankreich und den USA praktizierte form der verschmelzung von PUNK/HARDCORE mit elementen des JAZZ ist ist quasi die legitime brut des frühen jazzrocks der 70er, legt aber eher wert auf kompromißlose, rotzige performance als auf geschniegelte virtuosität.

THE HUB aus new york um 16:00 uhr als opener waren schon mal in unserer konzertreihe in würzburg und feiern mit dieser tour ihr 10jähriges bestehen.
http://www.myspace.com/thehubnyc
CHEER-ACCIDENT, drei multiinstrumentalisten aus chicago lassen sich stilistisch überhaupt nicht festlegen und haben für ihre erste europatour songs aus 20 jahren bandgeschichte im gepäck....am 11.4. sind sie übrigens in KARLSRUHE in der ROCK'N'ROLL BAR
http://www.myspace.com/cheeraccident
ANTHURUS D'ARCHER aus frongreisch sind glaube ich die erste band, die an einem FREAKSHOW FESTIVAL ohne schlagzeug antritt, aber die jungs entfachen auch so mit ihren drei gitarren, einem flötisten und einem saxophonisten und etwas elektronik ein feuerwerk an schrägen ideen und sounds, das man meint, DAVID ALLEN'S GONG wäre auferstanden und hätte sich der möglichkeiten und kompositionstechniken des neuen jahrtausends bedient...
http://www.myspace.com/anthurus

tickets an der tageskasse, einlaß 15:30

nach ende des festivals gegen 22:30 wird es im allseits beliebten IMMERHIN eine aftershowparty mit den retrobluesrockern von GRAVEYARD aus schweden geben.
http://www.myspace.com/graveyardsongs

 

4

Heuer fand das kleinste Freakshow Artrock Festival seit Menschengedenken statt. Zwar spielten bei der ersten Auflage 2001 ebenfalls "nur" drei Gruppen, aber dieses Jahr waren es nicht nur wenige Bands, sondern leider auch sehr wenige Zuschauer: 35-40, würde ich schätzen. Allerdings war auch das Line-Up sehr obskur, so dass mit dem mageren Zuschauerzuspruch zu rechnen war. Gottseiddank ist Obskurität im Prog-Umfeld im Allgemeinen und - auf Charly Heidenreich ist in dieser Hinsicht Verlass - beim Freakshow Festival im Besonderen nicht gleichbedeutend mit geringer musikalischer Qualität.

Den Anfang machte - ziemlich pünktlich - das Trio The Hub, früher in der Besetzung Bass-Schlagzeug-Saxophon, jetzt statt des Saxophonisten mit einem Keyboarder unterwegs. Die New Yorker spielen einen avantgardistisch angehauchten Jazzrock (manchmal klang dies wie eine Freejazz-Combo, die C64-Computerspiel-Musiken interpretiert), bei dem immer wieder das Schlagzeug des Lead-Instrument ist, während Bass und Keyboard die Rhythmus-Gruppe geben.

Der neue Keyboarder benutzte das komplette Konzert einen mehr oder minder gleichen angezerrten, aber piepsigen Summse-Orge-Sound (vergleichbar mit Mike Ratledges Signature-Sound bei den frühen Soft Machine, aber weniger fett), was das Konzert auf die Dauer etwas eintönig wirken ließ. Mit organischerem Saxophon-Klang hätte es mir wahrscheinlich besser gefallen. Da der Auftritt The Hubs aber nur eine gute dreiviertel Stunde dauerte, blieb der Nerv-Faktor gerade so im grünen Bereich.

Auch die auf The Hub folgenden Cheer-Accident aus Chicago kamen zu Dritt, aber als klassisches Power-Trio: Bass, Gitarre, Schlagzeug. "Power" ist auch das richtige Stichwort, denn ihr Auftritt war kraftvoll und mitreißend: Komplexe, überwiegend instrumentale Kompositionen aus der kompletten Bandgeschichte (inklusive einiger neuer Stücke vom kommenden Album, das bei Cuneiform erscheinen wird), die aber immer - vor allem Dank Schlagzeuger Thymme Jones - grooven wie Sau.

Fix hat den Auftritt anschließend als "komplexere Rush" beschrieben, was einen ersten Eindruck gibt. Vor allem kombinierten Cheer-Accident aber ihren Druck und ihre Komplexität mit leichten, unaufdringlichen, gelegentlich die Zuschauer einbindenden Performance-Kunst-Aspekten.

Sehr, sehr cool (auch wenn's aufgeschrieben vielleicht doof klingt) etwa die Passage, als die Band etwa 10 Minuten lang bei einem einzigen Riff verharrte - im wahrsten Sinne des Wort, denn auch die Musiker standen während dieser Zeit wie versteinert auf der Bühne herum. Im Zuschauerraum wurden erst die ratlosen Gesichter immer länger, dann das Gemurmel immer lauter, bis Charly die Band sogar erst mit Geld, schließlich - bei Musiker erfolgversprechender - mit Bier dazu überreden wollte, "weiterzuspielen". Cheer-Accident zeigten sich aber von allen Maßnahmen unbeeindruckt, wurden ganz, ganz graduell immer leiser, hörten auf - und stiegen unvermittelt und auf den Punkt mit einem neuen, komplexen Riff wieder ein. Wie gesagt: Cool.

Auf ihre Art und Weise cool waren auch Anthurus d'Archer aus Poitiers, deren Musik sich nur sehr, sehr schwer mit Worten charakterisieren lässt. In einer Besetzung von zwei-einhalb Gitarren (siehe unten), einem halben Bass, Flöte und Sax/Midi-Sax machen sie eine Musik, die von einer zur nächsten Minute die Richtung wechselt und in der Jazz, Funk, freie Improvisation, Hardrock und generelle Seltsamkeit vermengt werden.

Aber trotz dieser unvorhersehbaren Gemengelage lief sich das Konzept für mich nach einer Weile tot, was aber auch am nicht-vorhandene Schlagzeug gelegen haben mag - auch wenn Bandchef Ü Gandrio de Janeiro (yep) teilweise auch Rhythmus-Samples abfeuert. Dies tat er neben einem Fußschalter auch über ein an Instrument gepappten Taster. Ich schreibe bewusst "Instrument", denn anscheinend handelte es sich um eine Gitarre, die mit zwei Bass- und Gitarren-Saiten bespannt war, eine Kombination, die de Janeiro beeindruckend virtuos zu bedienen wusste und damit funkig-vespielte Bass-Linien genauso wie komplexe Gitarren-Läufe und -Riffs erzeugte. Hier wurde mit einem scheinbaren Gimmick wirklich überzeugend Musik geschaffen.

Dennoch: Cheer-Accident waren für mich eindeutig die musikalischen Gewinner dieses Festivals und obendrein - wie sich nach ihrem Auftritt vor der Tür und an ihrem CD-Stand zeigte - sehr nette und lustige Zeitgenossen. Falls jemand wissen will, was er verpasst hat, empfehle ich - zumindest für die abgedrehte, komplex-dissonante Seite ihrer Musik - das Album "Babies Shouldn't Smoke". Und wer Charly etwas Gutes tun will, um die niedrigen Eindrucksgelder etwas auszugleichen, bestellt bei ihm das ebenfalls hervorragende und von Charly erstmals auf CD wiederveröffentlichte "Sever Root, Tree Dies".