Termin

Heinz Karlhausen & The Diatonics, Würzburg, 12.12.12

Titel:Heinz Karlhausen & The Diatonics
Art:Konzert
Am: Mi, 12.12.2012
Im: Immerhin
In:Würzburg, Bayern
Link:FreakShow-Homepage

Sonata for hand grenades

Alle Jahre wieder kommt das belgisch-niederländische Baß-Saxophon-Schlagzeug-Trio nach Würzburg. So auch nun in der beschaulichen Adventszeit als verspäteter Knecht Ruprecht: wo andere frostelnd mit kalten, starrgefrorenen Fingerspitzen ihre Tasse voller klebrigem Billigglühwein umklammern wie die Boje in der aufgewühlten See, da heizen die drei Jungs tief unter den Ex-Posthallen all jenen ein, die von derlei klischeebeladenen Beschaulichkeiten die Schnauze voll haben: Jazzcore steht an und wers nicht glaubt, wie geil es sein kann, wenn sich Schlag- und Baßzeug zur beinharten Unisonowucht vereinen während das Saxophon parallel sein eigenes Ding macht... quietscht..., der möge hier dringendst herbeieilen und staunen.

Text übernommen von Homepage der FreakShow Würzurg. Mit herzlichem Dank.

Reinhören beim MySpace der Band und unter diesem Bandcamp-Link.

5

„Gute Leute muß man eben haben. Gute Leute.“ („Der Alte“ in „Das Boot“)

Eine Band kann noch so ambitioniert antreten, noch so viele Ideen und Einfälle haben. Hinkt das Personal hinter diesen selbstgesteckten Erwartungen zurück, kann die volle Vielfalt möglicher Virtuosität nicht ausgespielt werden.

Das italienisch-niederländisch-portugiesische (eigentlich müßte Gonçalo Almeida vorndran stehen, zeichnet er doch für einen Großteil der Kompositionsarbeit verantwortlich) Trio hat diese Sorge nicht: das Dreierpersonal an Schlag-, Niedrigfrequenzsaiten- und Gebläseinstrument strotzt vor Virtuosität und kitzelt aus den Ideen und Kompositionen durch pures Können, aber auch durch souveränen und unverkrampften Umgang mit Pedalerie das Maximum heraus.

Im Grunde könnte ich an dieser Stelle nun guten Gewissens auf meine Konzertbeobachtungen während ihres Würzburger Premierenkonzerts am 24. Februar 2010 verweisen. Im Grunde ist der Bericht dann hier auch schon zuende (tschüß, ihr Kurzangebundenen!).

Dies würde en détail aber (schön, daß ihr geblieben seid, ihr, die sich noch etwas Zeit nehmen) nicht der ohne Schwierigkeiten erkennbaren Weiterentwicklung der Band gerecht werden, die ich zwischen ihrem damaligen und dem diesjährigen Konzert ausmachen konnte. – Vieles von dem neuen Material entsprang übrigens Ideen, die – wie mir die Band im Anschluß mitteilte – man zuvor noch nicht hatte unterbringen können.

Verblüffend ist nach wie vor, mit welcher Luftigkeit die Band ihren Stil aus sämtlichen darin vernähten Elementen präsentiert: Denn, mal ganz ehrlich, Jazz – Core, dieser Begriff - orthodox betrachtet - hat vermutlich eine Sexyness, die wertzuschätzen man schon gewisse Züge eines Nerds haben muß. Bevor bei Heinz Karlhausen aber der falsche Eindruck aufkommt, gerade viel zu viel (das es in dieser Masse nicht ist) schräges, nichtssagendes Rumgebolze (ein solches ist es nicht) zu hören, geht es stilistisch immer weiter daß es eine helle Freude ist und einem die Mundwinkel auseinanderzieht: die Jungs pfeifen auf stilistische Reinheitsgebote und orthodoxe Dogmen, lieben experimentellen Noise (nicht Noiserock!), spielen immer wieder mit den Möglichkeiten ihrer Effektgeräte, erweitern so die Bandbreite ihrer besetzungsbedingten instrumentellen Einschränkung vielfach, wobei dies der Komplexität ihrer Musik keinen Abbruch tut. Neu in ihrem Stil ist ein Bekenntnis dazu, psychedelisierten Klängen, v.a. am Baß, Raum verschaffen zu wollen *, beschwörend-eindringlich gespielte Repetitivgrooves einfließen zu lassen und noch mehr als vor fast drei Jahren konträre Positionen von Lautstärke, Tempo, Klangfarbe in unmittelbarer Nähe gegenüberzustellen. Denn so, wie die Musik nun stellenweise heruntergebremst wird, sich die Band dann Zeit nimmt, der Langsamkeit und (für ihre Verhältnisse) Stille Ausdruck zu geben und es zu schaffen, diese langsamen Passagen dem Hörer nicht als triviales Füllmaterial zu servieren, diese Reichhaltigkeit hatten sie damals noch nicht – und schon damals hinterließen sie einen wahrlich nachhaltigen Eindruck bei mir.

Natürlich (und gottlob!) zelebriert die Band auch weiterhin ihr beeindruckendes Unisonospiel, wobei mich natürlich insbesondere sehr gefreut hat, daß das Traumpaar Baß und Schlagzeug nach wie vor sehr verliebt zu sein scheint, denn nirgends habe ich bisher so viel traumhaft knackig-kompakte Unisoni gehört, die den tiefsten Wumms aller mir bekannten ‚New/modern Jazzrock’-/Jazzcore-/Freak(Show)Rock-Bands gleich frei Haus mitliefern und die zugleich so essentiell zum Stil der Band gehören wie bei ‚HKDiatonics’.

Jungs, wir sehen uns wieder! – So eine prachtvolle Schaufel Sand, äh, Bombast-Jazzcore (da isser doch nochmal, der böse, widersprüchliche und irritierende Begriff) schmeißt einem der liebe Gott nicht jeden Tag unter den Kiel.

Das FreakShow-Jahr, es endet würdig mit einer echten FreakShow-Band.


* Ich sag nur: das Intro! – Das haben sie als Ouvertüre zwar auch auf ihrem Album drauf, aber lange nicht so gespielt wie live. - Wehe wenn sie losgelassen!