Termin

Kayo Dot, Würzburg, 07.02.11

Titel:Kayo Dot
Art:Konzert
Am: Mo, 07.02.2011
Im: Kulturhaus Cairo
In:Würzburg, Bayern

Support: Tartar Lamb

5

Korrektur, 12.2.11: Leider ist mir bei der ursprünglichen Benennung des Schlagzeugers ein Fehler unterlaufen. Es handelte sich nicht um Simon Beyer von 'The Season Standard', sondern um Johannes Döpping, beide stehen bei Discorporate Records unter Vertrag.
Entschuldigung hierfür.
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Charly Heidenreich zeigt
Eine Kayo Dot & Co. Produktion
Featuring Johannes Döpping

Der gestrige Abend stand völlig im Zeichen der Avantband Kayo Dot aus Brooklyn, die in ihrem Kielwasser weitere Gäste mitgebracht hatte: die besetzungsähnlichen Tartar Lamb und deren Klarinettisten Jeremiah Cymerman. Letzterem oblag die Ehre, den Abend eröffnen zu dürfen.

1. Vorspiel/Einleitung/Vorbereitung aufs Thema: Das Klarinettenpräludium
Nur ausgestattet mit seiner Klarinette und diversen Samples begann das Konzert auf erschreckende Weise furchtbar quietschig-schräg. – Nichtssagend, so wie man mit leeren Augen ideen- und verständnislos (gar zu) moderne Kunst oder einfach eine weiße Wand betrachtet in der Hoffnung, in ihr die große Antwort auf Alles zu finden. Mit vorgespeicherten Samples unterlegt hantierte Herr Cymerman aber sehr geschickt darin, nicht nur während des Spielens an den Samples zu werkeln, sondern in diese auch immer wieder live eingespielte Sequenzen einzubauen, so daß oftmals die Grenze zwischen reell Gespieltem und Gelooptem verschwamm. Dazu kamen die durchweg sphärisch daherkommenden Samples im Hintergrund, die einen starken (im wahrsten Sinn) Hintergrund zu der vordergründigen Abstraktion des Unvollkommenen darstellten, das wie eine ellenlange Aneinanderreihung von Hirnströmen des Musikers anmuteten in ihrer frei dargebrachten Form. ‚SpaceFreeJazz’ schoß es mir durch den Kopf und irgendwie konnte ich mit dieser Schublade nicht nur ganz gut leben, sie half mir sogar, das Gehörte irgendwie gut zu finden.
Derlei Herausforderungen an sich wären ja nichts Außergewöhnliches bei einem FreakShow-Konzert. Hier passierte aber etwas Besonderes: der irrlichtende Musiker fand sein Ziel. Nach aller Unzugänglichkeit zuvor, teils mit verqueren Läufen, teils nur bestehend aus mundstücklos eingetröteten Geräuschen, kam Cymerman am Ende an in einer, unter diesen Umständen fast schon surreal anmutenden, Welt voller Harmonie. Ganz so, als habe er zuvor suchen müssen, habe geradezu ringen müssen, um endlich in dieser Welt der Vollkommenheit, der Schönheit ankommen zu können.
Und da verstand ich, konnte beruhigt die Schublade wieder zumachen und wußte, einer der ergreifendsten Darbietungen einer FreakShow beigewohnt zu haben.

2. Interludium: Hin(unter)führung in die Tiefen des menschlichen Seins
Herr Cymman blieb einfach sitzen und konnte warten bis der Rest der nun konzertierenden Tartar Lamb die Bühne betreten hatte, die im Wesentlichen das spätere Lineup von Kayo Dot vorwegnahm. Es spielten hier ein Doppelsaxophon, Keys, Gitarre und eben wieder Klarinette.
Die Musik von Tartar Lamb war von Anfang an von einer Stimmung beherrscht, die ich als blasse Kälte eines Herbstmorgens empfinde. Fahl, blaß, nicht gänzlich neblig-trüb, nicht sonnendurchflutet hängt eine merkwürdige Stimmung über der Szenerie, die sich mir als morbide Schönheit, als fragile Harmonie darstellt: nichts ist hier sicher, Harmonien ebensowenig wie Disharmonien und man wird gefangengenommen von dieser allzu menschlichen Seite des Seins. Denn auch hier spielt die Unvollkommenheit eine zentrale Rolle. Nicht wie im einleitenden Solokonzertino auf die musikalische Ebene beschränkt, sondern diesmal eher auf die emotionale Ebene fokussiert.
Doch anders als zuvor Cymerman solo befreiten sich Tartar Lamb nicht aus den Tiefen der, wenn nicht Düsternis zu nennen, dann doch Trübnis: einmal dorthin abgestiegen blieben sie weitestgehend dort. Zwar herrschte passagenweise Harmonie von Seiten der Saxophone, der Gitarre und der Keys vor, aber die Klarinette geriet hierbei auf harmonische Abwege, konnte (oder wollte?) dem Weg der anderen nicht folgen. Ein schmaler Grat nur, der hier zur Verfügung stand und dem Zuhörer letztlich offenließ, wie die Geschichte zu Ende geht.

3. Hauptthema und Finale
Vorhang auf für den Headliner des Abends: Kayo Dot mit ihrem unzweifelhaften Frontmann Toby Driver, der hier von Gitarre auf Baß umgestiegen ist. Drei Stücke wurden gespielt: ein eher kurzes zu Beginn, ein richtig langes in der Mitte und eine längere Zugabe, die ein Medley gewesen sein könnte.
Das Eingangsstück irritierte, wenn man (wie der Autor) Kayo Dot bislang nur über ihr jüngstes Kind Coyote kannte, durch schöne Harmonien: getragen von kirchenglockenartigen Melodieläufen und zweistimmigem Gesang kam das Stück fürwahr hochinteressanter Kirchenlied-Avantgarde daher und blieb diesem Konzept über seine Gesamtdauer treu.
Es folgte: das Highlight, ihr Album Coyote über dessen Gesamtdauer. Transportiert schon die Studioaufnahme eine unheimliche Dichte an Befangenheit, so erfaßt einen diese live unmittelbar. Allein Toby Driver die Worte ‚Help me! I’m disappearing!’ schreiend-wehklagend zu hören - und zu sehen! – verursacht in der dargebotenen Intensität Gänsehaut und eine an Unmittelbarkeit schwer zu übertreffende Dichte, die so durch, oftmals ja eher abstrakt orientierte, RIO-/Avantgruppen nicht oft generiert werden dürfte. Zumindest ist es allein schon verblüffend, daß trotz des massiven Bläsereinsatzes von Sax und Trompete keinerlei Anlehnung an unnahbare Jazzcore- oder Freejazzstrukturen aufkommt. Zu organisch, vor allem aber zu ehrlich wirkt das alles angesichts dieses abgrundtief traurig-verzweifelten Hintergrunds der dem Stück zurunde liegt und während ich dies hier schreibe weiß ich genau, daß all diese theoretischen Beschreibungen bei Weitem nicht hinreichend sind, sein können, um Coyote live zu beschreiben: der für die Europatournee engagierte Johannes Döpping (SchnAAk, Tarentatec, Osis Krull) am Schlagzeug, ebenso wie das mit schweizer Uhrwerkspräzision vollzogene Timing können ebenso als schiere Wucht genannt werden, wie, ganz allgemein, das gesamte Zusammenspiel der Band, hier insbesondere das innerhalb aller Wucht nochmals intensivierte Zusammenspiel von Baß und Schlagzeug (ist im Zusammenhang mit Kayo Dot eigentlich schon einmal das Wort Zeuhl gefallen? ;) ).
Wer also mit Coyote auf CD nicht so recht klarkommt, wem da der Zugang fehlt oder wer ihn hat und das alles, auf die Spitze getrieben, intensivieren und superlativieren möchte, dem sei dringend angeraten, schnellstens eines der restlichen Konzerte aufzusuchen!!
Ahja, ne Zugabe gabs ja auch noch… Die war aber, naja, davor gabs halt nunmal Coyote… :) Wohl aus den Anfangsjahren der Band stammend wurde hier eine Art AvantDoom (vielleicht auch sophisticated Doom) gespielt, die für nach-Coyote zu einfach, zu straight war und dem Vorhergehenden gegenüber etwas banal daherkam. Ein ‚versöhnlicher’ Abschluß wurde letztlich doch noch gefunden, indem das Stück relativ unvermittelt in wohlgefällige, harmonisch-schöne Strukturen überglitt und dort auch ausklang.

Das Ende eines wunderbaren Abends, mal wieder ein dickes, dickes MEEERCI an Charly!

Und last but not least die Anmerkung, was für ein wunderbarer Raum das Cairo für Konzerte dieser Art ist.