Termin

La Société des Timides à la Parade des Oiseaux, Würzburg, 09.03.14

Titel:La Société des Timides à la Parade des Oiseaux
Art:Konzert
Am: So, 09.03.2014
Im: Immerhin
In:Würzburg, Bayern
Link:Konzertinfos

Die Termine der Märztour 2014 in der Übersicht

30 Jahre STPO!

Die Strafprozeßordn... Ok, der ist alt im Zusammenhang mit der Gesellschaft der Schüchternen bei der Vogelparad... Moment... Ja, stimmt ja, die direkte Übersetzung geht noch weniger... Wie wärs denn dann hiermit: 2014 feiert ein hochkreativer Prog-Dino großes, nämlich 30. Jubiläum! – Dumm, daß "la STPO" fast koa Sau kennt. Dumm? Zumindest schade, denn la STPO ist eine Klapp-war-der-Unterkiefer-unten-Band. Die Musik der STPO ist wie ein Magnetar. Oder wie ein riesengroßes Wimmelbild. Hochkomprimierte Ideen von höchster Güte. Freigesetzt umgibt den Hörer pure Prog-Energy. Magie! La STPO sind magisch! Kennt ihr nicht? Kennenlernen!

p-dt-Redakteur Thomkat hat das kompakter einmal so beschrieben: "In ihrer Musik verschmelzen die Franzosen kammermusikalisches, avantgardistisches, theatralisches, humoristisches zu einem ganz eigenen Gemisch. Gesungen wird in französisch, englisch, spanisch und sogar deutsch."
Wimmelbild-Prog vom Feinsten: zum Entdecken, Staunen, Lachen.

Vier Konzerte in -Land.

Zur Bandpage

Beginn: 17 h

5

Noise! Noise bei der Freakshow, das ist äußerst selten. Der Auftritt des Duos Locusta Migratoria war aber auch eher Goodie, denn offiziell angekündigt war er nicht.
Aber was heißt da „Goodie“? Noise im Sinne von „Geräusch“ (nicht im Sinne von „Lärm“) kriegt mich – nicht immer, aber gerne mal. – Der ca. 30-minütige Longplayer ist ein tolles Synthie-Gitarren-Hörspiel. Space-Noise pur bietet die, äh, Band mit wabernden Synthiesamples, verzerrten Saitenaschlägen – und pfeift (Noise!) gänzlich darauf, dem Hörer irgendetwas Vorgefertigt-Melodisches mit ans Trommelfell zu geben. Brain Music mit Warp-Drive, interstellaren Spaceship-Battles - und bestimmt auch noise-esk vertonten Heldenepen :). Das eigene Hirn führt Regie bei den daraus resultierenden Bildern und es macht Spaß, den beiden dabei zuzugucken, wie sie diese – summa summarum doch eher schlichte Musik – mittels Loopings Schicht um Schicht zu gewaltigen Sounds auftürmen (müssen sie ja doch auch nicht weniger als das Weltall füllen...). - Aus wenig viel herauszuholen: ich halte es für eine Kunst.

Spannend stelle ich mir diese Musik beim Melt-Festival vor: die Kombination von Soundwalls, akustischem Raum – und den gerne benutzten Strobos – stelle ich mir vor dem Hintergrund der Kohle-Dinos immens wirkungsvoll vor.

Gekommen waren die in unüberschaubarer Anzahl von nah und auch ziemlich fern Angereisten aber wegen ihr: der Société des Timides à la Parade des Oiseaux!
Über die grundlegende (Live-)Veranlagung der Band brauche ich an dieser Stelle nicht zu sprechen, das liest sich an anderer Stelle detaillierter.

La STPO sind Musikregisseure, -arrangeure, -magier. Zwei 25-Minüter im Programm, das gesamte eineinhalbstündige Konzert mit einer Setlist von sechs Stücken nominell so kurz wie bei ‚herkömmlichen‘ Rockbands die erste Viertel- oder Halbestunde – und doch so reichhaltig wie wohl manches Festival im Ganzen.
‚In der Kürze liegt die Würze‘ hör ichs unken? – ‚Kommt darauf an‘ – sag ich. Denn la STPO schaffen es, ihre Größer-Zehnminüter auf Zug zu halten und selbst den Zwanzigminüterundmehr eine gefühlte Kompaktheit zu geben, die verblüfft.
Tatsächlich erscheint mir der Opener „Dieu est un passage dernier“ als dasjenige Stück, welches am meisten von bruchhaften Strukturen gekennzeichnet ist; fast collagenhaft wirkt das opulente Stück.
Konziser dagegen die bereits von Studioaufnahmen bekannten „Le Minisme“, „L’intitulé Crème“ sowie die beiden Zugaben „L’imparfait“ und „Mon nom est multitude“.
Aber was genau heißt schon „konzise“ im STPOischen Sinn? – Die tonale/melodische/kompositorische (auch emotionale) Überraschung wartet stets; oftmals nicht offensichtlich, sondern ihrer genauen Beobachtung harrend. Pascal Godjikian & friends könnten dabei – da bin ich mir absolut sicher – jederzeit machen was sie wollen. Das ist es, was der Musik der STPO auch diese Wirkung (bei genauerem Hingucken) verleiht: diese Virtuosität, diese Souveränität, die es allen beteiligten Musikern erlaubt, aus bekannten Strukturen Neues zu erschaffen, und bestenfalls inspiriert, aber nicht kopierend absolut eigenständig zu sein. – Etwas, das vielleicht auch mit eine Folge des kooperativen Kompositionsprozesses sein mag, von dem Leader Godjikian (mal wieder ein großes Erlebnis, der Mann ‚an den Stimmen‘) im Anschluß des Konzerts sprach.
Erstaunlich oft nämlich bildet der good old 4/4 die rhythmische Basis – nur: niemand würde behaupten wollen, la STPO wäre geradlinig oder darum weniger anspruchsvoll; sie kreieren traumhaft fantasievolle Dinge um eine solche ‚Standard-Rhythmusbasis‘ herum. – Oder um es mit anderen Worten (dem Brückners Nik seine Worte zum Death Defying Unicorn auf den BBS) auszudrücken, die sich hier perfekt zitieren lassen:
Es ist wie in der Malerei: Malt jemand einen Punkt, weil er nichts anderes malen kann? Oder kann er viel mehr, will aber mit dem Punkt ein künstlerisches Statement machen? Und in der Musik? Musik muss nicht kompliziert sein, Musik muss gut sein.
La STPO beherrschen die komplette Klaviatur von offensichtlich bis hin zu verkappt kompliziert. – Aber immer in ‚gut‘.

Das Highlight des Konzerts war zugleich ein musikalisches Denkmal: eine ca. 25-minütige Hommage an die Heldentaten der Liquidatoren von Tschernobyl (nicht, ohne dabei auch Fukushima zu nennen), ohne deren Eingreifen die Katastrophe womöglich noch weitaus gravierende Folgen – auch für Westeuropa – hätte haben können.
Auf ähnlich szenische Art wie der Opener begleitet das mehrteilige Stück den letzten Arbeitsgang der aus der gesamten Sowjetunion herangezogenen Männer. Beginnend mit dem eindringlich in vielstimmiger Weise – teils ‚live‘, teils geloopt übereinandergebaut von sämtlichen Instrumenten – intonierten Katastrophenalarm in jener Nacht des April 1986, sorgt das Stück für langanhaltende Gänsehaut, der Schrecken wird hör-, wird spürbar: verflogen ist das Humoreske, die Band meint es ernst. Hektische Maschinengeräusche, zerrüttete Tonabläufe: etwas Furchtbares ist passiert, etwas hat den Fluß der nuklearen Energieerzeugung unterbrochen, alles ist aus dem Rhythmus. Verwirrung, Chaos, Angst. – Und dann ist da plötzlich dieses treibende, fast manische Rock-Intermezzo. „Verdammt, la STPO! – Was soll das?! – Was soll ich mit diesem Rock-Zeug? – Ich war gerade betroffen, nachdenklich, ernst; ihr hattet mich! – Wo ist da die Verbindung?“ – Gut, daß ich ,ich nach dem Konzert bei der Band danach erkundigt habe: gerade die treibend, eher straight gehaltenen Intermezzi sind es, die der Stärke der Männer auf dem Dach des und um das zerstörte Reaktorgebäudes herum die Reverenz der Dankbarkeit erweisen sollen. – Bevor es, so intensiv inszeniert wie der Eröffnungsteil des Stückes, langsam aber sicher zuende geht mit jenen, um die es im Stück geht.
Ein starkes Stück Musik! Ein forderndes Stück Musik! Große Kunst!