Termin

La Société des Timides à la Parade des Oiseaux, Würzburg, 27.10.10

Titel:La Société des Timides à la Parade des Oiseaux
Art:Konzert
Am: Mi, 27.10.2010
Im: Cairo
In:Würzburg, Bayern

Französische Avantgarde-Formation, die bereits seit Mitte der 80er Jahre existiert. In ihrer Musik verschmelzen die Franzosen kammermusikalisches, avantgardistisches, theatralisches, humoristisches zu einem ganz eigenen Gemisch. Gesungen wird in französisch, englisch, spanisch und sogar deutsch.

Beginn: 20:30 Uhr / Einlass ab 20:00 Uhr

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Tät es ‚La société des timides à la parade des oiseaux’ (kurz und einfach: la STPO) noch nicht geben, man >müßte< sie erfinden, unbedingt! Denn selten bot sich mir eine Band als so vielfältig, als so, hm, ja, quintessenzig im Geist progressiver Musik wie la STPO.
Was hatte ich da im Vorfeld des Konzerts für ein schiefes Bild: amelodisch sei das, was sie bieten, gar arhythmisch. Brrr! Also wieder so ein Sprung ins kalte (Konzert-)Wasser, wieder gar so ein Konzert, das man sich eher aus Bildungs-, denn aus emotionalen Gründen ‚antut’? Weit gefehlt! Einem großformatigen Kinderbuch gleich, bei dem die liebevollen Bilder mit all ihren Ausschmückungen und Details wichtiger sind, haben la STPO genau ihre Nische im Subuniversum progressiver Musik gefunden, wo sie sich pudelwohl und – man merkts! – daheim fühlen: da wird das Publikum mitgenommen auf Reisen ins Tal der Spuren (La vallée des empreintes) um später ausgestorbenen Naturvölkern in Amazonien nachzuspüren sowie die französische Innen- (Le minisme) und Außenpolitik (Colonies) kritisch auf den Prüfstand zu stellen und billige Bücher-Sonderangebote zu hinterfragen.

Das Konzert beginnt mit tiefem Stimmengrollen des unbestreitbaren Bandleaders Pascal Godjikian und dem ca. zehnminütigen Stück ‚Son essentiel’ das bereits tief entführt in die Reichhaltigkeit stpo-ischen Schaffens: über von flächigen Riffs dominierte Passagen wandert das Stück, gut in Spannung gehalten durch fein gesetzte und getimte Breaks, immer weiter, hin zu elegischen Parts der effektvoll in Szene gesetzten E-Gitarre sowie des nun mit Bogen bearbeiteten E-Basses um letztlich in einer Quasi-Akustikpassage zu enden. – Oder war das bereits in einem anderen Stück? Denn la STPO bieten so Vieles, nur keine Einheitskost. Vielfalt ist oberstes Gebot und das drückt sich bereits in der Multiinstrumentierung aus: Guillaume Dubreu an Baß, Trompete und Cello, Patrice Babin an Schlagzeug, Xylophon, und Amazonastrommeln (wenn einer weiß, was ich mein, bitte gern Rückmeldung, ich tauf die jetzt mal inoffiziell so ;) ), Christophe Gautheur überwiegend am Keyboard, teils jedoch – und zwar völlig überraschend! – an der Klarinette sowie JimB an E-Gitarre (in diesem Fall über weite Strecken gleichbedeutend mit Effektmaschine und psychedelischem Soundgenerator) und teils als Unterstützung an der Percussion. Hab ich wen vergessen? Ah ja, Pascal Godjikian, den Leader: an den Stimmen. Denn irgendwie kam der Eindruck auf, er würde sich nach dem Konzert die Maske vom Gesicht ziehen und Christian Décamps kommt zum Vorschein. Von den tiefsten Tiefen, in die höchsten Höhen, von Zerrissenheit geplagt, von Freude erhöht, ist es oft Godjikian, der das eigentliche Leitinstrument, stets sicher in Lage und Ausdruck eingesetzt, selten affektiert (und wenn, dann humoresk konterkarierend), spielt, während die Band die Rolle des Begleitcharakters einnimmt, freilich nicht, ohne dabei Godjikians Ausdruck und Emotionalität fein nuanciert zu unterstützen, denn auch hier hat das Detail oberste Priorität, wird nur selten geloopt oder allzu lange im einzelnen Riff verharrt. Dazu hat die Band viel zu viele Möglichkeiten in ihren Kompositionen und schafft es so, anscheinend mühelos und damit für den Zuhörer weniger anstrengend – oder gar unzugänglich –, als vielmehr äußerst spannend, Übergänge zu neuen Aspekten ihrer oftmals ausgedehnten Stücke zu schaffen, um so Unterkapitel, Bilder zu öffnen, die so während des vorhergehenden Motivs nicht unbedingt erkennbar waren. Das kann der erwähnte Einsatz von Breaks sowie psychedelischer Elegie, (Einzel-)Vokalpassagen, klassisch orientierten Passagen mit Cello, Xylophon, Klarinette und – nicht zuletzt – ausgeflipptes Zeug, mit richtig, aber so richtig viel Spaß dahinter: la STPO haben eine wunderbar humorvolle Seite und ich hab selten so viel gelacht während eines Konzerts (Tip: ‚Lorsque’ auf ihrer CD ‚Tranches de temps jeté’).

Letztlich bieten la STPO all das, was es so wertvoll macht, neugierig gegenüber neuen Bands, neuen Einflüssen zu sein, die süchtig machen können nach frischen Emotionen und alte, bekannte Pfade ruhig mal zu meiden.