Termin

Lazuli, Aschaffenburg, 28.05.10

Titel:Lazuli
Art:Konzert
Am: Fr, 28.05.2010
Im: Colos-Saal
In:Aschaffenburg, Bayern

Beginn: 21:00 Uhr (Einlass: 20:00 Uhr)
Karte: 18,60 EUR zzgl. VVK-Gebühr

4

So ein bisschen unsicher war ich schon… das erste Konzert von Lazuli in der neuen Besetzung. Wie würde das werden, ohne die mächtige Rhythmusgruppe, dafür mit Keyboarder?

Aber: „Lebbe geht weiter“ ;-) Der Colos-Saal war schon nach 20 Minuten komplett aus dem Häuschen (und im übrigen auch sehr gut gefüllt). Ich war zu diesem Zeitpunkt auch schon selig. Irgendwie hat es die Band geschafft ihre einmalige Magie und Ausstrahlung zu retten. Was sicherlich auch daran liegt, dass die Jungs so eine unglaublich sympathische Truppe sind und der kleine Dominique Leonetti vor Charisma geradezu platzt.

Der neue Schlagzeuger spielt sehr variabel und bedient nebenbei auch gelegentlich noch ein Marimba, so dass man nicht ganz auf exotische Percussion verzichten muss. Und der Keyboarder fügt sich auch gut ein, mit einem Arsenal eigenwilliger Klänge, die für eine interessante Untermalung der Musik sorgen. Hier mal ein Jaulton, da mal eine geschickte Orchestrierung, das eröffnet den Songs von Lazuli sogar teils neue Möglichkeiten. Die wenigen French Horn-Einsätze waren schon mal nicht schlecht, aber da ist noch Potential für mehr. Mir schien auch, dass die Leode nun mehr Raum einnimmt, was den speziellen Klang von Lazuli noch mehr unterstreicht. Leicht umarrangiert bot die Band ihre tollen Songs in blitzsauberen Versionen an. Hatte ich schon erwähnt das Ged Byar ein heimlicher Gitarrengott und Dom Leonetti ein unheimlicher Gesangsgott sind?

Für Puristen vielleicht eine kleine Warnung: Es wird natürlich hie und da mit Samples gearbeitet (oder hat jemand z.B. einen Bassisten auf der Bühne gesehen? ;-) ). Aber die sind schon sehr geschickt ins Geschehen eingebaut, so dass niemals der Eindruck einer Retortenshow oder so entsteht.

Lazuli sind wieder da. Da kann man noch auf einiges hoffen von den Jungs, denke ich.

Die Band war sich vielleicht selber nicht ganz sicher, wie das alles funktioniert und aufgenommen wird. Die Erleichterung nach den ersten Begeisterungsstürmen war nahezu greifbar ;-) 3 Zugaben sprechen auch eine deutliche Sprache. Band glücklich, Fans glücklich, was will man mehr ;-)

Wir haben definitiv das selbe Konzert gesehen!! ;-) Mir sind teilweise ähnliche Gedanken durch den Kopf geschossen. Du hast noch diejenigen formuliert, die ich vergessen habe (http://www.lastfm.de/event/1313539+Lazuli+at+Colos-Saal+on+28+May+2010/r...). Das passt haargenau! Die Retortenshow haben die beiden Brüder nur im stummen Zeichencodes ausgekaspert.
Ich hätte dem Konzert sogar die 5 Sterne gegeben.

3

Nur drei Sterne für ein Lazuli-Konzert?!? Ja, leider, und ich werde erklären, warum, denn so leicht ist das nicht. Und da Lazuli eine außergewöhnliche Band ist, versuch ich diesmal, das Pferd von hinten zu zäumen.

Da standen sie nun, die fünf, die sich nun wieder Lazuli nennen, angereist aus dem fernen Süden Frankreichs und es tat ihnen sichtlich gut, die Szene die sich vor ihren Augen bot: ein frenetisches Publikum im Aschaffenburger Colos-Saal bejubelte die Wiederkehr der schon fast totgeglaubten Band, feierte womöglich, daß es nicht so gekommen war wie befürchtet und von der musikalisch-melodischen Seele der Band nicht mehr viel übrigen sein würde nach dem Weggang der kompletten Rhythmusabteilung.

Aber wie könnte man das in diesem Moment, nach gut zwei Stunden Konzert, von Bandleader/Gitarrist/Sänger Dominique Léonetti liebevoll auf Deutsch moderiert, denken? Nach 17 regulären Stücken (inklusive dem kompletten Album En avant doute) plus drei Zugaben? Und v.a. nach dieser allerletzten Zugabe, die gerade nicht von Réponse incongrue… stammte, auch nicht von En avant doute, sondern wo sie tatsächlich – dem geerdeten Stil des ganzen Albums getreu mit Trommel und Bongos – Naif von Amnésie brachten. – Und genau das war für mich dann die Aussage des Abends: seht her, wir sind da, und wir verleugnen trotz neuer Besetzung unsere Wurzeln nicht und werden das Beste aus der Situation machen. – Und sie taten es, zweifelsohne.

Das Beste aus einer Situation, die da heißt: nur noch ein Schlagzeuger/Perkussionist und statt Bassist ein Keyboarder mit gelegentlichen Waldhorneinlagen (ja,vielversprechend! :) ). Nun ist es ja so, daß (gute) Bands einfach bestimmte Kernkompetenzen in ihrem Stil haben; gerade im ProgRock-Bereich mag dies oft der rhythmisch-vertrackte Aspekt sein. Bei Lazuli hingegen war diese Kompetenz durch eine möglichst breite melodische Vielfalt der Instrumente geprägt: plingende Perkussion zusammen mit groovenden, knackigen Baßläufen auf der Warr-Gitarre, dazu das Quietschen, Schreien und Ächzen der Leode, der ja immer so etwas wie die Keyboard-Position innerhalb der Band zukam. Jetzt hat man Léode und Keys und so gut sich Romain über sein Tastenspiel auch versucht, den Ersatzmann am Marimba-/Metallo-/Vibraphon zu geben, so richtig schafft er es oft nicht. Insbesondere bei den älteren Stücken der Amnésie und En avant doute merkt man häufig, daß etwas fehlt. Dasselbe gilt für den Baß, der jetzt extern eingespielt wird, so sicherlich nicht die Intensität aufbauen kann, wie ein echter Bassist und es stellt sich doch die Frage, warum die Band am Konzept mit zwei Gitarristen (neben den beiden Léonetti-Brüdern ist von der Urbesetzung noch Gitarrist Gédéric Byar geblieben) festgehalten hat anstatt Byar nen Baß in die Hand zu drücken. Das allein macht Lazuli freilich nicht zu einer Allerweltsband; ihr Stil dringt nach wie vor gut durch. Nur: es fehlen Details, die so wichtig für das Ganze war, die die Stücke der Band überhaupt erst zu etwas Besonderem machten und das ging an mir dann doch nicht ganz gleichgültig vorüber.

Vielleicht schafften es die Stücke der Réponse incongrue… aber gerade deshalb, auf der Bühne mehr Ausstrahlung zu entfalten als auf dem Album. Denn wo Amnésie und En avant doute durch die eben angesprochenen Details glänzen können, die ihre ganze Fülle live vielleicht so ohne Weiteres gar nicht entfalten können, da kamen mir die Stücke der Réponse incongrue… immer ein bißchen gewollt und deutlich einfacher strukturiert als auf den Vorgängern vor. Live jedoch konnten mich l’essentiel, aimants, la belle noirceur (gerade das!), on nous ment comme on respire (zum Glück ohne diese nervigen Politiker-Samples) und abîme voll überzeugen.

Wunderbar war, daß die Band neben dem live fast unüberwindbaren l’impasse noch drei weitere Stücke der Amnésie spielten: neben dem finalen Naif waren dies chansons nettes (was gut funktioniert hat) und – ich wagte nicht, es mir zu wünschen – une ombre au tableau! - Mutig! Denn getragen von diesem knackigen Baßpattern im Hintergund, war es natürlich nicht klar, wie es klingen würde, wenn der Baß synthetisch vom Band kommt. Aber es funktionierte trotzdem gut!

Es ist allerdings die Frage, ob das der Weg von Lazuli bleiben soll: tolle Kompositionen mit Abstrichen aufzuführen. Denn eine Band, deren Stil so wesentlich vom Baß mitgeprägt ist, so ohne Bassisten dastehen zu sehen, mutet etwas merkwürdig, vielleicht sogar gewollt an, ohne daß ich das jetzt zu negativ bewerten möchte.

Wohin der Weg gehen könnte zeigten Lazuli mit dem Eröffnungsstück auf, das ganz vielversprechend klang: einem ruhigen, Amnésie-ähnlichen Einleitungspart folgte ein kräftigerer Teil, der mich tendenziell eher an En avant doute erinnerte, als an die Réponse incongrue… V.a. unter Mitwirkung des hier als Hornbläser auftretenden Keyboarders Romain ließ dies auf einiges hoffen.
Den Gegenpart lieferte ein weiteres neues Stück, das mal so gar nix war: Gitarrengebratze im Pseudo-Metal-Gewand spotteten jeder Beschreibung, v.a. aber dem einstmals so feinen, nuancierten und individuellen Lazuli-Stil.

Fazit: die Band braucht unbedingt nen Bassisten! Wenn schon keine Gentle-Giant-Lösung (Keyboarder Romain im Wechsel zwischen Keys und Perkussion) eingeführt wird, dann ist der Einsatz eines Bassisten wirklich sehr wünschenswert. – Und ob es neben der Léode wirklich noch ein weiteres Synthie-Instrument braucht, sei dahingestellt.
Insgesamt also ein tolles hochmotiviertes Konzert, dessen Abstriche für mich allerdings zu stark ausfallen. Da das Konzert somit sowohl einen Haufen Positives, aber ebenso einige schmerzhafte Schatten bot, ziehe ich drei Sterne.