Termin

Svin | French TV, Würzburg, 14.11.12

Titel:Svin | French TV
Art:Konzert
Am: Mi, 14.11.2012
Im: Immerhin
In:Würzburg, Bayern
Link:Konzertinfos

Die Termine der Svin-Novembertour 2012 in der Übersicht

Svin

Es war einmal Magnus, der kam vom Bauernhof. Magnus liebte es, mit seinen Kumpels auf dem Misthaufen rumzusitzen und abgefahrenen, bläsergeladenen Jazzrock mit Tanzfeeling zu spielen, allerdings machte er wohl etwas zuviel Halligalli für Huhn & Co., so daß die Magnus Fra Gaarden-Gang vom Hof geschmissen wurde. - Naja, zumindest löste sich die Band auf. Nicht aber, ohne vorher noch schnell ein Schwein stibitzt zu haben - und in ihren Musikcharakter einzuverleiben.

Svin heißt Schwein und neben Zuchtvieh vom alten Bauernhof hat die Band auch einige alten Mitglieder mitgenommen:
Magnus Bak, der zusammen mit seinem Kumpel Henrik Pultz Melbye die Bläserfraktion bildet ist ebenso wieder dabei wie der für Gitarre und Gesang verantwortliche Frontmann Lars Bech Pilgaard (im Magnus Fra Gaarden-Debut-/Dernierenalbum auch passenderweise als "Dictator" betituliert). Aber wo Magnus Fra Gaarden teils schon tanzbares Liedgut mit Gute-Laune-Feeling ablieferten, da suhlen sich Svin teils unbarmherzig im Dreck: das Schlagzeug dominant im Zentrum, E-Baß haben sie keinen, brauchts auch nicht, dafür haben sie ein Horn, das mehr röhrt, als es ein Baß je könnte.

Wenn dann Diktatorenfrontmann Lars auch noch vor jedem Lied von wegen folgendem Liedtitel irgendwas mit 'Arschgesicht' ankündigt, ist die Richtung, aus der der Wind weht klar, ne? Fazit: Very-Hard-Rock mit hohem charlynischem Rock'N'Roll-Faktor!

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French TV

Hinweis!
Neben dem Gig am 11.11. beim Prog 66 Meeting im belgischen Verviers, ist dies der einzige Auftritt in Progrock-Dt-Land!

Es gibt so Bands von denen nicht viel Notiz genommen wird, obwohl sie schon Jahre, manchmal Jahrzehnte zugange sind und obwohl (oder vielleicht weil?) sie oftmals ihr eigener Herr sind, Albenproduktion und Vertrieb selber regeln und sich nicht in stilistische Schubladen stecken lassen, sich immer wieder neu erfinden.
Und wie auch den US-Landsleute von Cheer-Accident ergeht es ganz ähnlich den aus Louisville (Kentucky) stammenden French TV um ihren Dreh- und Angelpunkt, Bandgründer/Baßist/Hauptkomponist Mike Sary, die bereits seit 1983 aktiv sind: so richtig wahrgenommen werden solche Bands mit ihren stilistischen Mischungen zwischen den Stühlen nicht so richtig.

Als Einflüsse nennt die Band Samlas/Lars Hollmer, Gentle Giant, Univers Zero, Etron Fou, UK, Bruford, National Health, PFM, Happy the Man, Weather Report, Yes, Brand X, King Crimson, VdGG. - Und zumindest für ihr 2010 erschienenes Album I Forgive You for All My Unhappiness faßt Nik Brückner ihren Stil in einer ganz einfachen, alles sagenden Beschreibung zusammen: "Canterburyjazzrockfusion mit Spaß-RIO/Avant und Retroprog".

Alles klar? Nein? - Hingehen!

Texte übernommen von Homepage der FreakShow, Würzburg. Mit herzlichem Dank.

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Beginn: 20.30 h
Eintritt: 10 Eur

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French TV

Herr Ober, ich hätt gern ein Gericht mit allen Zutaten Ihrer Küche, aber bitte delikat serviert! Von allem etwas, aber nichts zu viel. Ich darfs danach nicht über haben, mich aber beim Essen auch nicht langweilen!

Ein Ding der Unmöglichkeit? Nein!

French TV – da brauch ich gar nicht lang drum rumzureden – French TV verkörpern Progressive Rock im wahrsten Sinn! Auf ihrem Teller werden die unterschiedlichsten (Stil-, Rhythmus-, Ideen-)Zutaten angerichtet zu einem völlig unprätentiös präsentierten Mix, der vor allem von einer Sache getragen wird: Rock. Kein Tröterich, der des Trötens wegen den Zuhörer mit der von mir so oft wie gern angeführten weißen Wand konfrontiert. Überhaupt: keine Idee, die erscheint, als ob gerade nix besseres zur Hand gewesen wäre. French TV haben derlei auch gar nicht nötig, dazu steht dem Geist, der ihre Komposition und damit die Konzipierung ihrer Stücke ausmacht, wohl viel zu viele Freiheiten zur Verfügung. Und ich bin überzeugt: wollten sie, sie könnten viel jazziger, sie könnten weiße Wände aufbauen bis es auch dem tolerantesten Zuhörer blümerant ums tolerante Herz wird. An diesem Abend machen sie das aber nicht; statt dessen kommt dieselbe 6er-Setlist à 10 Minuten (quasi das gesamte aktuelle, 2010er-Album I forgive you for all my unhappiness - mit Live-Erweiterungen, denn jenes dauert nur 45 Minuten) zur Aufführung, welche sie am Wochenende zuvor bereits im belgischen Verviers beim Prog 66 Meeting zum besten gegeben hatten – nur, daß die Band (die während der aktuellen Tournee in dieser Besetzung hier in Würzburg überhaupt erst zum zweiten Mal miteinander ein Konzert bestritt) dank diesem Konzert vorangehender Proben (wie mir gesagt wurde) echtes Bandfeeling geschaffen hatte. – Und dies war auch durch und durch zu spüren, zu sehen, vor allem aber zu hören, denn nahtlos harmonierten der US-amerikanische mit dem französischen Teil der Band, das straffe Timing, die Chemie untereinander, das blinde Verstehen, das sprach für sechs hochprofessionelle und ebenso hochmotivierte Musiker, jeder für sich.
Erfrischend serviert wurde also ein buntes Gericht mit des Hörers Aufmerksamkeit auf sich ziehenden (ohne diese plump erhaschen wollenden) Breaks in Metrum und Melodie; Melodieparts wurden zwischen Instrumenten, aber auch innerhalb von Stücken, quasi als Episoden, teils gegenüber-, teils nebeneinandergestellt, der Baß von Leader Mike Sary scharrt auf so herrlich erdig-bissige Rock-Art und Weise und ist dabei immer so kernig präsent, daß das Herz des Schreibers Freudenhüpfer macht – und immer wieder zeigt die Bands delikat feine Momente, die ein umso größerer Beweis dafür sind, wie plump (und teilweise schon hilflos) ‚avantgardistische’ Geräuschemacherei um ihrer selbst Willen ist. In Erinnerung bleiben werden mir hier aufs Akkurateste hin gespielte Unisoni von Gitarre (wunderbar, auch ohne Gitarrero-Posing: Shawn Persinger), Geige (absolut souverän: Ludo Fabre) und Karl Ledus am unquietschig-ungetrötenen Schmeichelsax (sowie an Querflöte und Sopransaxophon gerader Bauform), die sich erst dann als solche bewußt herauskristallisieren, als sich die Instrumente wieder voneinander lösen. Highlight für mich aber waren die abwechselnden Soli-‚Duelle’ von Geige und E-Gitarre: auf die Idee, diese zwei Instrumente miteinander tanzen zu lassen, dem jeweils anderen Instrument am Ende des eigenen Parts seine Melodielinie mitzugeben und es für den Hörer auf den ersten Hinhörer so erscheinen zu lassen, als ob das vorherige Instrument weiterspielte, auf diese Idee muß man erstmal kommen. Diese dann so umzusetzen, daß sie nicht in technische Demonstration abgleitet, sondern sich organisch mit dem Rest des laufenden Stücks vermengt, das ist große Kunst, die bei diesem Konzert wirklich und unübertrieben an jeder Ecke wartet.
Nicht unter den Tisch fallen soll freilich das die Musik kraftvoll unterlegende und diese ebenso unprätentiös wie die anderen Instrumente mitgestaltende Schlagzeugspiel Brian Donohoe’s sowie die Tastenarbeit Nicholas Fabre’s, dessen auf unterhaltsam akzentuierte Weise eingesetzte, Geige, Sax und Gitarre gegenübergestellte spaceige Einlagen für Eindruck gesorgt haben. Überhaupt sind French TV eine Band, die auch unterhalten will.

Carla Kihlstedt’s facettenreiches Ravish-Album resultiert aus einem Theaterprojekt; French TV hingegen erschaffen hier ihr eigenes Stück, indem sie ihre 10-Minüter gliedern, strukturieren, stets straff und interessant halten. Indem sie Bühnenbilder während der Stücke wechseln, Farben, Stimmungen, Licht, all das. Auf diese Weise gelingt es ihnen, bei allem Anspruch tatsächlich, ungemein unterhaltsam zu sein und ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt ein komplettes Konzert über mit einem mehr oder weniger ausgeprägten Grinsen die Band anhimmelte. In seiner BBS-Rezi über das Death Defying Unicorn ist Nik Brückners Kernsatz für mich die Aussage, das Album sei gerade deshalb als so groß anzusehen, da es aus ganz viel (Ideen, Stile etc.) die für die Band relevante Quintessenz herunterbricht, verdichtet, statt aus wenig viel aufzublasen: Dasselbe findet sich bei French TV; ich weiß nicht, ob das auf jeder ihrer CD so ist, aber bei dem an diesem Abend gebotenen Programm war es der Fall.

French TV’s Progressive Rock ist Progressive Rock im eigentlichen Sinn: ohne konzeptionelle Limits, vor allem aber – ohne zeitgeistige Patina. Zeitlose Musik. Hätts mir vor Jahren jemand gesagt, es hätte Sinn ergeben: French TV sollte sich jeder Neuankömmling im Prog anhören. Ganz, ganz groß!


Svin

Nach einem Konzert wie dem von French TV (das für mich, nebenbei bemerkt, zu einem der besten gehörte, welches ich in den vergangenen Jahren im Rahmen der FreakShow hörte – und das waren so wenige nicht), wirds für andere Bands schwer. Und Svin (die eigentlich als erste des Abends ran sollten, dann aber doch nach hinten geschoben worden waren, da die anderen Musiker weiter Richtung Montpellier mußten) hatten mich schon vor nem Jahr, damals im Vergleich mit den bedeutend luftig und stilistisch freier daherkommenden Eder, und vor allem im Vergleich zu dem, was Svins personell direkt verwandte Vorgängerband Magnus fra Gaarden zustande gebracht hatte, nicht so sehr vom Hocker gehaun. Zweite Chancen müssen aber sein, zumal bei ner menschlich derart sympathischen Band wie Svin.

Das eierbeladene Vollgasdrumming (Thomas Eiler weiß, warum er vor sich, auf der Bassdrum, n paar Ersatzsticks liegen hat: einer mußte unterm Spielen auch dran glauben) ist über weite Teile nach wie vor im Zentrum des Geschehens – alles andere wäre jedoch auch seltsam, stellt doch Drummer Eiler den entscheidenden personellen Unterschied zwischen Magnus fra Gaarden und Svin dar. Ebenso bratzt die Gitarre über weite Strecken parallel dazu und die zwei Bläser tun etwas ähnlich Grobbehauenes. Svin sind laut! Aber: die Band hat ihren Very-Hardrock-Stil mit Jazzanleihen dennoch weiterentwickelt, bremst diese Vollgasorgien nun immer wieder massiv über mehrere Minuten herunter, ändert die Stimmung, erzeugt so eine teils postrockähnliche Atmosphäre. Highlight ist hier eine Passage sphärisch gehauchten Saxophons, während Lars Bech Pilgaard seine (E-!)Gitarre, stilvoll dazu passend, vierfingrig zupft – das ist nicht nur an sich schon selten, sondern hätte ich gerade bei Svin nicht unbedingt erwartet.

Svin zum Vorwurf zu machen, sie spielten schlichte Musik führt zu nichts, denn der stilistische Fundus, aus dem sie für ihre musikalisches Konzept schöpfen, ist - verglichen mit French TV - ein ganz anderer und auch ihre Vorstellung von Musik ist eine völlig andere.

Schweren Herzens (und der Vollständigkeit halber) möchte ich noch erwähnen, daß bei Svin mehr applaudierendes Gejohle, ebenso wie das einzige charlynische ‚Rock’N’Roll!!’ des Abends zu vernehmen war. Eine Tatsache, die ich nicht ganz nachvollziehen kann, aber wie ist es doch bei FreakShow-Konzerten so oft? – „Die Meinungen, sie gingen weit auseinander“ (viele Grüße zu Volkmar an die Küste).