Termin

Talibam!, Würzburg, 22.03.10

Titel:Talibam!
Art:Konzert
Am: Mo, 22.03.2010
Im: Kulturhaus Kairo, Kombüse
In:Würzburg, Bayern

Beginn: 20:30
http://www.myspace.com/talibam

Talibam! aus New York sind ein 2001 gegründetes, komplett anarchistisches, hyperaktives, unkorrumpierbares und extrem intensiv aufspielendes Experimental-Jazz-Rock Duo (MATT MOTTEL - keyboard, KEVIN SHEA - drums), das, alle Stilgrenzen ignorierend, Musik irgendwo im Grenzbereich von Post-Prog Funk und Free Noise Polka macht. Dabei wenden sie sich aber keinesfalls an eine kleine Gruppe avantgardistischer "Kenner", sondern beglücken mit ihrer brachialen Show jeglichen begeisterungsfähigen Freund spannender Musik.

5

Hat jemand noch Superlative im Keller? Gern auch gebrauchte, ich nehm alles, sogar gute bis sehr gute Komparative – soferns die gibt… Ehrlich, mir gehen die Superlative aus! Ich mein, ich kann doch nicht jeder Brooklyner/Brooklyn’scher, jeder Band aus Brooklyn halt, ne 1* geben, das grenzt doch an Inflation! – Aber was diese beiden Kerls da heute Abend abgeliefert haben: erste Sahne! Laß ich den elektronischen Teil jetzt mal außen vor, reicht allein schon die Erinnerung an das, was da in intimer Entfernung von zweieinhalb Metern im engen Kabüffchen der Café Cairo’schen Kombüse maltraitiert, nein, gespielt wurde: Schlagzeug als melodisches Instrument, im progressiven Sinn sogar als gleichwertigeres Instrument als der oft fast schon kindlich-melodiös aufspielende Synthesizer. Da wurden nämlich nicht nur Krummheiten aller Art, Tempoverschiebungen, Taktbetonungen geboten, da wurden auch immer wieder groovigste Attitüden ausgepackt. – Und in Verbindung mit der nebenstehenden, per Sticks direkt bespielten Drummachine war diese Ein-Mann-Rhythmuskombi an Originalität eh nicht zu überbieten!
Sagte ich was von wegen eher biederem Synthesizer? Pustekuchen! Das waren doch nur Spurenelemente, die Spuren von Ei, Weizen, Nüssen & Co. Die man immer mit drin hat und da die beiden Talibams natürlich um die Geradlinigkeits- und Harmonieallergie vieler Proggies wissen, haben sie ihre Produktionsanlagen so gut es geht davon befreit, aber eben manche Ecken absichtlich nicht ganz gesäubert. Der Großteil der Produktion verläuft bei den beiden Herren jedoch auf höchstem proggigen Hygienestandard und so ist hier ein Synthesizer eben nicht nur ein Frequenzmodulierungsmaschine, die da einsam im Raum herumsteht und irgendwie bespielt wird, sondern in diesem Fall müssen da schon ein Sampler, ein Verzögerer (ein Delay) und noch ein weiterer Verzerrer herhalten. Das Ergebnis ist elektronische Virtuosität auf höchstem Niveau!
Mit ihrer Stilbeschreibung von PostProgFunkFreeNoisePolka kommen Mottel und Shea ihrer Art von Musik auf jeden Fall schon gut nahe, decken rhythmisch und melodisch alles ab, was nur irgendwie zum Headbangen, Mitzucken, Mitlachen animiert, incl. Gospel (Oh when the saints), Rap (jahaa) und natürlich Jazz, immer wieder Jazz! Weniger am Synthie, als vielmehr am Schlagzeug, dessen Becken am Ende des Konzerts aufgrund der ständigen Bearbeitung wohl ganz froh um die eingekehrte Ruhe gewesen sein dürften. Denn abgesehen von drei kurzen, wohl so um die fünf Minuten langen Stücken zu Beginn und am Ende – mit, auch das gabs noch, waschechter Punkattitüde -, bestand das gut 75 Minuten lange Konzert aus einem Stück. Und soll ich euch was verraten? Das hat mich passagenweise immer wieder an eine Stimmung erinnert, die ich SO, bei so einer Band, niemals erwartet oder gar im Voraus vermutet hätte: an eine Atmosphäre, an einen Traum, an ein Kontinuum, das erzeugt wurde von elektronischem Klangteppich und – ja, das gibts! – sphärischem Schlagwerk. - Meine Erinnerung ging tatsächlich hin zu Pulsars wunderbarem Halloween. - Was?! – Ja, wirklich! Da wurde durch eine Zweimannkombo ein Raum geschaffen, der bisweilen so kraß (ich sach halt eben nur: wer verkraßt denn Oh when the saints innerhalb eines Jazzrockkonzerts?!) war, aber im selben Konzert ein Nebeneinander unheimlicher Erdung vermittelt. Und damit das Gefühl: hört nicht auf!

HÖRT-NICHT-AUF!!