Termin

Testadeporcu, Würzburg, 25.04.13

Titel:Testadeporcu
Art:Konzert
Am: Do, 25.04.2013
Im: Immerhin
In:Würzburg, Bayern
Link:Konzertinfos

Stellvertretend für das, was den Hörer bei der Musik des italienischen Baß-/Schlagzeug-Duos Testadeporcu erwartet, möge Udo Gerhards Kommentar auf den BBS zum Album Acciaiu von 2004 stehen:

« Die stark durchgeplante und -komponierte (Improvisation spielt also kaum eine Rolle) Musik des Duos ist nervös und hyperaktiv: kaum einer der in der regel heftig krummtaktigen Teile dauert länger als ein paar Sekunden, ständige Breaks, Stops und Wechsel herrschen vor. Dazu lässt Diego D'Agata seinen Bass ordentlich scharren und krachen, oft akkordisch gespielt, aber auch gelegentlich mit jazzigen Linien oder funkig geslappt (...) ».

Beginn: 20.30 h
Eintritt: 10 Eur

5

So, lieber Prog-Hörer, wer soll nun Dein Herzblatt sein?

Kandidat 1, der hyperaktive, hochklassige Drummer, der das „Varus“ nicht nur auf dem Resonanzdeckel seiner Bass drum stehen hat, sondern die gleichnamige Schlacht in fünfzigfacher Geschwindigkeit nachspielt, wobei egal ist, wer Römer und wer Germane ist. Und bei dem der Hörer nicht weiter verwundert wäre, wenn aus seinem Schritt tatsächlich ein dritter Arm erwüchse, denn eigentlich sollte sowas, was da so gespielt wird, mit zwei Armen/Händen gar nicht möglich sein, aber die Beachtung humanmechanischer Limits ist eh nicht so die Sache der zwei Italiener (wem das zu sexistisch ist: gewundert hätts mich ebenfalls nicht, wenn da zwischen seinem Gestühl und der Bass drum noch irgend jemand gesessen hätte, der mitgetrommelt hätte).

Oder Kandidat 2, der E-Basser mit E-Gitarrer-Posing, „the new Sexmachine“, der Dir statt spartanisch belegter E-Baß-Margherita eine prallvoll gestopfte Calzone nach klassischer Gitarrenspielart mit ärschestem Arsch in der spannenden Hose serviert – und diese obendrein, triefend fett ob so viel geballter Spielpräsenz, fritiert (fritierte Calzone gibts im Übrigen tatsächlich). Der immer wieder ein 64stel- (oder wars 128stel-?)Highspeed-Slapping hinlegt, mit dem er – in tatsächliche Geschwindigkeit umgesetzt – sowohl TGV als auch ICE in den Weiten der Champagne wegblasen würde. Mit seiner Rechten. – Mit seiner Linken würde er gleichzeitig womöglich einen Andrés Segovia neidisch machen (ok, fast…).
Das Ganze garniert mit Magma-zeuhleskem Orkgegrunze (oder doch eher Marke „Yoshida“?) und sonstigem bisweilen auch ‚cleanem’ Highspeedgesang (muß ja zur Musik passen) in was für einer Sprache auch immer. – Der ‚bessere’ Vander, denn Diego d’Agata macht das alles mit Humor und es sieht so spielend, so selbstverständlich behend aus, was er da macht, als ob er mal eben souverän seine Herzdame übers blankpolierte Tanzparkett führte. À propos dieselbige (der blitzende Ring am Ringfinger seiner Linken verräts): ob die wohl weiß, was er da so des Abends auf fremdländischen Bühnen für eine archaische Urshow abliefert? Eine, bei der nur sein ‚abartig’ perfektes Baßspiel verhindert, daß ihm das aufgestaute Testosteron zu den Ohren rausspritzt.

Testadeporcu haben alles im Überfluß: Wo sich andere, drei-, vier-, fünf- oder gar noch mehr köpfig besetzte Bands strecken müssen, ein solides Niveau zu erreichen (geschweige denn, dies auch zu halten), da haben diese zwei unglaublichen Musiker von allem überreichlich. Testadeporcu machen Musik wie 100 Hz-TV, nur statt für die Augen zu schnell für die Ohren, alles geht unheimlich schnell: Tonstafetten prasseln auf den Hörer ein wie ein reinigendes Sommergewitter, Taktwechselstafetten gehen so schnell durch, daß es schon wieder selbstverständlich wird was da geschieht (unnütz zu sagen, daß sich die beiden blind verstehen), Spieltechniken werden rasend schnell kombiniert, ganze „Wie lerne ich E-Baß von der Pike bis zum Hammerniveau?“-Lernbände in Zwei-, Dreiminutenstücken durchgezockt (bei Basser d’Agata noch deutlicher sichtbar als beim absolut gleichberechtigt spielenden Drummer-Nebenmann Claudio Trotta). Dabei schaffen es die beiden irgendwie, einen Rockfaktor wie Sau zu generieren, der für so manche selbstbetitelte, ‚waschechte’ Rockband wohl immer Wunschdenken bleiben wird. Mühelos könnten die zwei Techniketüden hinklatschen, in denen es vor ‚Weißer Wand’ nur so trieft. Tun sie aber nicht. Dafür liebe ich sie!

Kurz, es bestätigt sich mal wieder das, was ich schon so oft gewittert habe: es sind gerade die kleinen, minibesetzten Duos, die am meisten Substanz aus ihren Mitteln rausquetschen (und das, obwohl die zwei noch nicht mal mit Effekten hantieren). Testadeporcu: eine Band zum Schlapplachen und – vor allem! – zum Staunen. Endlich mal wieder Staunen, Staunen, Staunen.

Und wer jetzt noch fragt, was – in Genrebegriffe gefaßt – die zwei denn zum Geier genau gemacht haben, dem hau ich hier gern die Abwandlung eines schönen Satzes unseres Niks zu einem (im Vergleich zur Musik Testadeporcus) ungleich ungeileren Album um die Ohren:
‚Nee, Jazzcore höre ich hier nicht. Eher - hm - alles...’