Termin

Thinking Plague, Würzburg, 01.04.08

Titel:Thinking Plague
Art:Konzert
Am: Di, 01.04.2008
Im: Kulturhaus Cairo
In:Würzburg, Bayern
Link:Thinking Plague

Veranstalterinfo:

die letzten amerikanischen RIO-helden der ersten generation, eine faszinierende mixtur aus schrägen, neutönerischen melodien in BRECHT-WEILL-manier, gnadenlos komplex arrangiert und heftig rockend präsentiert....

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Das Unschönste an diesem Konzertabend war, dass ich aufgrund einer fiesen Nachtbaustelle etwa 20 Minuten zu spät gekommen bin. Also habe ich leider einen Teil des Konzerts verpasst. Und dann hätten Thinking Plague vielleicht auch ein, zwei Titel mehr spielen können, aber das war es dann mit Mecker.

Ansonsten war es ein unglaublich intensives, unglaublich tolles Musikerlebnis. Thinking Plague sind ja inzwischen sowas wie die Allstar-Combo des RIO / Avant-Bereichs. Mike Johnson, letztes Ur-Mitglied, an der Gitarre wird unterstützt von Dave Kerman am Schlagzeug, David Willey am Bass (u.a. Hamster Theatre) und Mark Harris (??, bin mir beim Namen nicht ganz sicher) an diversen Blasintrumenten. Als besondere Gäste sind Keyboarder Stevan Tickmayer und Sängerin (und Keyboarderin) Elaine Di Falco mit dabei.

Die technischen Fähigkeiten der Musiker werden einem erst bewusst, wenn man sie live agieren sieht. Mit welcher Leichtigkeit und Sicherheit hier interagiert und durch komplexe Passagen navigiert wird, das ist einfach nur beeindruckend. Über Dave Kerman und seine Show am Drumset sowie sein explosives Spiel muss man ja nicht mehr viele Worte verlieren, aber beeindruckend welch toller Gitarrist Mike Johnson eigentlich ist. Das wird auf den Studioalben nicht so deutlich. Mein persönlicher Star des Abends war allerdings Keyboarder Tickmayer. Was dieser während seines Solospots abgeliefert hat, war schlichtweg ausserirdisch... anwesende Tastenexperten können das vermutlich nur bestätigen.

Einige Ausflüge in schmerzhaft schräge, fast atonale Gefilde stellen den Hörer schon mal auf die Probe (also mich zumindest), aber dann können Thinking Plague vor allem auch herzhaft und druckvoll abrocken, als gäbe es kein Morgen. Da verblassen die meisten Heavy-Combos dagegen. Als pragmatisches Schlagwort möchte ich dazu "Sleepytime Gorilla Museum in mehr intellektuell" in den Raum werfen. Mit Elaine Di Falco hat man tatsächlich jemanden gefunden, der ähnlich schräg wie Deborah Perry intonieren kann... gefährlich für meine Zehennägel, aber ich muss zugeben, live hat das ganz gut gepasst.

Ein tolles Erlebnis... die Band spielt(e) heute in der Schweiz, am Donnerstag (03.04.) in Mailand mit Yugen (!!) und dann geht es weiter zum Gouveia Art Rock-Festival, da können sich die dortigen Fans schon mal auf ein feines Konzert freuen.

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Ober-Freak Charly Heidenreich lud mal wieder ins Kulturhaus Cairo in Würzburg, und immerhin etwa 50 abenteuerlustige Hörer tauchten auf, um den US-amerikanischen Avantgarde-Rockern Thinking Plague zu lauschen. Unsere eigene Anreise war zwar staugeplagt, was wenigstens in einer Punktlandung zum Konzertbeginn um 21:00 resultierte. Und sich lohnte, denn Thinking Plague lieferten einen hervorragenden Auftritt ab, in dem Mike Johnsons überaus verzwickt, schräge Songs (denn um solche handelt es sich - meistens - trotz aller Komplexität) beeindruckend souverän sowie druckvoll und mitreißend dargeboten wurden.

Gegenüber den auch hervorragenden Studio-Alben bemerkenswert war aus meiner Sicht vor allem, dass live viel sicht- und hörbarer war, was für ein großartiger Gitarrist Johnson ist, der im Übrigen wie ein gütiger Lehrer aussieht - und zumindest im "echten" Leben auch Lehrer ist. Auf den CDs stehen die Kompositionen so sehr im Vordergrund, dass man an dieser Tatsache leicht vorbeihören kann.

Schlagzeuger Dave Kerman gab den gewohnten Showman, der alles benutzte, was nicht niet- und nagelfest wa, um es zur Percussion umzufunktionieren, von Tassen, Tellern über Möhren und Äpfel bis hin zu seinem eigenen Kopf. Dieses Getue könnte leicht in Gepose ausarten. Tut es aber nicht, vor allem deshalb, weil Kerman gleichzeitig die wirklich schwer vertrackte Rhythmik der Musik so scheinbar mühelos (aber auch ungemein kraftvoll) bewältigt.

Die aktuelle Tour-Besetzung von Thinking Plague ist sowieso eine All-Star-Truppe, neben dem exzellenten Stammbläser Mark Harris, der ein beeindruckendes, bemerkenswertes Altsaxophon-Solo-Spotlight mit unglaublichen Multiphonics bekam: Bassist Dave Willey von Hamster Theatre, Sängerin Elaine DiFalco von Hughscore und Keyboarder Stevan Tickmayer von der Science Group, dazu Tontechniker Udi Koomran, der wieder einmal einen hervorragenden (und diesmal nicht zu lauten - vgl. Present bei früheren Freakshow-Festivals) Live-Sound herbeizauberte.

DiFalco war eine mehr als würdige Vertretung der eigentlichen Thinking-Plague-Sängerin Deborah Perry und navigierte die ebenfalls sehr anspruchsvollen Gesangslinien voller Sprünge über einer wenig hilfreichen komplexen Begleitung mühelos.

Mein persönlicher Gott des Abends war aber Stevan Tickmayer. Anfangs machte der wie ein typische Geek von nebenan aussehende, in Frankreich lebende Hungaro-Jugoslave im Thinking-Plague-Gesamt-Sound wenig Eindruck, was sich aber im Laufe des Konzertes zunehmend ändert. Speziell nach seinem atemberaubenden Keyboard-Solo-Spotlight bin ich schwer versucht, ihm einen kleinen Hausaltar inklusive Räucherstäbchen aufzubauen.

Ich besitze Tickmayers Solo-Album "Repetitive selective removal of one protecting group" und war immer der festen Überzeugung, dass die überwiegend verstandfickend komplexen, rasend schnellen Stücke darauf nur komplett MIDI-programmiert sein könnten.

Ich muss zugeben: Falsch gedacht. Unglaublich.

Und das i-Tüpfelchen auf einem tollen Konzertabend.